Crime Thief – Kritik

Ins Klima von Pop, Nouvelle Vague und den politischen Bewegungen der 1960er Jahre setzt Nadine Trintignant ihren abgründigen, wilden Genremix über einen „falschen Bekenner“. Darin spiegeln sich Geschlechterverhältnisse so einprägsam wie die verborgene Verzweiflung in Jean-Louis Trintignants Gesicht.  

In diesem Jahr ließen sich im Rahmen der vom Filmkollektiv Frankfurt kuratierten, durchweg analogen 35mm Reihe „Cinéma Bis? Facetten des französischen Genrekinos der 1950er-1980er Jahre“ im Deutschen Filminstitut & Filmmuseum Frankfurt einige Entdeckungen machen. So auch ein Film von Nadine Trintignant, die mit ihrem Schaffen zwischen zwei Generationen von Filmemacherinnen fällt: nach Jacqueline Audry und Agnes Varda, vor Catherine Breillat, Claire Denis, Pascale Ferran.

Filmemacherinnen waren im französischen Kino (nicht nur) jener Jahre rar gesät. Oft fanden sie den Einstieg über die Gewerke des Kinos. So auch Trintignant, damals noch Marquand, die als Cutterin arbeitete, bevor sie ihren ersten, 1967 in Cannes reüssierenden Film Mon amour, mon amour realisierte. „Cinéma Bis?“ zeigte ihren zweiten Spielfilm, Crime Thief (Le Voleur de Crimes, 1969).

Trintignants Gatte Jean-Louis verkörpert darin den erfolglosen Journalisten Jean, dessen Ambitionen auf große Literatur – Genet, Rimbaud -- sich im Alltag auflösen. Seine narzisstische Kränkung lässt ihn das Alltagsleben verachten und transzendente Größe suchen. Meist allerdings ist er gelangweilt: sein Abwehrmechanismus. Dieser bricht auf, als Jean zufällig Zeuge eines Selbstmordes wird. Dies inspiriert ihn zu neuen – vorerst literarischen – Taten: Er schreibt – zunehmend ausufernde – fiktive Bekennerschreiben an die Polizei. Süchtig nach der vermeintlichen Bedeutung, die er durch die lüsterne Presseresonanz gewinnt, vergräbt er sich im Mansardenzimmer eines Freundes (Robert Hossein als Chris-Tian), um weiter an seinem Image (und Wahn) zu feilen. Daneben pflegt er ein lustiges Lausbubendasein mit Streichen, die er und sein Freund zelebrieren, und vergrämt mit seinen flanierenden Abwesenheiten seine Familie.

Das Ergebnis von Langeweile und Überdruss ist Kälte

Le Voleur de Crimes ist ein heterogener Film, der Genregrenzen durchbricht und Nouvelle Vague, 60s Pop und Thriller zum Teil bizarr vermischt. In seiner anfänglichen Wildheit in Kameraführung, Dramaturgie und Schnitt, seiner insgesamt ungehemmten und ungebremsten Mischung aus psychedelischen, popkulturellen Anklängen, existentialistischer Grübelei und Endsechziger Jahre Zeitkolorit blieb er mir tagelang im Gedächtnis.

Besonders einprägsam das Gesicht Jean-Louis Trintignants, dem hier erlaubt wird, Fest und Feier seiner Schauspielkunst zwischen scheinbarer Schüchternheit und starker Präsenz zu entfalten. Bei aller Distanz, die Jean beim Zuschauer erzeugt, gibt Trintignants Spiel dieser merkwürdigen Figur eine enorme Substanz und Düsternis, der die Verzweiflung und die resigniert-zynische Analyse der Geschlechterbeziehungen jener Zeit zugrunde liegen.

Jean-Louis Trintignant wurde als Charakterdarsteller in Genrefilmen zum Star des französischen sowie europäischen Autorenkinos unter der Regie von z. B. Rohmer, Lelouch, Risi, und Bertolucci. In Le Voleur de Crimes hatte er unter der Regie seiner damaligen Ehefrau – anders als dies männlichen Schauspielern in Filmen von Regisseurinnen des Neuen deutschen Kinos attestiert wurde – keine „schwere Zeit“; die Inszenierung verlässt sich sehr auf sein schauspielerisches Können, mit dem er den Film trägt und, auch, zusammenhält.

