Etwas ganz Besonderes – Kritik
Ostdeutschland als opulentes Ensemblestück: In Etwas ganz Besonderes erzählt Regisseurin Eva Trobisch von einer thüringischen Familie, die zwischen DDR-Erbe, Wendeerfahrungen und Strukturkrise wieder zueinanderfinden will. Neue Hoffnung weckt ausgerechnet eine TV-Castingshow.

In einer Szene von Etwas ganz Besonderes ist beiläufig von „Synergieeffekten“ die Rede. Mit verächtlich-süffisantem Unterton spricht Matze (Max Riemelt) – zweifacher Vater, Anfang 40, frisch getrennt – die sperrige Management-Vokabel aus. Dass das freie Spiel des Marktes Effekte zeitigt, von denen mittelfristig alle profitieren, daran glauben die Protagonist*innen in Eva Trobischs neuem Film schon lange nicht mehr. Verargen kann man es ihnen nicht. Zu gründlich ist dieses Versprechen in den vergangenen drei Jahrzehnten enttäuscht worden.
Was macht Dich besonders?

Etwas ganz Besonderes spielt in Greiz, einer kleinen, knapp 20.000 Einwohner*innen zählenden Stadt im Südosten Thüringens. Synergien kennt man hier, wenn überhaupt, nur aus der Prosa von Strukturprogrammen – oder aus dem Fernsehen. Die Aussicht auf einen TV-Auftritt setzt denn auch den opulenten Plot des Films in Gang: Lea (Frida Hornemann), Matzes Tochter, hat erfolgreich die erste Runde in einer Castingshow absolviert. Die Familie ist voller Stolz, auch Leas Mutter Rieke (Gina Henkel) – die, zum Leidwesen Matzes, ein Kind von ihrem neuen Partner erwartet – kann sich nach anfänglicher Skepsis über die Nachricht freuen. Nur bei Lea ruft die Situation gemischte Gefühle hervor. Vor allem das Homestory-Element der Show macht dem jungen Gesangstalent zu schaffen. Auf die Frage des Redakteurs, was an ihr besonders sei, antwortet Lea in einer Mischung aus Überforderung und Trotz: „Nichts.“
Ein offenes Ohr für ihre Sorgen findet die Jugendliche bei ihrer Tante Kati (Eva Löbau), Matzes großer Schwester. Kati weiß, wie man Geschichten erzählt. Nach mehreren Jahren im Ausland ist die Kulturmanagerin kürzlich in ihre Heimatstadt zurückgekehrt, um das örtliche Residenzschloss zum DDR- und Wendemuseum auszubauen – ein Leuchtturmprojekt, finanziert mit Mitteln der EU, das nicht nur bei Katis Sohn Edgar (Florian Geißelmann) Beißreflexe auslöst. Auch ihre Mutter Christel (Rahel Ohm) verteilt ausgiebig Spitzen. Während Katis EU-Schloss in neuem Glanz erstrahlt, dämmert der elterliche Gasthof dem Konkurs entgegen.
Eine beeindruckende Fülle an Geschichten, alle mit heftig wummernden diskursiven Resonanzböden (Identität, Herkunft, Strukturwandel etc.) versammelt Trobisch in ihrem Film. Nicht alles darin ist schlüssig, ein paar Handlungsstränge verlaufen im Sand. Umso verblüffender, dass man sich auf diesen Stoff – mitsamt dem etwas anachronistischen Castingshow-Plot – so vorbehaltlos einlässt. Neben dem exzellent spielenden Ensemble verdankt sich das vor allem der sicheren, ruhig mäandernden Erzählweise, mit der sich Trobisch den Themenkosmos ihres Dramas erschließt.
Patchwork Ost

Kein Zweifel: Hier will jemand nicht nur von den großen und kleinen Generations- und Anerkennungskonflikten in einer (zerbrechenden) Familie erzählen, sondern auch ein Stück ostdeutscher Gegenwart auf die Kinoleinwand bringen. Mit diesem Interesse steht Trobisch freilich nicht allein. Mit Mascha Schilinskis In die Sonne schauen (2025) und Julian Radlmaiers Sehnsucht in Sangerhausen (2025) haben erst kürzlich wieder zwei Filme (sehr überzeugend) den ostdeutschen „genius loci“ erkundet. Neu ist, dass seit einigen Jahren auch jüngere Regisseur*innen, die selbst aus Ostdeutschland stammen, die Region – und die eigene Ost-Sozialisation – als Filmstoff entdecken, zuletzt etwa Constanze Klaue mit ihrem Debüt Mit der Faust in die Welt schlagen (2025). Auch Trobisch, 1983 in Ost-Berlin geboren, begründet die Arbeit an Etwas ganz Besonderes biografisch. Den Anstoß zu dem Projekt, sagt sie, habe ein Ausflug mit ihrem Großvater in dessen Geburtsstadt Greiz gegeben.
So ergiebig Ostdeutschland als Filmthema ist, so klischeebeladen ist es natürlich auch. Trobisch weiß um die Fallstricke ihres Sujets und sie weiß auch, wie man sie umschifft. Der Gestus ihres Films ist empathisch, aber niemals anklagend oder plakativ, alles wird subtil aus der Logik der einzelnen Situationen und Schicksale heraus entwickelt: Edgar bemerkt beiläufig, dass in der Pension seiner Großeltern Nazis tagen, was außer ihm niemanden zu stören scheint; Kati verspricht ihren Geldgeber*innen vollmundig DDR-Aufarbeitung auf der Höhe der Zeit, ignoriert aber die Stimmen der realen Zeitzeug*innen, namentlich von Mutter Christel; und dass Rieke ein neues Leben begonnen hat, rührt wohl auch daher, dass Matze lange keine Zeit für sie und die Kinder hatte, weil er zum Geldverdienen in den Westen pendeln musste… Der Osten begegnet uns in Etwas ganz Besonderes nicht als routiniert ausstaffierte Sozialkulisse, sondern als das Patchwork der Erfahrungen und Erinnerungen von Leas Familie.
Ein Versprechen an alle Gekränkten

Am stärksten und schillerndsten ist Trobischs Film, wenn er dieser Familie erlaubt, sich als fragiles Ganzes zu erleben – etwa, wenn Lea in der ersten Filmhälfte ihren großen Auftritt im fernen München hat und ihre Eltern und Großeltern der Performance im TV-Studio live beiwohnen dürfen. In blaurotes Bühnenlicht getaucht lauschen Matze und Rieke dem Gesang ihrer Tochter. Über Riekes Gesicht laufen Tränen, selbstverständlich ergreift sie Matzes Hand, der die Annäherung zärtlich erwidert. Auch Christel folgt mit kindlicher Freude dem Auftritt ihrer Enkelin. Ohne Argwohn oder Ironie gibt sich Etwas ganz Besonderes hier dem Sog der ganz großen Gefühle hin. Manchmal, so scheint Trobisch überzeugt, hat die Realität zu schweigen, auch die ostdeutsche; manchmal gehört das letzte Wort der Show. Bei Lea stammt es von Coldplay und ist ein Versprechen an alle Gekränkten und Enttäuschten: „I will try to fix you.“
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