The End of Oak Street – Kritik

Nachdem ein Vorstadtviertel in die Urzeit versetzt wird, muss eine Familie auf der Flucht vor Dinosauriern ihre inneren Konflikte bewältigen. David Robert Mitchells The End of Oak Street ist straff inszeniertes Abenteuerkino, das seine Einflüsse nicht verleugnet, sondern versteht: gut geklaut ist besser als schlecht erfunden.

The End of Oak Street beginnt mit Sommer und Sonnenschein in einer Vorstadtsiedlung, mit einer gemeinschaftlichen, harmonischen Feier innerhalb der Nachbarschaft. Doch ein paar spannungsgeladene Blicke deutet schon subtil an, dass hinter dieser vordergründigen Idylle nicht alles stimmt: Hausfrau Denise Platt (Anne Hathaway) gießt ihren Frust in die Form eines Romans, an dem sie nachts heimlich schreibt. Ihr Mann Greg (Ewan McGregor) versteckt derweilen seinen Whiskey und verheimlicht der Familie den Umstand, dass er seinen Job verloren hat. Die jugendlichen Kinder (Maisy Stella und Christian Convery) schließlich können nur aus der Ferne beobachten oder durch geschlossene Türen mit anhören, wie sich die Ehe ihrer Eltern langsam auflöst.

Zu diesen persönlichen Konflikten gesellen sich geheimnisvolle grelle Lichter im Nachthimmel, kleine Irritationen, die dunkle Ahnungen hervorrufen, dass gerade irgendetwas Seltsames vorgeht. Schließlich wird das gesamte Viertel mit einem weiteren nächtlichen Blitz in die Urzeit katapultiert und die Platts haben es plötzlich mit Dinosauriern, Riesenschildkröten und gigantischen Schlangen zu tun. In ruhigeren Momenten bedeutet das, dass sie eine aberwitzig-exotische Naturwelt bestaunen dürfen – generell müssen sie aber um ihr Leben kämpfen, weil sie nun auf dem Speiseplan riesiger, rasend schneller und/oder geräuschloser Raubtiere stehen.

Ein Spielberg-Film ohne Steven

Die Vorstadt mit ihren Kindern auf BMX-Bikes, die außerirdisch in die Wohnhäuser dringenden Lichter, die Dinosaurier, die überwältigten Gesichter: Überdeutlich befinden wir uns in der Bilderwelt eines Spielberg-Films. Nur stammt The End of Oak Street eben nicht von Steven selbst, sondern ist eher etwas wie Fanfiction: Einzelne Elemente und die allgemeine Atmosphäre von Werken wie Unheimliche Begegnung der dritten Art (1977), E.T. – Der Außerirdische (1982) und Jurassic Park (1993) werden aufgegriffen und zu etwas Neuem verbunden, immer wieder durchsetzt mit direkten Bildzitaten. Die größte und eklatanteste Abweichung ist lediglich, dass – anders als bei Spielberg – hier der Familienvater anwesend ist.

Der Einfluss von Spielberg hat vor allem zur Folge, dass wir in The End of Oak Street straff inszeniertes Blockbuster-Entertainment bekommen. Die Kernfamilie wird in eine unsichere Welt geworfen, in einen Überlebensparkour, in dem sie zunächst vollends aufgeschmissen zu sein scheint. An allen Ecken lauern neue Herausforderungen und Gefahren: Am Ende jeder Straße wartet ein undurchsichtiger Urwald, ein Sumpf oder eine Schlucht, in jedem Fall ein Ort des sicheren Todes. Aus der Luft kommen Flugsaurier, aus dem Boden heiße Wasserfontänen. Angesichts dieser tödlichen, prähistorischen Übermacht gibt es keine sicheren Rückzugsorte. Im Keller des Hauses steht das Wasser, Autos oder verbarrikadierte Fenster bieten nur einige Augenblicke lang Schutz. Die Pratts müssen also rennen und denken, denken und rennen – und zwar so schnell wie möglich, wenn sie die immer neuen Wellen des Todes überleben wollen.

