Ein Münchner im Himmel - Der Tod ist erst der Anfang – Kritik
Tu Gutes, scheißegal warum. Der urige Münchner Musiker und Taxifahrer Wiggerl wird aus seinem geliebten Lotterleben in ein hippes, fleisch- und alkoholfreies Jenseits versetzt. Um wieder zurück zu dürfen, muss er versuchen, ein guter Mensch zu werden. Das ist schwer.

Wiggerl (Maximilian Brückner, Räuber Kneißl, Oktoberfest 1900) fühlt sich wohl in seinem irdischen Paradies. Verschmitzt versteckt er sich unter den Nackten im Englischen Garten, lässt sich auf Zufallsliebschaften ein, lässig absolviert er seinen Job als stadtbekannter Taxifahrer. Keine Sorgen und kein Morgen. Bis auf einmal: anderes Auto, zack – Nahtoderlebnis.
Im vertrauten Biotop

Während die Ärzte auf der Intensivstation um das Leben des verantwortungsarmen Schwerenöters ringen, betritt Wiggerls Astralkörper die prächtige Fin-de-Siècle-Empfangshalle des Himmels über München. Duftige Wolken, chice Erfrischungstheke, hübsche, hippe Dienst- und Wachleute. Leider nur herrschen hier Regeln wie im Amt bzw. in weltanschaulichen social-media-Debatten. Genervt von den Menschen, beraten die bürokratischen Engel und ihre Vorsteherin (Ina Müller) über Wiggerls weiteres Schicksal. Wiggerl will weg, zurück in seinen Körper, in die von ihm zerrüttete Familie, in sein Hallodrileben im vertrauten Biotop.
Ein Schutzengel mit Burnout erklärt, das gehe nur, wenn die App des Karma-Kontos „grün“ anzeige. Zu diesem Zweck muss Wiggerl versuchen, ein „guter Mensch“ zu werden und in der Vergangenheit Verbocktes geradezurücken. Wenigstens darf er dabei eigennützig sein – tu Gutes, scheißegal warum. Bis dahin ist er für die meisten unsichtbar (eine der Ausnahmen: Michaela May als überzeugend esoterische Schwiegermama, die den Wiggerl „als Präsenz im Raum spürt“). Nicht gesehen zu werden und durchlässig durch alles durch zu können, kann lustig sein – beim Autoklau, beim Kiebitzen der Pokerrunde des unseriösen Taxichefs (sehr schön: Sigi Zimmerschied) oder als Hilfsgeist bei der Matheprüfung des, wen wundert’s, fehlstundenreichen Töchterchens (Momo Beier).
Todesmild, selbst zum Bassisten

Nicht lustig allerdings: Wenn Wiggerl mit ansehen muss, wie sie ein Online-Tutorial „Wie wirst du unliebsame Geister wieder los?“ guckt. Oder wenn die Band einfach ohne ihn weitermacht. Es ist empörend, wie man Wiggerl nicht beachtet. Aber er muss lernen, solche Kränkungen nur mit winzigen Grimassen zu quittieren und auch betröppelt mal was einzusehen. Zu lächeln, wenn der Bandkollege sich mit Blabla aufspielt – „Im Grunde bist du als Bassist der Leader der Band. Du weißt, der Rhythmus…“ Demütig dankbar zu sein, schon wenn einer nur das Fotoalbum für ihn umblättert.
Neben Ludwig-Thomas-Geschichte von 1911 und deren TV-Zeichentrickverfilmung (Traudl und Walter Reiner, 1970), auf der der Film lose basiert, erinnert Ein Münchner im Himmel auch an Josef von Bakys famose Jenseitskomödie Das Tor zum Paradies (1949). Im Vergleich mit diesem Meilenstein hat der Münchner es allerdings ein bisschen schwer. Das Saloppe, Unvorhersehbare gelingt ihm gut. Aber in der zweiten Hälfte wird es doch manchmal holprig oder zu herkömmlich. Dann verliert der Film für Momente seine Flügel und lässt sich ein auf Wendungen, die letztlich nicht viel bringen. Doch mag der Parcours auch mal nicht optimal geformt sein: Wiggerl bewegt sich souverän da durch, amüsant, mit pointierter Mimik und perfektem Timing – großes Kompliment an den Darsteller. Es ist ein Vergnügen, zu sehen, wie diese liebevoll gestaltete Figur – um einfallsreiche Ausreden nicht verlegen, doch zeitweise auch mitmenschlich und naiv aufrichtig – mit den Beschränkungen und Chancen des Seins und Nichtseins umgeht. Regisseur David Dietls Arbeit (er widmet den Münchner seinem verstorbenen Vater Helmut, Monaco Franze) machte schon im TV-Mehrteiler Gute Freunde – Der Aufstieg des FC Bayern viel Spaß. Aber auch Emotionales wie die Vater-Tochter-Geschichte und die Mutter-Tochter-Trauer kommen echt und innig rüber. Am Ende ist es zwar möglich, dass es das eine oder andere nicht gebraucht hätte. Aber: C’est la vie. Und manchmal muss man sogar weinen.
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