Digger – Kritik

Durch Erdölbohrungen löst sich eine gigantische Eisscholle und droht, Europa platt zu machen. Schuld daran: US-Milliardär und dekadenter Unsympath Digger Rockwell. Tom Cruise gibt im Fatsuit zwar sein Bestes, doch Regisseur Alejandro G. Iñárritus Panoptikum der Niedertracht bleibt eine spaßbefreite und selbstgenügsame Anstrengung.

Anmutig tänzelnd steigen dicke Blasen im tiefen Ozean auf. Doch der schöne Schein trügt: Tatsächlich handelt es sich um hochexplosives Methan, das aus den schwer mitgenommenen Rohren einer Erdölraffinerie in Grönland dringt. Seit Jahrzehnten betreibt US-Milliardär Digger Rockwell (Tom Cruise) dort Raubbau an der Natur. Was sich nun endgültig rächt. Eine Explosion führt dazu, dass eine Eisscholle, die zehnmal so groß ist wie Washington D.C., Richtung Europa treibt und droht, den Kontinent platt zu machen.

Wir lernen Digger Rockwell noch vor diesem Ereignis kennen. In seinem mit rustikalem Luxus ausgestatteten Anwesen inklusive Barockgarten könnte er nicht weiter weg sein von den Katastrophen und Verwerfungen der Gegenwart. Die augenscheinlichste Attraktion, die Regisseur Alejandro G. Iñárritu zunächst in Szene setzt, ist jedoch nicht die opulente Ausstattung, sondern Tom Cruise: Der eigentlich in puncto Aussehen und Fitness ganz und gar untypische 64-Jährige gibt hier mit fahler, faltiger Haut, Fatsuit, schütterem Haar und aufblitzender Arschritze einen Tycoon, dessen moralische Verrohung sich ins Erscheinungsbild gefressen hat. Das Einzige, was dieser Mann noch liebt, ist eine halb verweste, verzweifelt nach Erlösung bettelnde Katze, die von einem hochkarätigen Doktor künstlich am Leben gehalten wird.

Keine Exzesse, kein Slapstick, keine zündenden Zoten

Den dekadenten Unsympathen umgibt der Film mit allerlei nervös duckmäuserischen Handlangern, die ihm schonend die Dimensionen des Vorfalls klarzumachen versuchen sowie die Tatsache, dass allein er daran Schuld hat. Auffällig ist schon zu diesem Zeitpunkt, dass die Charaktere reine Witzfiguren sind und das Schauspiel, je nach Sichtweise, expressiv stilisiert oder nervtötend ist. Die Settings sind zudem künstlich und steril, und die Inszenierung bemüht sich spürbar darum, uns die in ihnen agierenden verachtungswürdigen Gesellen vom Leib zu halten. Die Kamera (Emmanuel Lubezki) rückt zwar nah an sie ran, zeigt sie aber in deformierender Untersicht, so als wären sie einem grotesken Comic entsprungen.

Iñárritu eröffnet hier ein Panoptikum der Niedertracht mit denkbar naheliegenden Zielscheiben: Reiche, mächtige, alte, weiße und schwer von sich überzeugte Männer, die sich auf Kosten der Erde und ihrer Bevölkerung bereichern. Die Parallelen zu Absurditäten aus der aktuellen US-Politik sind offensichtlich. Bei einer Krisensitzung mit dem schwer krebskranken Präsidenten (John Goodman) gerinnen solche Bezüge zu schalen Witzen. Man kalauert über die abwesenden Frauen, ein krawalliger Militärchef will sich von keinem Eisblock etwas vorschreiben lassen und der indischstämmige Wissenschaftler (Riz Ahmed) muss sich wegen seiner Herkunft rechtfertigen. Bemerkenswert ist, wie steif und unlustig diese Szenen inszeniert sind. Es gibt keinen Exzess, keinen dynamischen Slapstick oder zündende Zoten, man spürt lediglich die von jeglichem Spaß befreite Anstrengung, die in dieser Darbietung steckt.