Am Rande dieser Verfolgungsjagd gibt es kleine Nebenschauplätze – eine lesbische Liebe oder die Ahnung, dass die ganze Situation als Metapher für den Klimawandel gemeint sein könnte. Doch die meiste Zeit haben Dramaturgie und Inszenierung nur ein Augenmerk: den mitfiebernden Zuschauer. Die Kamera orchestriert das Geschehen mal in Richtung klassischer Suspense, etwa wenn sich im Rücken unserer Protagonisten immer wieder Tiere anschleichen, mal um die Absurdität des Geschehens einzufangen. Ein langer Kameraschwenk verfolgt beispielsweise die Flucht zweier Menschen vor den eben entdeckten Sauriern, während im Vordergrund ein Auto steht, dessen Insassen weder die Flüchtenden sehen, noch realisiert haben, dass sich ihre Welt über Nacht verändert hat und es heute mit Schule und Arbeit eher nichts wird.

Melodrama trifft auf Brachiosaurus-Sex

Produzent von The End of Oak Street ist J.J. Abrams – dass sich alles nach Spielberg anfühlt, kommt also nicht von irgendwoher. Regie führte aber David Robert Mitchell, dessen Karriere mit dem Erfolg des Horrorfilms It Follows (2014) durch die Decke zu gehen schien, aber seit der darauffolgenden kruden postmodernen Film-Noir-Eloge Under the Silver Lake (2018) ins Stocken gekommen war. Seiner Federführung ist es zu verdanken, dass The End of Oak Street nicht nur ein Imitat, sondern ein holpriger, unrunder und dadurch eigener Film geworden ist.

Zunächst wirkt Mitchells Stil manierierter als der des Vorbilds und weniger darauf bedacht, hinter der angeworfenen Immersionsmaschine unsichtbar zu werden. Immerfort setzt er beispielsweise Split-Focus-Shots ein, also unwirklich erscheinende Bilder, bei denen ein nahes Detail und etwas weit Entferntes gleichzeitig scharf im Bild erscheinen. Sein Einsatz dieses Stilmittels ist noch aufmerksamkeitsheischender als bei Spielbergs Zeitgenossen Brian de Palma, der für diese Einstellungsart berühmt ist. Doch Mitchell geht es nicht um eine reine Stilübung, dazu ist er zu sehr an seinen Figuren interessiert. Denn mit den Split-Focus-Shots betont er vor allem die Distanz innerhalb der Familie Platt. Den Familienkonflikt inszeniert er fast schon wie ein Douglas-Sirk-Melodram, und die passiv-aggressiven Interaktionen Hathaways und McGregors sind hier auf subtile Weise genauso brutal wie die Verwüstungen der Urzeitriesen.

Das schönste inszenatorische Mitbringsel Mitchells ist aber sein Desinteresse gegenüber allen Erklärungen. Wie und warum es zu der örtlich beschränkten Zeitverschiebung kommt, bleibt im Dunkeln. Der Ehekonflikt braucht schlicht einen Katalysator, um offen zutage zu treten – und warum sollte das nicht eine unerklärliche Zeitreise sein. Die Liebe zwischen zwei Menschen braucht etwas Drehbuchmagie, um nicht zu ersticken – und warum sollte diese nicht die Form von Brachiosaurus-Sexszenen annehmen. Das Abenteuerkino ist in The End of Oak Street selbstbewusst genug, um sich auf das eigene Kerngeschäft zu konzentrieren: Es passiert einfach genau das, was passieren muss, damit wir im Kino einen immersiven Ritt erleben.

Neue Kritiken

Trailer zu „The End of Oak Street“


Trailer ansehen (1)

Neue Trailer

alle neuen Trailer

Kommentare

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.