Everytime – Kritik

Sandra Wollners Everytime erzählt vom Nachhall eines tragischen Todesfalls und den Widersprüchen des Abschiednehmens. Was als sensibles Familiendrama beginnt, wird zur fulminanten filmischen Geisterbeschwörung.

Im Schein der Sommermorgensonne sehen sogar Plattenbaufassaden wie eine Verheißung aus. Langsam, fast andachtsvoll gleitet die Kamera in Sandra Wollners Everytime an den endlosen, in goldgelbes Licht getauchten Fensterreihen vorbei, während aus dem Off die Stimme der jungen Jessie (Carla Hüttermann) erklingt. „Was hast Du mir da gegeben?“, fragt sie kichernd ihren Freund Lux (Tristán López). „Ja, bei mir ballert’s auch ganz schön rein“, erwidert dieser träge. Zweisames Afterhourern auf einem Hochhausdach irgendwo in Berlin, verliebt und auf Drogen, der Welt so weit entrückt, wie es nur geht. Dass dieses Idyll zu schön (und zu nahe am Abgrund gebaut) ist, um nicht in einer Katastrophe zu enden, ist von Anfang an klar.

Ein Mensch stirbt und das Leben geht weiter

Everytime erzählt von dem Nachhall dieser Katastrophe – und den Unlösbarkeiten, die entstehen, wenn man trauert und weiter funktionieren muss. Jessie, erfahren wir bald, ist tot. Ihr Höhenflug hat mit einem Sturz in die Tiefe geendet. Ein Jahr ist seitdem vergangen. Wir sehen Ella, Jessies Mutter (Birgit Minichmayr), am Grab ihrer Tochter stehen und telefonieren, während sie routiniert das Wasser für die Grabblumen wechselt; kurz darauf geht sie geduldig mit der kleinen Melli, Jessies jüngerer Schwester (Lotte Shirin Keiling), die Optionen fürs Abendessen durch. Minichmayr spielt ihre Figur als gestandene, sympathisch störrische Alltagsakrobatin, tough und resilient nach außen, aber innerlich verwüstet. Ella will beides: den Verlust ihres Kindes angemessen betrauern und zugleich weiter für ihre Familie, allen voran Melli, da sein. Ein Spagat, der ihr leidlich gelingt – bis eines Tages Lux vor ihrer Wohnungstür steht. Viele glauben, dass der Jugendliche eine Mitschuld an Jessies Unfalltod trage; auch Ella hegt diesen Verdacht, begegnet Lux aber dennoch mit Offenheit.

Everytime lockt uns zunächst auf die (nicht ganz falsche) Fährte eines klassischen Familiendramas: In leisen, sensibel gestalteten Szenen schildert der Film, wie Ella den sichtlich traumatisierten Lux, allen Vorbehalten ihres Umfelds zum Trotz, bei sich und Melli aufnimmt. Dass das nicht gut gehen kann, scheint ausgemacht. Eine komplizierte Gemengelange aus Wut, Mitleid und Schuldgefühlen zeichnet sich ab – ohne jedoch in den erwarteten emotionalen Großkonflikt zu münden. Statt die dramatischen Untiefen seines Plots weiter auszuforschen, erkundet Everytime lieber den sozialen – und medialen – Traueralltag seiner Protagonist*innen.

Trauer und Technik

Wie nimmt man Abschied in einer digitalen Umwelt, die nicht vergisst? Für diese Frage findet Wollner eine Fülle schmerzvoll schöner und präziser Bilder. Wir sehen Lux, der durch das Archiv seines Smartphones scrollt, bis zu jenem letzten Foto von Jessie auf dem Plattenbaudach, aufgenommen wenige Minuten vor ihrem Tod: ein Mädchen, 16- oder 17-jährig, in dessen Augen Morgenlicht schimmert. Nach einem weiteren Schnappschuss – der wohl zugleich auch ein Gegenschuss ist: zu sehen ist ein Sonnenaufgang über der Skyline Berlins – reißt die Sequenz schließlich ab. In einer anderen Szene sendet Melli ihrer toten Schwester per WhatsApp einen Geburtstagsgruß ins Jenseits. Als kurz darauf drei Punkte unter ihrer Nachricht tanzen, ist klar, dass Everytime im Begriff ist, die analoge Welt – und den engen Rahmen des Familiendramas – zu verlassen.

Um die gespenstische, mal mehr, mal weniger willkommene Erinnerungsfähigkeit von Maschinen ging es auch in Wollners letztem Projekt, dem Sci-Fi-Drama The Trouble with Being Born (2022). Der Film handelt von einem Kinder-Androiden, der die traumatischen Vergangenheiten Verstorbener reenactet. Auch in Everytime ebnet Jessies digitaler Avatar die Grenze zwischen Tod und Leben bald immer weiter ein. Mit einem Schauplatzwechsel in der zweiten Hälfte – von Berlin nach Teneriffa – verabschiedet sich der Film von seinen bisherigen formalen Prämissen. Die Handlung schlägt immer fantastischere Haken; Sound und Visualität verselbstständigen sich.

Fulminante Geisterbeschwörung

Kameramann Gregory Oke entfesselt einen beeindruckenden Bilderzauber aus Totalen und Halbtotalen, sekundiert von einem fiebrigen Elektroscore: Vulkanlandschaften, verwaiste Swimmingpool-Areale, eine pixelförmige(!) Abendsonne, die nicht untergeht… Wie man ein Ferienresort überzeugend als melancholischen Erinnerungs(nicht)ort in Szene setzt, hatte Oke bereits in Charlotte Wells Aftersun (2022) gezeigt. Bei Wollner geht er noch ein paar Schritte weiter. Hotel, Insel, Abendhimmel und Atlantik werden zu Momenten einer fulminanten filmischen Geisterbeschwörung, bei der die Ordnung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft bald völlig kollabiert.

Nach einem positiven Sinn, der Halt oder Hoffnung stiftet, sucht man in diesen letzten Szenen von Everytime vergebens. Ob wer loslässt, auch etwas gewinnt – Ruhe, Kraft, ein neues Leben? –, diese Frage blitzt im Film kurz auf, wird aber schnell wieder verworfen. Mit Gespenstern, weiß Wollner, lässt sich nicht verhandeln, nur leben lernen. Dieses Lernen erfordert Zeit. Everytime ist eine Einladung, sich diese Zeit zu nehmen. „Und was machen wir jetzt?“, fragt Lux gegen Ende. „Urlaub“, antwortet Ella.

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