Corruption – Kritik
Kino-Tipp: Es klingt nach einem sexy Neo-Noir der 1980er: Geschäftsmänner in Anzügen (Golden-Age-Star Jamie Gillis!) zwielichtige Dinge. Aber da sind auch Themen aus Richard Wagners "Rheingold". Und seine kryptischen Dialoge, elliptischen Szenenfolgen und extremen Farbkontraste machen Roger Watkins‘ enigmatischen Kultporno Corruption fast zu einem David-Lynch-Film.

Einer der interessantesten David-Lynch-Filme ist der enigmatische Porno Corruption von 1983. Nur hat David Lynch mit diesem Streifen überhaupt nichts zu tun. Vielmehr stammt er vom 2007 verstorbenen Regisseur Roger Watkins, der hier einen Lynch-Film avant la lettre vorgelegt hat.
Der Geschäftsmann Williams (Jamie Gillis) ist in die Miesen geraten. Seinen Gläubigern Franklin (Michael Gaunt) und Frederick (Michael Morrison) versichert er hoch und heilig, den geschlossenen Vertrag einzuhalten und ihnen als Entlohnung einen Koffer unbekannten, aber offenbar kostbaren Inhalts auszuhändigen. Williams beauftragt seinen Assistenten Alan, diesen Koffer zu beschaffen. Doch Alan kehrt nicht zurück. Um ihn und den Koffer aufzuspüren, bittet Williams seinen halbseidenen Halbbruder Larry (Bobby Astyr) um Hilfe. Gemeinsam steigen sie hinab in eine Unterwelt voller sexueller Perversionen.

Die Geschichte klingt zunächst nach einem halbwegs konventionellen, sexy Neo-Noir der 1980er Jahre: Männer in Anzügen tun zwielichtige Dinge. Fatalismus, Zynismus und Nihilismus bestimmen die Atmosphäre. Den Unterschied macht zum einen, dass es sich um einen Hardcore-Porno mit zahlreichen expliziten Sexszenen handelt. Vor allem aber ragt seine künstlerische Form heraus: Kryptische Dialoge, elliptische Szenenfolgen und extreme Farbkontraste prägen diesen Kultfilm des pornografischen Kinos. Es sind unter anderem auch jene Mittel, mit denen später David Lynch seine Filme in Szene setzen sollte.
Roger Watkins ist unter Film-Aficionados vor allem für seinen berüchtigten Meta-Horrorfilm The Last House on Dead End Street, aka The Fun House, von 1977 bekannt. Trotz guter Kontakte zu Filmgrößen war Watkins nie zur richtigen Zeit am richtigen Ort; eine Mainstreamkarriere blieb ihm verwehrt. Um überhaupt weiterdrehen zu können, musste er sich mit Hardcore-Produktionen begnügen. Dass er dem Genre ambivalent gegenüberstand, ist seinen Filmen deutlich anzumerken; er überträgt den nihilistischen Ton von The Last House on Dead End Street auf sie und verleiht ihnen damit eine bizarre und ganz eigene Handschrift. Insbesondere gilt das für seine eindrucksvolle Trilogie, zu der außer Corruption auch Midnight Heat (1983) und American Babylon (1985) gehören: drei absolut deprimierende, eigentlich antisexuelle Pornos.
Wagner Goes Wall Street

Corruption drehte Watkins unter seinem häufig verwendeten Pseudonym Richard Mahler. Der Name verweist auf sein Faible für klassische Musik und gibt Zuschauer*innen mit Spürsinn einen ersten Schlüssel zum Verständnis des Films an die Hand. Denn der Film basiert lose auf Richard Wagners 1869 uraufgeführter Oper "Das Rheingold", dem ersten und kürzesten der vier Teile des Zyklus Der Ring des Nibelungen. Dabei ist erstaunlich, wie eng sich Watkins stellenweise an Wagners Vorlage hält.
Im Rheingold steht der Göttervater Wotan bei den beiden Riesenbrüdern Fafner und Fasolt in der Schuld. Als Gegenleistung für den Bau der Götterburg Walhall hat er ihnen seine Schwägerin Freia versprochen – ohne ernsthaft daran zu denken, sie ihnen tatsächlich auszuliefern. Aus der misslichen Lage soll ihm der mephistophelische Loge helfen. Er weist Wotan auf einen Schatz hin: das Rheingold, das sich im Besitz des Zwerges Alberich befindet. Dieser hatte es einst den Rheintöchtern geraubt, nachdem sie sein Liebesbegehren zurückgewiesen hatten. Wotan versucht nun, Alberich den Schatz zu entwenden, um diesen den Riesen anstelle Freias anzubieten.
Neben den deutlichen Parallelen der Handlung streut Watkins weitere Wagner-Verweise ein: Seine Figuren tragen alliterierende Vornamen, eine junge Frau liest die Tagebücher von Wagners Ehefrau Cosima. Und auch wenn nicht Wagner selbst auf der Tonspur erklingt, so doch die Musik seines russischen Zeitgenossen Modest Mussorgski: Ein musikalisches Zwischenspiel aus der Krönungsszene von Boris Godunow rahmt den Film zu Beginn und am Ende.
„Was du bist, bist du nur durch Verträge“

