Ghost School – Kritik

Am Anfang steht ein geprügelter Esel, am Ende ein geflügeltes Pferd. Dennoch verdeckt Seemab Guls kluger Debütfilm Ghost School über ein pakistanisches Mädchen, das einem Dschinn auf die Schliche kommen will, die Wirklichkeit, von der er erzählt, nicht.

Ghost School beginnt mit der zehnjährigen Rabia (Nazualiya Arsalan), die am Fenster sitzt und einen Jungen beobachtet, der den Esel vor seiner Kutsche mit Schlägen zum Weitergehen antreibt. Warum er das tue, möchte sie von ihrer Mutter wissen. Der Esel habe seine Hausaufgaben nicht gemacht und werde deshalb bestraft, lautet die Antwort. Aber Esel gehen doch gar nicht zur Schule, wendet Rabia ein. Doch, behauptet die Mutter, zur Eselschule. Rabia ist in einem Alter, in dem sie die Erklärungen der Erwachsenen noch ernst nimmt, aber bereits alt genug, um deren Widersprüche zu erkennen. Also fragt sie weiter.

Aus dieser einfachen Bewegung – sehen, wundern, fragen – entwickelt Regisseurin Seemab Gul ihr Spielfilmdebüt. Ghost School spielt in einem Fischerdorf am Rand von Karachi in der pakistanischen Provinz Sindh. Als Rabia eines Morgens vor verschlossenen Schultüren steht, beginnt sich schnell das Gerücht zu verbreiten, ein Dschinn habe von der Schule Besitz ergriffen und ihren Lehrer befallen. Während sich diese Erklärung innerhalb kürzester Zeit im Dorf verselbstständigt, will Rabia wissen, was tatsächlich geschehen ist. Aus der erfundenen Eselschule des Anfangs ist eine Geisterschule geworden. Nur sind die Konsequenzen diesmal real. Die Suche nach einer bald gar nicht mehr so einfachen Antwort führt Rabia immer weiter durch das Dorf. Erwachsene geben widersprüchliche Erklärungen, verweisen auf andere Zuständigkeiten oder lassen sie mit ihren Fragen stehen. Rabia aber gibt sich damit nicht zufrieden. Eigentlich soll sie nur einige Besorgungen für ihre Familie erledigen. Stattdessen verbringt sie den Tag damit, herauszufinden, warum ihre Schule geschlossen wurde.

Rabias Weg durchs Dorf

Gul macht aus dieser Suche eine Bewegung durch eine ganze Gesellschaft. Kamerafrau Zamarin Wahdat filmt Rabia oft seitlich oder von hinten auf ihren Wegen durch das Dorf. Die Kamera bleibt bei dem Mädchen, ohne seine Umgebung aus dem Blick zu verlieren. Rabia läuft auf Menschen zu, durch Straßen und an Gebäuden vorbei, und mit jedem zurückgelegten Weg erweitert sich die Frage nach dem Verantwortlichen. Ist es der Einzelne – oder ein System, in dem Verantwortung so lange weitergereicht wird, bis sie nicht mehr greifbar ist?

So begegnet Rabia auf der Suche nach der Ursache ihres eigenen Problems immer mehr Menschen, deren Lebenswege von ähnlichen Verhältnissen geprägt sind. Kinder spielen inmitten von Abfall und Armut, Erwachsene kämpfen um Arbeit, während verlassene oder nie fertiggestellte öffentliche Gebäude von nicht eingelösten Versprechen zeugen. Gerade weil die Verantwortlichkeit kein eindeutiges Gesicht bekommt, wird sie umso bedrückender.

Verantwortung, die sich der Sichtbarkeit entzieht

Wie unmittelbar fehlende Bildung in den Alltag hineinreicht, zeigt eine der bewegendsten Szenen des Films. Rabias Mutter legt ihrer Tochter zwei Medikamente hin und bittet sie herauszufinden, welches davon gegen Grippe hilft. Im Hintergrund schreit das kranke Baby. Ohne dass es ausgesprochen werden müsste, wird deutlich, dass die Mutter nicht lesen kann. Bildung ist in Ghost School kein abstraktes Versprechen gesellschaftlichen Aufstiegs. Lesen zu können bedeutet vielmehr, einem kranken Kind das richtige Medikament geben zu können.

Rabia begegnet Erwachsenen, die selbst die Schule früh verlassen haben oder nie die Möglichkeit erhielten, sie regelmäßig zu besuchen. Manche glauben an den Dschinn, andere erklären solche Vorstellungen für Unsinn. Doch auch die vermeintlich Vernünftigen können Rabias Fragen nicht beantworten. Je länger ihre Suche dauert, desto weniger eindeutig wird die Grenze zwischen einer irrationalen Geistergeschichte und einer Realität, die kaum vernünftiger erscheint. Ein unsichtbares Wesen soll für die geschlossene Schule verantwortlich sein, während sich die tatsächliche Verantwortung ebenfalls jeder Sichtbarkeit entzieht.

Ein unmögliches Tier

Darin liegt die besondere Stärke der kindlichen Perspektive, die Gul wählt. Rabias Fragen sind nicht kompliziert. Gerade deshalb sind sie so schwer abzuwehren. Wenn eine Schule geschlossen wird, wer hat sie geschlossen? Und wenn Bildung wichtig ist, warum darf Rabia nicht einfach weiter zur Schule gehen? Das Kind verfügt noch nicht über Begriffe, mit denen Erwachsene Korruption, soziale Ungleichheit oder institutionelles Versagen beschreiben würden. Es verfügt nur über ein hartnäckiges „Warum?“ – und bringt damit eine Ordnung ins Wanken, an die sich die Erwachsenen längst gewöhnt haben.

Am Ende begegnet ihr wieder das weiße Pferd, das den Film als Motiv begleitet hat. Nun wachsen ihm Flügel. Seemab Gul, die ihren Sozialrealismus immer wieder mit Momenten des magischen Realismus durchbricht, setzt der Enge der tatsächlichen Verhältnisse ein Bild grenzenloser Bewegung entgegen. Darin schließt sich der Kreis zur ersten Szene. Dort wird ein geschlagener Esel durch die Erfindung einer „Eselschule“ zum Gegenstand einer absurden Geschichte, mit der eine Erwachsene das fragende Kind zufriedenstellen will. Am Ende erschafft Rabia ihr eigenes unmögliches Tier. Doch ihr geflügeltes Pferd verdeckt die Wirklichkeit nicht. Es erhebt sich über sie.

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