Morgen war Krieg – Kritik
Fahnenflüchtig in einem autoritären Deutschland nach der „Zeitenwende“: Nicolas Ehrets Langfilmdebüt Morgen war Krieg will ein Kommentar zur gegenwärtigen Aufrüstungsdebatte sein und bedient sich dafür aus dem Standard-Baukasten des dystopischen Kinos.

Es gibt Situationen, in denen kann die Auskunft, kerngesund zu sein, einem Todesurteil gleichkommen. Ein Mann (Enno Trebs) – Anfang 30, nackt bis auf die Unterhose – sitzt in einem kargen, spärlich beleuchteten Praxiszimmer. „Glückwunsch, Sie sind wehrtauglich“, heißt es aus dem Off. Mit steinerner Miene nimmt Jonas das Ergebnis seiner Musterung zur Kenntnis. Ein Offizier klärt ihn über die neuesten „Anpassungen des Wehrdienstgesetzes“ auf: Alle als wehrtauglich eingestuften Bürger seien aufgefordert, sich binnen einer Woche zum Kriegsdienst zu melden.
Deutschland mit der Waffe verteidigen?

Stell Dir vor, es ist Krieg, und ein autoritärer deutscher Maßnahmenstaat schickt Dich an die Front. Ein Recht auf Kriegsdienstverweigerung gibt es nicht, Du musst kämpfen, ob Du willst oder nicht. Nein, Nicolas Ehrets Langfilmdebüt Morgen war Krieg spielt nicht in den Jahren 1914-18 oder 1939-45, sondern in einer dystopischen, von der Gegenwart gar nicht so fernen Zukunft: Die EU ist zerbrochen, in Deutschland ist eine faschistische Partei an der Macht, ein ominöser Aggressor bläst zum Sturm auf Westeuropa. Die Generalmobilmachung ist in vollem Gange.
Morgen war Krieg beschwört ein Szenario, das vor allem viele junge Menschen in Deutschland fürchten. Auf der Sorgenskala der 12- bis 25-jährigen rangiert die Angst vor Krieg laut einer Studie auf Platz 1. Den verteidigungspolitischen Turn Deutschlands infolge von Ukraine-Krieg und „Zeitenwende“ betrachten viele dabei eher als Teil des Problems denn als Teil der Lösung. Ehrets Film greift dieses Unbehagen auf. Er stellt seinen Helden vor die Wahl: fliehen oder kämpfen, das Feld dem Feind überlassen oder Deutschland höchstpersönlich mit der Waffe verteidigen.
Grenzzäune und Nazi-Opas

Für Jonas ist die Entscheidung klar: Er desertiert. Gemeinsam mit seiner kleinen Halbschwester Leonie (Naila Schuberth), die seit dem Tod ihrer Eltern bei ihm lebt, flieht er aufs Land. Unterschlupf finden die beiden bei Jonas’ Vater Stuber (Ulrich Matthes), der in einem Grenzdorf unweit der Kriegsfront lebt. Zusammen mit seiner Partnerin Wibke (Susanne Bredehöft) ist Stuber in der örtlichen Bürgerwacht aktiv. Ihr aktuelles Projekt: ein Grenzzaun zur Flüchtlingsabwehr. Auf dem Dachboden wohnt Stuber-Senior (Friedhelm Ptok), Ex-Wehrmachtssoldat, der noch immer in Fronterinnerungen schwelgt. „Mitgefühl ist die Schande der Neuzeit“, belehrt er Jonas in einer Szene. Wundern muss man sich über die erstaunliche Rüstigkeit des Alten. Als jemand, der den Zweiten Weltkrieg als junger Mann erlebt haben will, müsste er, je nach Datierung von Ehrets Dystopie, 100 bis 110 Jahre alt sein.
Autoritarismus, Bürgerwehren, Gewalt gegen Schutzsuchende und Schwache – ausgiebig zeigt Morgen war Krieg die soziale Verrohung im Frontgebiet. Näheres über den politischen Kontext des Krieges erfahren wir nicht. Wie es zum „Spannungsfall“ gekommen ist, welchen Anteil Deutschland am Kriegsausbruch hat, wer der Aggressor ist und was seine Ziele sind: all das bleibt unklar. Zunehmend erratisch wirkt auch das Verhalten der Hauptfigur. Obwohl Jonas nichts mehr fürchtet, als entdeckt zu werden, drängt es ihn, zu handeln. Eines Nachts begegnet er unweit von Stubers Haus einem Flüchtling, der ihn um Hilfe bei der Grenzüberquerung bittet. Jonas wittert eine Chance, aus seiner quälenden Passivität auszubrechen. Er sagt zu, braucht aber die Unterstützung seines Vaters, um dem Fremden helfen zu können…
Verpasster Konflikt

Formal wie inhaltlich setzt Morgen war Krieg auf Bewährtes aus dem Dystopie-Baukasten: routiniert inszenierte Tristesse (Dauerregen, Stacheldrahtzäune, biedere DDR-Interieurs) und ein etwas hölzernes Vater-Sohn-Drama, in dem der eine moralisch scheitert, während der andere überraschend über sich hinauswächst. Die Message ist so klar wie unkontrovers: Wo Unrecht zu Recht wird, werden Widerstand und Kriegsdienstverweigerung zur Pflicht. Trebs und Matthes bemühen sich zwar redlich, ihre Rollen mit Leben und Ambivalenz zu füllen, aber echtes Interesse an Stubers und Jonas’ Schicksal mag dennoch nicht aufkommen.
Dabei hätte die Thematik um Kriegsdienst und Fahnenflucht durchaus die Chance zu einem interessanten moralischen Dilemma mit zahlreichen Bezügen zum Heute geboten. Dass der Film diese Chance verpasst, hat mit seiner Prämisse zu tun. Morgen war Krieg geht vom ultimativen worst case in Sachen „Zeitenwende“ aus: Deutschland befindet sich im Krieg gegen eine sinistre Großmacht und das Kommando im Land haben Faschisten. Wer würde bestreiten, dass es richtig ist, in einem solchen Staat zu desertieren – außer Nazis? Spannender und ethisch brisanter wäre es gewesen, hätte der Film ein Setting gewählt, in dem Demokratie, Grundgesetz und politischer common sense noch nicht völlig kassiert sind. Kriegsdienst – ja oder nein? Für beide Positionen gäbe es in einem solchen Szenario starke Argumente.
Welche davon schwerer wiegen, darüber wird seit ein paar Jahren wieder kontrovers gestritten. Zu diesem Streit schweigt Ehrets Dystopie. Statt einen Kommentar zu einer komplexen Gegenwart zu formulieren, verrennt sich der Film in einer Zukunft, die zwar um ein Vielfaches schlimmer und hoffnungsloser, aber auch deutlich unkomplizierter ist.
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