Ganz schön viel Aufwand für einen Pornofilm, möchte man meinen. Und die Herausforderung für die grauen Zellen und den Schrittbereich kann man selbstverständlich furchtbar prätentiös finden. Doch die Variation des klassischen Stoffes erzeugt hier einen interpretatorischen Überschuss, der die Assoziationen weit über das bloße Rein-Raus-Spiel hinausschießen lässt. Zentral für Das Rheingold wie für den gesamten Ring ist die Frage, ob sich Liebe und Gesetz, Begehren und Vertrag miteinander vereinen lassen. Wagners Tetralogie endet trotz Götterdämmerung mit einem Hoffnungsschimmer. Bei Roger Watkins dagegen herrscht blanker Nihilismus. Schon der Titel lässt kaum etwas anderes erwarten: In Corruption sind die Menschen im Geschäft wie in der Lust gleichermaßen korrumpiert und pervers.
Walhall erscheint in Corruption – im einzigen Establishing Shot des Films – als nebelverhangener New Yorker Wolkenkratzer. Die Figuren sind wie Investmentbanker gekleidet und bewegen sich durch eine Welt der Verträge. Im Rheingold warnt Fasolt Wotan: „Was du bist, bist du nur durch Verträge.“ In Corruption beteuert Williams entsprechend: „I believe in business. I believe in honoring my contract.“ Doch hinter dieser Beschwörung des Vertrags steht allein das Verlangen nach Macht und Reichtum – und im Porno natürlich auch das Verlangen nach Sex. Beides ist zum Scheitern verurteilt.
Der Wert des Money Shots

So sehen wir, wie Alan, bevor er an den begehrten Koffer gelangt, drei Räume durchstreift. Ihr auffälligstes Merkmal ist jeweils eine dominante Farbe, die nicht nur den Innenraum, sondern auch die darin sich leichtbekleidet rekelnden Frauen bestimmt. Wie die Rheintöchter Alberich zurückweisen, so verwehren diese Frauen Alan den vollständigen sexuellen Genuss. Will er an den Koffer gelangen, muss auch er der Liebe entsagen. Damit verweigert Watkins auch seinem Publikum den vollen Genuss – da ist auch ein finaler Money Shot nicht viel wert.
Später, in einer spiegelbildlich angelegten Sequenz zwingt Larry seinen Halbbruder Williams, durch ein Guckloch in drei weitere Räume zu blicken, in denen sich unterschiedliche sexuelle Abgründe auftun. Williams beobachtet unter anderem ein sadomasochistisches Spiel zwischen einer Domina und einem maskierten Mann. In einer surrealen Volte erscheint Williams plötzlich selbst unter der Ledermaske. Und in einem weiteren Raum kommt es zu einem rituellen Akt von Nekrophilie. Sexualität ist hier keine lustvolle Angelegenheit, sondern ein erschreckender Abgrund. Die Welt in Corruption ist durch und durch verdorben. Allein die sinnliche Vanessa del Rio in der Rolle der Erda – die direkteste Referenz auf Das Rheingold – sorgt für eine Szene, in der der Sex tatsächlich einmal erotisch ist. Doch das ist leider der einzige Hoffnungsschimmer, den uns Watkins in seinem abgründigen Pornofilm gewährt.
Der Film läuft am Freitag, den 11.09.2026 um 19:00 Uhr im Filmrauschpalast Moabit. Tickets gibts hier.
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