Vaterland – Kritik
Goethe soll geehrt werden, aber welcher? Schwere hängt in der Luft im von den Besatzungsmächten geteilten Deutschland, das Erika und Thomas Mann in Pawel Pawlikowskis von einem realen Heimatbesuch des Schriftstellers inspirierten Film Vaterland bereisen.

Wie unerträglich ist es für eine Schriftstellerfamilie, in ein Land zurückzukehren, aus dem ursprünglich ihre künstlerische Inspiration rührte, bevor es jahrelang von einer Diktatur demoliert wurde? Erika Mann, selbst Schriftstellerin und entschiedene Gegnerin des Nationalsozialismus, begleitet ihren Vater anlässlich des Goethe-Jahres 1949 – es ist der zweihundertste Geburtstag des Dichters – zu Ehrungen nach Frankfurt und anschließend nach Weimar. Dabei ist sie genauso wie Thomas Mann gleich mehreren Zerreißproben ausgesetzt.
Entsetzt beobachtet sie das vermeintlich sorglose Treiben der Gäste auf der Festveranstaltung. Der Gedanke, was diese Menschen, die jetzt so tun, als ob nichts gewesen wäre, noch vor vier Jahren trieben, stört Erika zutiefst. Vater und Tochter begegnen alten Bekannten, die sie lieber nicht getroffen hätten. Spätestens als die Manns für eine weitere Rede ins stalinistisch geprägte Weimar reisen, wird deutlich, dass es den Gastgebern nicht allein um die Werke des Schriftstellers geht, sondern vor allem um dessen Namen. Als Johannes R. Becher, Präsident des Kulturbundes, versucht, ihn für die eigene Sache zu gewinnen, schlägt Thomas Mann ihm stattdessen seinen Bruder Heinrich vor, der deutlich stärker dem Sozialismus zugeneigt ist. Doch davon möchte Becher nichts wissen.
Zwei Versionen von Zukunft

Das westliche System versucht im Vergnügen zu vergessen, während der Osten eine ganz neue Richtung anstrebt. So verschieden die beiden Gesellschaftsmodelle auch auftreten, beanspruchen beide Thomas Mann und die von ihm repräsentierte Kultur für sich. Wie unterschiedlich sie diese Kultur jeweils auslegen, zeigt Pawlikowski bis ins Detail. Über dem Pult, von dem aus Mann jeweils über Goethe spricht, hängt in Frankfurt wie in Weimar ein Porträt des Dichters – nur ist es nicht derselbe Goethe. Kleidung und Darstellung unterscheiden sich, als hätte sich jede Seite auch von ihm eine eigene Version zurechtgelegt.
All dies geschieht vor dem Hintergrund der Nachricht von Klaus Manns Tod, der sich während der Reise das Leben nimmt, anstatt Vater und Schwester zu begleiten, wie Erika es sich gewünscht hatte. Die Schwere des gestern noch zerstörenden und heute geteilten Landes hängt in der Luft. Der Trubel auf den beiden Veranstaltungen, zu denen wir den Manns in ihrem Auto folgend reisen, ist organisatorisch und atmosphärisch völlig unterschiedlich, in der Zielsetzung aber ähnlich: Beide Seiten wollen der Welt zeigen, dass sie das bessere Konzept für die Zukunft haben. Im Osten lässt Pawlikowski die Gesichter der Zuhörer für sich sprechen. Nicht jeder scheint Thomas Mann zuzustimmen, nicht jeder applaudiert sofort. Erst als einer aufsteht und klatscht, folgen nach und nach die anderen. Aus einzelnen Reaktionen wird eine gemeinsame, der Druck der Gruppe ist zu spüren, ohne dass das jemand aussprechen müsste.
Ein kurzer Moment der Ruhe

Gerade in solchen Momenten zeigt sich, wie sehr Pawlikowski seinen Bildern vertraut. Sein Schwarz-Weiß-Film arbeitet mit einer ruhigen, oft statischen Kamera und streng komponierten Einstellungen, in denen Menschen wie in Räume eingefasst erscheinen. Umso auffälliger sind die kurzen Momente, in denen sie dieser Struktur entkommen. Erika verlässt, genervt von der Veranstaltung in Weimar, den Raum und sucht draußen in der Natur nach Ablenkung. Nach seiner Rede möchte Thomas nach ihr schauen und wird von einer Mitarbeiterin zu ihrem Zimmer begleitet. Im Aufzug hat der Schriftsteller die Möglichkeit, die mit dem Rücken zu ihm stehende Frau schweigend zu beobachten. Wir wissen nicht, was sie denkt.
Als beide aussteigen, hallen auf dem Flur ihre Schritte, verstummen für wenige Augenblicke auf einem Teppich und setzen dahinter wieder ein. Die Frau bringt Thomas Mann bis zu Erikas Zimmer und schließt hinter ihm die Tür. Wieder erklärt Pawlikowski uns nicht, was sie über das alte oder das neue Regime, über die Manns oder ihre eigene Stellung denkt. Ebenso wenig wissen wir, ob ihre Zurückhaltung bloß zu ihrer Arbeit gehört oder ob mehr dahintersteckt. Für einen kurzen Moment setzt mit den verstummenden Schritten auch die laute Organisation aus, die die Manns auf ihrer Reise fast überall umgibt.
Ein Vaterland, auch wenn es in Weimar eifrig von einem Kinderchor besungen wird, suchen die Manns, so sie es überhaupt suchen, vergeblich. Als Erika ihren Vater bittet, nach Hause zu fahren, fragt Thomas Mann schmunzelnd, welches Zuhause sie denn meint. Deutschland, verstehen wir, ist ein solches Zuhause nicht mehr, vielleicht gibt es für ihn überhaupt kein geographisch verortbares Zuhause mehr. Erst gegen Ende kehrt eine Ruhe ein, die all den Empfängen, Reden und politischen Ansprüchen etwas anderes entgegensetzt: einen Moment, in dem nichts mehr bewiesen werden muss.
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