Drunken Noodles – Kritik
Streaming-Tipp: In einer sommerlichen Traumwelt, die New York verblüffend ähnelt, trifft ein Student auf drei verführerische Männer. Lucio Castros sinnlich verspieltes filmisches Rätsel Drunken Noodles kreist um geisterhafte Begegnungen, melancholische Einsichten und die Schönheit flüchtiger Intimität.

Eine schlichte Klaviermelodie klettert die Tonleiter rauf und wieder runter, bevor sie sich in einem dissonanten Akkord auflöst. Auch die Geschichte des Studenten Adnan (Laith Khalifeh), der im sommerlichen Brooklyn ein Praktikum in einer Galerie macht, beginnt simpel, bewegt sich in der Zeit vor und wieder zurück, während sie sich immer gestrüppartiger und geheimnisvoller ausbreitet. Die Stadt ist fast menschenleer, und Adnan, der in der Wohnung seines verreisten Onkels eine unkooperative Katze versorgen muss, scheint sich zunächst selbst zu genügen. Seinen entspannten Alltag zerlegt der Film in schwerelose Alltagsmomente und stylishe Stillleben.
Erst der Essensausfahrer Yariel (Joel Isaac) zieht die Aufmerksamkeit des Studenten auf sich. Entscheidend an dieser ersten Begegnung ist, dass Adnans Blick zwar an dem etwas sonderbaren, aus einem nicht genannten spanischsprachigen Land stammenden Mann hängenbleibt, dieser aber das Interesse seines Gegenübers nicht bemerkt. Auch sonst widmet sich der argentinische Regisseur Lucio Castro in seinem Film zahlreichen Momenten, in denen sich Adnan und sein Gegenüber – nach Yariel treten noch zwei weitere Männer auf – knapp verpassen. Während die anderen in Drunken Noodles unvermittelt und mysteriös abwesend sind, bleibt die Hauptfigur einsam zurück.
Geteilte Nudeln und ein irre leuchtendes E-Bike

Dabei entwickelt sich die Handlung zunächst wie eine spontane Sommerromanze. Adnan und Yariel sehen sich kurz darauf nachts auf einem leeren Sportplatz wieder. Sie wichsen gemeinsam, teilen sich die titelgebenden Nudeln und Adnan darf sogar eine Proberunde mit Yariels irre leuchtendem E-Bike drehen. Es bleibt jedoch eine undefinierbare Distanz zwischen ihnen, die wie eine Laune des Universums wirkt. Als Yariel einmal unerwartet in der Galerie auftaucht, geht Adnan nur kurz ins nächste Zimmer, und schon ist sein Besuch wieder auf magische Weise verschwunden.
Künstler sind in Filmen oft ein bisschen ichbezogene, wehleidige und langweilige Charaktere. Lucio Castro sieht das offensichtlich anders, denn nicht nur Yariel (der Gedichte verfasst), sondern auch Adnans Boyfriend Iggie (der Schriftsteller ist) und der ältere, von der Galerie vertretene Sal (der farbenprächtige Stickbilder fertigt, in denen mythische Popkultur-Helden wie Pinocchio und He-Man in schwule Sexexzesse geraten) haben kreative Berufe.
Ein Faun mit freihängendem Gemächt

Kunst ist in Drunken Noodles jedoch weniger wegen ihres Prestiges interessant als wegen ihrer Möglichkeit, die Wirklichkeit abzubilden, sie zu verzerren und wiederum – durch Menschen, die sich von ihr inspirieren lassen – zu beeinflussen. Die Grenzen zwischen Realität und Fiktion sind im Film konsequent durchlässig. Als Yariel Adnan spontan mit einigen Kollegen besucht, kommt es zu einem Gangbang, der in Tableaux-vivants inszeniert wird, die auf Sals Arbeiten basieren. Später schlüpft im Mondscheinlicht auch ein Faun mit freihängendem Gemächt aus einem von Sals Bildern, und eine verstörende Geschichte, die Iggie geschrieben hat, ereignet sich auf einmal tatsächlich.
Drunken Noodles ist in vier Kapitel unterteilt, von denen zumindest die ersten drei rückwärts erzählt sind. Nachdem die Geschichte mit Yariel abrupt abbricht, befinden wir uns plötzlich in Upstate New York. Es ist ein früherer Sommer, in dem Adnan wegen einer Fahrradpanne Hilfe bei dem älteren Sal (der Künstler Sal Salendra spielt sich selbst) sucht. Die beiden haben Sex, und der Künstler erzählt vom Verlust seines verstorbenen Freundes. Angeblich wohnt auch Sals Mutter im Haus, die wir aber nie zu Gesicht bekommen, was zum geisterhaften Spirit des Films passt.
Niedliche Verletzlichkeit

Die dritte und längste Episode spielt sich einen Tag früher zwischen Adnan und Iggie (Matthew Rish) ab, die gerade ihr Ferienhaus beziehen, das wiederum ein paar Kilometer entfernt von Sals Haus ist. Seit dem Tod von Iggies Schwester ist die Beziehung schwer angeknackst. Sex wird dem sich verzehrenden Adnan von seinem depressiven Freund seit Monaten verwehrt, stattdessen holt sich Iggie lieber heimlich einen runter. Hauptdarsteller Laith Khalifeh, der eine interessante Mischung aus Nachdenklichkeit und Risikofreude ausdrückt, wirkt in diesen Momenten auf eine berührende und auch irgendwie niedliche Art verletzlich.
Trotz mancher etwas artifizieller Handlungskonstruktion beherrscht der Film das freie Erzählen. Er ist verspielt und sinnlich genug, um sich die verführerische Kraft eines Rätsels zu bewahren. Er kreist um spontane Gefühlswallungen, metaphysische Verlorenheit und komische Träume, die Besitz von der Wirklichkeit ergreifen. Drunken Noodles handelt von der Einsicht, dass selbst Liebende nie ganz zueinanderfinden können, schafft zugleich aber flüchtige Momente, deren Schönheit diese Melancholie wieder überstrahlt. Die Wälder vor den Toren New Yorks wirken hier unergründlich und verzaubert. Sie haben die Kraft, Menschen auf wundersame Weise zusammen zu bringen und die Grenzen der Vernunft hinter sich zu lassen. Nur manchmal lässt Castro zuviele lose Enden in der Erzählung und schließt sich in seinem eigenen Mystizismus ein.
Bei der letzten Episode bleibt unklar, ob sie nun in der Vergangenheit oder in der Zukunft spielt. Nach einer Ausstellungseröffnung verliert sich der betrunkene Adnan in einem Park. Zeit und Raum lösen sich auf – und bald auch der Betrunkene. Die eingeflochtenen Zitate des chinesischen Dichters Li Bai (701-762) geben ein paar Anhaltspunkte zur Interpretation.
Noch zu Beginn besucht Adnan einen verwunschen Cruising-Wald, wo er einem Fremden einen bläst. Als Adnan sein Sperma auf den Boden spuckt, will der andere wissen, ob er einen Kaugummi („gum“) möchte, was Adnan jedoch als Frage versteht, ob er auch selbst noch kommen („cum“) wolle. Ein lustiges Missverständnis, das zudem bezeichnend für die zahlreichen Doppeldeutigkeiten von Drunken Noodles ist. Ob Adnans Verschwinden das Ende oder doch den Anfang der Geschichte markiert, ist vielleicht deshalb auch egal. Besonders weil der Film die Chronologie seiner Ereignisse ohnehin ad absurdum führt.
Den Film kann man für 4,90 Euro im Salzgeber Club streamen.
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