Teenage Sex and Death at Camp Miasma – Kritik
Cannes 2026: Offen für neugierige Selbsttherapie, aber garantiert ungefährlich: Jane Schoenbruns queerer Meta-Horrorfilm Teenage Sex and Death at Camp Miasma bremst seine transgressive Ästhetik mit versöhnlicher Comedy aus.

Erinnert sich noch jemand an Sleepaway Camp, diesen hundsgemeinen Slasher von 1983, der immer im Windschatten von Friday the 13th lebte, von Horrornerds aber als der krassere Scheiß empfohlen wurde – vor allem wegen seiner Schlusseinstellung? Nicht? Kein Problem, Jane Schoenbrun hilft Horrorfans aller Generationen gerne auf die Sprünge. Schoenbrun ist Regisseur*in und Nerd*in, immer mit dem richtigen Zugriff auf die medialen Artefakte der Popkultur. Mit der hyperreferentiellen Horror-Komödie Teenage Sex and Death at Camp Miasma schafft they nicht nur eine Auseinandersetzung mit einem Slasher-Klassiker, sondern mit dem Slashergenre überhaupt. Noch dazu versucht Schoenbrun die Frage zu beantworten, wie man – gerade als queere Person – beim Sex nicht dissoziiert, sondern einfach nur genießt. So viel filmische Innovationskraft wurde prompt belohnt: Schoenbruns Film eröffnete die Nebensektion Un Certain Regard der diesjährigen Filmfestspiele von Cannes, zu tosendem Applaus.
Queer, meta, horny

Ein Spoiler gleich zu Beginn: Die berühmte Schlussszene von Sleepaway Camp, in der das „wahre Geschlecht“ der Hauptfigur offenbart wird, ist vor allem eines: transphob. Und faszinierend. In einem Interview erzählt Jane Schoenbrun davon, wie they sich oft mit diesem Paradox konfrontiert sah: Wie können queere Horrorfans all den brutalen und anregenden Schrecken genießen, wenn Filme wie Das Schweigen der Lämmer, Psycho oder Frankenstein Queerness vor allem als das Böse inszenieren?
In Teenage Sex and Death at Camp Miasma erkundet Schoenbrun diesen Widerspruch mittels einer Stellvertreterfigur: Die junge Regisseurin Kris (Hannah Einbinder) will dem Kult-Slasher Camp Miasma ein Remake verpassen, allerdings ohne die transphobe Dämonisierung der Killerfigur. Diese trägt eine abstrahierte Monsterkamera als obligatorische Maske und heißt doppeldeutig „Little Death“. Passerweise geht es der queeren Kris beim Filmprojekt auch um ihre eigenen komplizierten Lüste, die vor allem dann herausgefordert werden, wenn sie bei ihrem Rechercheausflug zum Drehort des Originalfilms die geheimnisvolle Billy trifft (Akte X-Star Gillian Anderson), die damals das „final girl“ spielte. Dass Realität und Filmwirklichkeit bald ineinandergreifen und der mehr oder minder metaphorische Kleine Tod einen blutig-geilen Auftritt feiert, versteht sich von selbst.
Bergkulissen in Bob-Ross-Manier

Schoenbrun ist spätestens seit dem psychedelisch-queeren Drama I Saw the TV Glow (2024) Shootingstar queerer Filmnerds. Kein Wunder, schließlich versteht they es, akademische Diskurse um Queerness und Medialität in schillernde, neonfarbene Traumwelten zu übersetzen, vollgepackt mit Verweisen auf mediale Trends, Memes, Musikvideos und den Genrefilm. Bereits das titelgebende „Camp Miasma“ verrät, dass die einschlägigen Camps der Slasher-Filme für Schoenbrun nur eine Metapher sind: Es geht they um Camp als eine Kategorie der Ästhetik, die aus queerer Perspektive alles zu dekonstruieren weiß und zugleich in schillernd pinke Wattewelten rettet, in denen jeder Blick und jede Geste in blinkenden Anführungszeichen steht.
Entsprechend sieht in Teenage Sex and Death at Camp Miasma alles künstlich aus: Von den gestelzten Comedy-Gesten der Protagonistin über die in kitschiger Bob-Ross-Manier gemalten Bergkulissen des Camps bis hin zu den in Billig-CGI gefilmten Blutfontänen, die aus den Opfern von Little Death schießen. Nicht zuletzt trieft jeder Dialog vor augenzwinkernden Zweideutigkeiten und wenn Kris und Billy zusammen Chicken Wings essen, geilt sich jeder weichgezeichnete Close-Up an den Lippen der Protagonistinnen auf. Der fluffige Dream-Pop-Soundtrack von Schoenbruns Stammkomponisten Alex G rahmt das alles, macht selbst die Morde der queeren Killerfigur zur träumerischen Erfahrung – und schafft so unverhofftes Identifikationspotenzial.
Schwierige Themen, versöhnlicher Witz

Wer bis zu diesem Punkt Parallelen zu I Saw the TV Glow gezogen und den queeren Traum eines cuten Horrorfilms bereits vor Augen hat, kann dennoch enttäuscht werden. Denn so sehr Teenage Sex and Death at Camp Miasma mit Mehrdeutigkeiten und visueller Spielfreude beeindruckt, so zuverlässig verflüchtigt sich jegliche ästhetische Spannung. Stecken hinter Mord und Sexualität schwierige Themen wie Körperempfinden und Traumata, setzt die Tonalität des Films vor allem auf versöhnliche Comedy. Bevor der Plot überhaupt Konturen bekommt, haben Gen-Z Kris und Gen-X Billy bereits minutenlang über politische Korrektheit diskutiert. Die Blödeleien finden kein Ende: In überdrehter Slapstick-Manier erfahren wir, warum Backwood-Diners kein W-LAN haben oder wie albern ein Cis-Guy mit dem hypermaskulinen Namen Thor ist. Die artifizielle Camp-Optik lässt solche Szenen wie aus einem TV-Sketch entnommen wirken. Fehlt nur der laugh track, den das Publikum während der Cannes-Premiere zuverlässig nachgereicht hat.
Das immerhin steht fest: Fans von Jane Schoenbrun und einige Kritiker*innen in Cannes haben sich bereits in diesen Ausflug in den Horror-Comedy-Bereich verliebt. Was in all dem Gelächter und den stolzen Ermächtigungsgesten jedoch untergeht, ist der Horror selbst, das transgressive Moment, wenn die Killerfigur erscheint – monströs, vielleicht skurril, in jedem Fall schwer lesbar. In Teenage Sex and Death at Camp Miasma sind diese Momente in saubere Diskursform gegossen, konsumerabel und offen für neugierige Selbsttherapie. Lässt sich der griechische Begriff „Miasma“ mit „Verunreinigung“ übersetzen, ist Jane Schoenbruns Camp-Fassung des Slashers das genaue Gegenteil – steril und antiseptisch, lachhaft und garantiert ungefährlich.
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