Er wirkt hier reserviert und kühl, und doch lauert etwas Unheimliches, Böses in ihm. Anders als ein Edward Norton, wenn er einen Verrückten mimt, zeichnet sich Trintignants Spiel durch eine bewusste Alltäglichkeit und Banalität aus. Doch diese Reserviertheit ist nur scheinbar harmlos und schlägt um in Skrupellosigkeit; das Ergebnis von Langeweile und Überdruss ist Kälte.

Der ganze Film ein Aufschrei

Nach der hastigen, rastlosen Energie in den ersten Minuten des Films – die Handkamera verfolgt den flüchtigen Protagonisten – herrscht in den darauffolgenden Szenen atemlose Stille. Wenn dann der Journalist und die Selbstmörderin aufeinandertreffen, ohne sich zu begegnen, lässt der Film zunehmend Raum, sich auf die Dekors der Innenräume zu konzentrieren (die Grundfarben Blau, Gelb, Rot beherrschen sie und erinnern an Godards Pierrot Le Fou (1965) ). Referenzen auf die Gegenwartskunst finden ihren Niederschlag in Pop Art an den Wänden oder in Skulpturen, die an Horst Antes erinnern. Außenaufnahmen evozieren in Fahrten durch dystopische Architekturen und Anblicke von Hochhaussiedlungen die Filme Antonionis.

Auch auf der Tonspur ist der Film geprägt vom „Geist der Zeit“. Besonders prägnant – und passend zu den Christusbildern, die der Protagonist von sich zeichnet und mit seinem Blut betropft – kommen Tracks wie Sanctus oder Kyrie Eleison (mir markant in Erinnerung aus Easy Rider (USA 1969)) vom Album „Mass in F Minor“ der Electric Prunes zum Einsatz. Das könnte man verquast finden, doch es hat große emotionale Kraft. Denn, wenn man möchte, ist der Lebensüberdruss des Protagonisten, sein zynisches Spiel, der ganze Film eine Art Aufschrei, ein leidenschaftliches Aufbäumen gegen Inhaltsleere.

Ich werde nicht mit Dir schlafen, ich werde Dich töten“

Jean leider unter ennui, wiederholt artikuliert er seinen Überdruss. Dass es in dem durchschnittlichen Journalisten, den seine Ehefrau und das Familienleben langweilen, brodelt, verdeutlichen kurze, kleine Wutausbrüche bei banalen Gelegenheiten, z.B. wenn jemand im Kaffeehaus versehentlich an seinen Tisch stößt und er diesen anschließend heftig handgreiflich bedrängt, oder wenn sein Kind nicht so will wie er und er es fast gewalttätig in den Kinderwagen verfrachtet. Seine Lüge soll seinem Leben einen Sinn geben; ihr folgt später eine sinnlose Tat. In dieser drückt sich auch ein männliches Dilemma der Zeit aus, was den Umgang mit dem anderen Geschlecht betrifft: Die brave Ehefrau ödet ihn an, die Kinder interessieren ihn nicht; aber Frauen, die ihre Sexualität offen und offensiv artikulieren, verachtet und straft er.

Man assoziiert das Entstehungsjahr 1969 mit politischen Bewegungen der Student*innen, Feminist*innen und der Antikriegs- und Bürgerrechtsbewegung. In dieses Klima setzt Nadine Trintignant mit Le Voleur de Crimes einen Film, in dem sich die Geschlechterverhältnisse jener Zeit deutlich spiegeln, ohne explizites Thema zu sein. Der Film hat dabei einen genaueren Blick auf die Männer als auf die Frauen, die leider im Klischee gefangen bleiben. Das enttäuscht bei einer Regisseurin, mindert aber nicht die subtilen Momente, die von tiefen Einsichten in männlichen Narzissmus und Männerbündelei zeugen und gleichzeitig bisexuelle Offenheit signalisieren. Tian und Jean pflegen ein Verhältnis, das durchaus als homoerotisch gelten kann. Die Szenen mit ihnen zusammen im Bild sind stark und spannungsgeladen, auch in der gänzlich unterschiedlichen Physis der beiden: Hossein erstaunlich robust und männlich, Trintignant fast zart, verletzlich.

„Ich werde nicht mit Dir schlafen, ich werde Dich töten“, sagt er zum Schluss zu seinem Opfer (Florinda Bolkan), der Geliebten seines Freundes Tian, die erfolglos versuchte, ihn zu verführen. Ist Le Voleur de Crimes ein abgründiger Film über einen abgründigen Mann, oder ist er ein Film über das Abgründige im Mann?

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