Danke dafür – Cannes-Notizen (1)

Ein Pariser Rentner wird in Cannes zum ersten Highlight. Die Filme hingegen lassen es eher gemächlich an. Pierre Salvadoris Eröffnungsfilm lädt zum Kaffee-Kränzchen, Pawel Pawlikowski verfilmt ein besseres ChatGPT-Script und Ashgar Farhadie bekommt das Kunststück hin, französische Top-Schauspieler nutzlos zu verbraten.

Cannes meint es nicht gut mit mir dieses Jahr. Flug von Frankfurt ewig verspätet, erstes Screening verpasst, ein wurzelbehandelter Zahn zieht komisch, die morgendliche Ticketreservierung um 07:00 Uhr gleicht einem High-Risk-Crypto-Investment. Immerhin: Ein lieber Kollege, Christoph Petersen von filmstarts.de, hat vorab mein Badge für mich abgeholt, so musste ich das erste Screening am Donnerstag nicht fürs Anstehen im Service-Center opfern.

In der Hauptstadt der mittelmäßigen aber überteuerten Kulinarik angekommen, klagte uns beim abendlichen Spaziergang sogleich der Pariser Rentner Emmanuel sein Leid. Er wollte seinen Lebensabend an der Cote d’Azure genießen, aber hier gäbe es ja nur Sonne und Meer, sonst nichts zu tun und kein gutes Essen. Den Abschied aus Paris bereut er bitter. Zum Trost für das geduldige Zuhören bedankte er sich bei uns mit einer gesegneten Medaille aus der Pariser Kirche zur Medaille Miraculeuse, nach Notre Dame, dem Louvre und Tour Eiffel wohl der viertgrößte Touristenmagnet der Stadt. Dennoch ein hidden gem gewissermaßen, ich war bei meinem letzten Paris-Trip auch da. Der versammelte globale Süden betet dort zur Jungfrau Maria. Eine etwas andere Paris experience, für alle, die dafür offen sind. Aber zurück zu Cannes.

Elektrische Küsse an einsame Männer

Suzanne (Anais Demoustier) ist die titelgebende La Venus Eléctrique (Außer Konkurrenz) des diesjährigen Eröffnungsfilms. Auf einem Rummelplatz im Frankreich der 1920er Jahre vergibt sie elektrische Küsse an einsame Männer, bis sich der trauernde Witwer und Maler Antoine (Pio Marmai) bei ihr verirrt und sie für ein Medium hält. Um ihr mageres Gehalt aufzubessern, lässt sie sich auf das Spiel ein, ruft den Geist seiner verstorbenen Frau Irène herbei, tröstet Antoine und wird dabei von Armand (Gilles Lellouche) unterstützt. Dieser ist nämlich Kunsthändler und will seinen Starmaler gefälligst wieder arbeiten sehen.

Was sich in der Zusammenfassung wie ein relativ biederes Verwechslungsspiel anhört, fängt tatsächlich ziemlich farblos an. Ich hatte bei dem Titel und dem Poster zumindest eine mittlere Ausstattungsorgie mit stakkatoartigem Schnitt erwartet. Über das von Regisseur Pierre Salvadori inszenierte Kaffekränzchen am Nachmittag war ich anfangs ziemlich verwundert. Doch der Film verdichtet sich dank eines sehr intelligenten, differenzierten Drehbuchs immer mehr zu einer klugen Reflexion über Wahrnehmung, Erinnerung und die Wechselwirkung zwischen Realität und Fiktion. Das ist in letzter Instanz vielleicht etwas allzu auserzählt geraten und hätte den ein oder anderen knalligen Moment vertragen. Aber ich bin über jeden Film dankbar, der Emotion und Intellekt gleichermaßen anspricht und sich dabei nicht unnötig aufplustert. Schauspieler. wie Demoustier, Lellouche und Marmai nonchalant und absolut überzeugend bei der Arbeit zuzusehen ist dann nur das Sahnehäubchen. Sehenswert.

Mäßig erfolgreiche Versuchsanordnung

Im ersten offiziellen Wettbewerbsbeitrag, Nagi Notes von Koji Fukada, verbringt Yuri (Shizuka Ishibashi) einige Tage im ländlichen Japan, um als Modell für eine Skulptur ihre Schwägerin Yuriko (Takako Matsu) zu stehen. Die Idylle wird von emotionalen Konflikten überlagert, die ländliche Gemeinschaft kann nur durch die Kooperation mit einer Militärbasis überleben, außerdem wirft in den Nachrichten der Ukraine-Krieg seine Schatten.

Konzeptionell anspruchsvoll, allerdings sehr gemächlich und ziemlich mäandernd setzt Fukada eine nur mäßig erfolgreiche Versuchsanordnung zusammen, die psychologisches Beziehungsporträt, Geistergeschichte, philosophische Betrachtung und gesellschaftspolitischer Kommentar sein will, sich dabei aber zwischen ziemlich viele Stühle setzt und letztlich verheddert. Mit deklamatorischen, oft umständlichen, geradezu plumpen Dialoge trifft er darüber hinaus eher selten den richtigen Ton. Auch wenn ihm immer wieder Momente eindrücklicher Schönheit gelingen – der Gesamteindruck bleibt durchwachsen.

Der Mensch weiß, das Tier nicht

Weniger durchwachsen und vielmehr ein Totalausfall ist der heiß erwartete Vaterland von Pawel Pawlikowski mit Festivalliebling Sandra Hüller in einer Hauptrolle als Erika Mann. Hier wird Thomas Manns Reise nach Deutschland 1949 zum Anlass genommen, um lehrbuchmäßig und pädagogisch wertvoll über Verantwortung der Kunst in Zeiten des Terrors zu sinnieren, blutleere Pressekonferenzen nachzustellen und mit Nazis kollaborierenden Künstlerkollegen (hallo, Gustaf Gründgens) ins Gewissen zu reden. Das ist beflissen, langweilig und geht inhaltlich nie über einen von ChatGTP geschriebenen Leitartikel hinaus. Sandra Hüller bemüht sich, aber sie kann auch nicht retten, was nicht zu retten ist. Immerhin: Mit 82 Minuten ist das angenehm kurz und von Lukasz Zal gewohnt routiniert mit der Kamera eingefangen.

Wo Pawlikowski dem Zuschauer wenigstens keine Zeit stiehlt, kennt Asghar Farhadi in Histories paralleles / Parallel Histories solche Bedenken nicht. In 140 lose auf Krzysztof Kieslowskis Dekalog 6 basierenden, gnadenlos überfrachteten, wirr geschnittenen und stumpfsinnig langweiligen Minuten lässt er seinen Cast, der es in sich hat, permanent über Liebe, den Schaffensprozess und Voyeurismus sinnieren, ohne zu irgendeinem Zeitpunkt irgend etwas Interessantes zu sagen. Außer: Der Mensch weiß, dass er sterben muss, ein Tier nicht. Danke dafür.

Wer es schafft, in einem Film Isabelle Huppert, Catherine Deneuve, Virginie Efira, Vincent Cassel und Pierre Niney nutzlos zu verbraten, hat mit Sicherheit den Preis der Filmkritik für Unvermögen cum laude verdient. Es erwarten uns noch einige Überlängen-Klopper beim diesjährigen Festival. Hoffentlich ist keiner davon so langatmig und öde geraten wie Farhadis Beitrag.

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