A Woman's Torment – Kritik
Leg dich nicht mit Karen an! Roberta Findlays A Woman’s Torment funktioniert als stupider Sexstreifen genauso gut wie als experimenteller Horrorfilm. Mit psychotischer Energie durchkreuzt der Film die Pornoroutine und entfaltet so seine emanzipative Kraft. Sehen kann man ihn gerade auf dem Wiener Slash Filmfestival, oder bei Mubi streamen.

Ein Liebespaar im Bett: Sie liegt genervt in den Laken, er penetriert stur vor sich hin. Die Kamera hält ebenso stur drauf und filmt seinen Penis ab. Am Ende ist die Frau entsetzt. So einen gefühlskalten Sex habe sie schon lange nicht mehr erlebt: „That wasn’t making love, you just masturbated inside of me!“ Und die Zuschauenden dürfen staunen: Hatten sie soeben noch eine klassische Hardcore-Pornoszene gesehen, gibt es nun deren Dekonstruktion gleich hinterher. Der Einstieg von A Woman’s Torment gibt bereits einen Vorgeschmack darauf, was man bei Roberta Findlays Sexfilm erwarten darf – und dabei hat der Horrorplot rund um eine mordende Frau im Strandhaus noch gar nicht begonnen.
Ein Porno-Horror-Hybrid

A Woman’s Torment, veröffentlicht 1977, wird zum nordamerikanischen Grindhouse-Kino gezählt. Dessen billig gedrehte, sensationsgeile Filme liefen ab den frühen 1960ern bis in die 1980er hinein im Herzen New Yorks, vor allem in der damals berüchtigten 42nd Street, liebevoll „The Deuce“ genannt. Zur Wiederaufführung kommt das abseitige Kino aktuell nicht nur auf dem Wiener Genrefestival Slash, sondern auch auf der Streamingplattform Mubi, dort unter dem Schwerpunkt „Porno-Chic. Sex und Kino in den 1970ern“. Porno war das eine Standbein des Grindhouse, Horror das andere. Findlays Genrehybrid bietet beides.
Schnitt zum Strand. Eine junge Frau, Karen, baut eine Sandburg. Die Türme schauen ein bisschen wie Penisse aus. Als die Flut kommt, wird alles weggespült. Karen starrt mit aufgerissenen Augen auf die Zerstörung. Mit Verlusten kann sie ebenso wenig umgehen wie die eingangs gezeigte Estelle mit gefühlskaltem Sex. Einen Unterschied zwischen den Frauen gibt es aber: Die von Wahnvorstellungen heimgesuchte Karen findet für ihr Problem eine praktische Lösung. Sie tötet all jene Liebhaber, die sich nach dem Sex in ihrem Strandhaus davonstehlen wollen. Ob ihr Estelles gefühlskalter wie dauergeiler Mann, der zufällig auch Therapeut ist, dabei helfen kann?
Psychotic female gaze

Roberta Findlay (*1943) ist, neben Doris Wishman, eine der wenigen Regisseurinnen des US-amerikanischen Exploitationfilms. Dieses Kino ist üblicherweise durch einen dezidiert männlichen Blick geprägt, der sich an nackten, blutüberströmten, manchmal verstümmelten Frauenkörpern kaum sattsehen kann. Auch A Woman’s Torment widmet sich, das verrät schon der Titel, dem Leiden von Frauen, doch verfährt er dabei mit genre-untypischer Einfühlsamkeit. Wir sehen nicht nur das Pornobild des penetrierenden Penis, sondern erfahren auch vom Frust der penetrierten Estelle. Wir sehen nicht nur die Männer, die Karen in ihrem Strandhaus besuchen und sie in Groß- bis Detailaufnahmen befingern oder penetrieren, sondern erfahren durch eingestreute POV-Shots auch, wie Karen diese Männer wahrnimmt: als schwitzende, grinsende, grabschende Kerle. Das persönliche Erleben tritt hier neben das generische, entindividualisierte Pornobild.
Die spannendsten Beiträge zum Grindhouse-Kanon, etwa Roger Watkins berüchtigter Pseudo-Snufffilm The Fun House (1977) oder Abel Ferraras erster Nicht-Pornostreifen The Driller Killer (1979), machen die in ihnen dargestellten Gewaltausbrüche zu ästhetischen Grenzerfahrungen. Die Kamera schießt dann durch dunkle, fragmentierte Räume, während auf der Soundspur Synthesizer fiepsen und Gitarren ihr Feedback streuen. Auch wenn Karen auf die notgeilen Männer starrt, dreht die Soundspur völlig ab. Hallende Stimmsamples und elektronischer Noise brodeln hinter den taghell ausgeleuchteten Bildern. Noch dazu wird mit manischer Regelmäßigkeit Karens aufgerissenes Augenpaar in die Sexroutinen montiert. Schnell lernt das Publikum: Die Männer haben nicht mehr lange zu leben, wenn dieser Blick sie trifft.
Grindhouse ist nicht gleich Grindhouse

Es sind die stärksten Momente des Films, wenn Karen sich von der Wirklichkeit loslöst und mit ihrer psychotischen Energie die Pornoroutine durchkreuzt. Etwa, wenn ein Pärchen auf ihrem Segelboot zu endlos geloopten Rockschnulzen Liebe macht, während Karen einige Meter entfernt im Sandstrand robbt und die seichte Musik durch Geschrei (oder ist es schriller Gesang?) unterbricht. Auch die Morde, die Karen an den sexgetriebenen Gästen in ihrem Haus verübt, können sich sehen lassen: Mal kriegt ein duschender Gast ein Stromkabel in die Hand gedrückt, mal werden zwei Liebende durch Schürhaken auseinandergerissen. Am Ende starren die toten, blutigen Gesichter mit überraschtem Ausdruck ins Nichts. Als hätte ihnen Karens Gewalteinwirkung neue Einsichten gegeben.
Was für eine Einsicht nehmen die Zuschauenden mit? Roberta Findlay, die sich laut Programmheft des Slash-Filmfests nicht als Feministin sah, bricht mit A Woman’s Torment dennoch die maschinenhafte Gleichförmigkeit des Grindhouse-Pornos auf. Zwar ist auch hier die Kamera sehr an Karens Nippeln und Schamlippen interessiert, doch bleiben vor allem die brutalen Brüche mit dem male gaze in Erinnerung. Wer sich von der Eigenständigkeit dieser Regisseurin überzeugen will, vergleiche A Woman’s Torment einfach mit anderen Filmen aus der Pornoreihe von Mubi oder einem beliebigen zeitgenössischen Mainstreamporno. Dort wird man Karens manisches Augenpaar schon bald vermissen.
Im Rahmen des Slash Filmfestivals läuft der Film am Samstag, den 3.10.2026 um 15:30 Uhr im Wiener Metro Kino.
Alle anderen könnten den Film aktuell bei Mubi streamen.
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