Megalomanisch verzerrte Bilder

Wer in der ersten halben Stunde von Digger bereits hofft, der tatsächliche Weltuntergang möge ihn von diesem Schmierentheater erlösen, bekommt vom Regisseur eine lange Nase gezeigt. Denn – ha, erwischt! – in Wahrheit erweist sich das Geschehen als Theaterprobe. Rockwell, der, wie wir erfahren, vor vielen Jahrzehnten wirklich lebte, ist eigentlich der Schauspieler Curtis, der die Inszenierung selbst viel zu dick aufgetragen findet und erfolglos versucht, die junge Regisseurin (Sophie Wilde) davon zu überzeugen. Auch sonst herrscht im Backstage-Bereich ähnlicher Trubel wie in dem Stück-im-Film: Curtis erfährt, dass seine Tochter wegen eines Sturms mit ihrem Flugzeug verschollen ist, und ein weirder Produzent (Jesse Plemons) rückt ihm ständig auf die Pelle. Diese Szenen wirken schon deshalb erlösend, weil nun auch das Schauspiel realistischer und nuancierter ist.

Digger möchte seine Satire um den ruchlosen Öl-Magnaten aber bis zum Ende durchziehen. Wir folgen Rockwell etwa dabei, wie er versucht Schadensbegrenzung zu betreiben und zum Erlöser der Menschheit werden will. So muss er sich in Den Haag vor bleich geschminkten EU-Politikern, die Schaufensterpuppen als Platzhalter zwischen sich sitzen haben, rechtfertigen. Inszeniert ist seine flammende Rede durchaus dynamisch. Die weitwinkelig megalomanisch verzerrten Bilder zeigen, wie sich Cruise immer mehr in Rage redet, über Sitzreihen steigt und von einem fliegenden Schuh niedergestreckt wird, während immer wieder ein markerschütterndes Dröhnen (Soundtrack: Cosmo Sheldrake) die Szene erschüttert. Inhaltlich bleibt es so genügsam wie zuvor. Schamlos windet sich Rockwell aus der Verantwortung und legt dar, dass seine Zuhörer – womit er auch uns Zuschauer meint – mit ihrem verschwenderischen, von neuen Technologien abhängigem modernen Lebensstil Komplizen seiner Zerstörung sind.

Vorsichtig ein wenig Menschlichkeit

Iñárritu weiß wohl um die zermürbende Wirkung solcher Szenen und stattet Rockwell deshalb vorsichtig mit ein wenig Menschlichkeit aus. Cruise macht das Beste aus dieser Rolle, in dem er die leblosen Grimassen mit seinem melodramatischen Talent auflockert. Allzu viel ausrichten kann er gegen die hausbackene Gegenwartsdiagnose des Regisseurs allerdings nicht.

Auf der Bühne entwickelt sich schließlich eine Meta-Diskussion über die Möglichkeiten und Grenzen von Satire. Während Curtis meint, die Übertreibung würde die Wirklichkeit wie auch die Figuren verraten, pocht die Regisseurin – die unweigerlich als Stellvertreterin Iñárritus auftritt – mit Tränen in den Augen darauf, dass das Publikum so viel Leid durch diese reichen Männer erfahren habe, dass es sich sein erlösendes Lachen verdient hat.

Wenn Iñárritu in diesem Moment gewissermaßen die eigenen Mittel rechtfertigt, stellt sich die Frage, warum er seine Satire nicht einfach etwas schwungvoller und treffsicherer inszeniert. Es bleibt ein seltsames Missverhältnis zwischen der angedeuteten Größe und Komplexität des Films und den schlichten Absichten, die dahinter stehen. Zunächst setzt Digger auf plumpe Herrschaftskritik, versucht anschließend seinen Kopf mit einem Meta-Move inklusive Diskurs über das Verhältnis zwischen Kunst und Wirklichkeit aus der Schlinge zu ziehen, bevor er sein Publikum am Ende mit wohlmeinender Sentimentalität niederwalzt. Dabei ist es nicht ohne Ironie, dass ausgerechnet ein Film, der sinnlose Verschwendung anprangert, mit einem geschätzten Budget von fast 130 Millionen Dollar, aufwändigem Produktionsdesign und ansehnlichen Stars einen derart selbstgerechten, eitlen Quatsch fabriziert.

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