Glennkill: Ein Schafskrimi – Kritik

Auf der Suche nach dem Mörder ihres Schäfers muss eine krimibegeisterte Herde herausfinden, was bei den Menschen los ist. Was ist z.B. ein Metzger oder ein Wachhund und wer ist dieser Gott? Die Absurdität der Welt wird in Glennkill zum schnörkellos umgesetzten Spaß.

Jeden Abend liest Schäfer George (Hugh Jackman) seinen Schafen Krimis als Gutenachtgeschichte vor. Untereinander fiebern die Tiere mit und besprechen, wer denn nun wieder der Mörder sein könnte. Manche raten wild vor sich hin, andere zeigen sich als Kenner, die mit den Genreregeln vertraut sind, dekonstruieren die Erzählung und lassen sich nichts vormachen. Die einen nutzen die Geschichte als Affektmaschine, die sie aufregt. Die anderen als Spielzeug, mit dem sie ihren Intellekt stimulieren.

In erster Linie ist Glennkill – Ein Schafkrimi (die Verfilmung eines Romans der deutschen Autorin Leonie Swann) eine Liebeserklärung an Krimis – und wird alsbald selbst zu einem. Eines Morgens liegt George ermordet vor seinem Wohnwagen. Tatverdächtige und gängige Tatmotive wie Erbe, Eifersucht oder Vertuschung sind im Dorf alles andere als Mangelware. Und da sich der Dorfpolizist (Nicholas Braun) als unfähig erweist, müssen die Schafe ran, um den Täter ausfindig zu machen.

Der Kriminalfall ist in Glennkill nie das Zentrum, wie etwa bei Agatha Christie und Co. Den Verdächtigen fehlt es an Eigenleben und Details. Mehr als ein simples Verdächtigsein tragen sie nicht bei, und der Täter wird gegen Ende wie das Kaninchen aus dem Hut gezaubert; die Spuren, die zu ihm führen, sind kaum der Rede wert. Der Fall ist aber trotzdem wichtig. Er versorgt den Film mit einer Struktur und dient als Katalysator für das Eigentliche: eine Sinnsuche.

Lernen, was ein Metzger ist

Denn der Tod ihres Schäfers und Freunds stellt die Schafe vor eine Weggabelung. Stehen sie weiterhin jeden Tag einfach nur auf der Wiese und blenden aus, was sie nicht direkt angeht? Oder suchen sie den Mörder – auf die Gefahr hin, sich einer schmerzhaften Realität stellen und lernen zu müssen, was ein Metzger ist, was Wachhunde sind?

Die Schafe wählen Letzteres. Sie vergleichen den vorliegenden Fall mit den ihnen bekannten Kriminalromanen und fachsimpeln über seine Plotstruktur… liebevoll führt Glennkill dabei vor, was so schön daran ist, Vorbilder zu haben: Dies ist weniger ein Krimi als ein Liebebrief ans Krimilesen.

Die Menschen bleiben dabei blass, weil die Schafe im Zentrum stehen. Dem Film geht es um ihre sinnstiftenden Rituale, durch die die Individuen – die Diva, der Tollpatsch oder die Rammbockzwillinge – mit ihren Eigenheiten feste Plätze in ihrer Gemeinschaft bekommen. Es wird viel Augenmerk auf das Kennenlernen eines jeden Einzelnen gelegt; zusammen sind sie aber eine Herde. Diese unterscheidet sich aber deutlich von einem Schlumpfdorf, spielen doch auch die ausgrenzenden Mechanismen einer Gemeinschaft eine Rolle. So werden die im Winter geborenen Schafe nicht Teil der Herde, da sie durch ihren aus der Rolle fallenden Geburtstermin – Schafe werden eigentlich im Frühling geboren – ungewollt den Status quo in Frage stellen. Glennkill ist daher durchzogen von trotzigen und traurigen Außenseitern, Verlust, Traumata, fehlerbehafteten Schäfern und Vätern, Gewalt, Heimtücke und Grenzen, deren Überschreitung Angst macht.

Begegnungen: Absurde Überforderungen

Ein explizites erzählerisches Anliegen ist, dass die Schafe lernen müssen, mit dem Schmerz des Lebens zu leben. Dass es nicht hilft, diesen auszublenden. Dabei liegt die Qualität von Glennkill darin, wie dosiert der Film das umsetzt. Bei allem Ernst wird er nicht zur bemühten Sitzung einer Selbsthilfegruppe, sondern bleibt immer eine lockerleichte Geschichte mit Untertönen.

Gegenstand des so zentralen Humors in ihm sind vor allem Begegnungen zwischen Fremden. Wenn z. B. die Schafe versuchen, aus der ihnen unverständlichen Menschenwelt schlau zu werden: Wer ist dieser Gott genannte Schäfer, der ein Lamm ist und als Brot in Kirchen gegessen wird? Wenn andrerseits der Polizist sich fragt, was wohl die starrenden Schafe von ihm wollen, denen er sich bei seinen Ermittlungsversuchen immer wieder gegenüber sieht. In anderen Szenen treffen Reporter auf groteske lokale Riten; Adoptivtöchter suchen nach dem Hort einer eigenen Familie und finden nur wirre Zustände.

Das Prinzip des Films ist eigentlich ganz simpel: Sich auf etwas einzulassen – auf Fremde etwa, oder gleich die ganze Welt – birgt immer die Möglichkeit für Schmerz und Horror. Doch daran kann man auch wachsen. Wie in einem Krimi müssen wir erstmal herausfinden, was los ist. Dabei sind Begegnungen mit neuen Leuten und unbekannte Situationen vor allem Überforderungen, das Leben nur sinnlose Absurdität. Diese existentialistische Perspektive setzt Glennkill so mühelos und ohne Schnörkel um, dass er zum herzlichen Spaß wird. 

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