Primetime – Kritik
To Catch a Predator hieß ein in den Nuller Jahren sehr erfolgreiches Format des US-Fernsehsenders NBC, dem es um die inszenierte Zurschaustellung potentieller Sexualstraftäter ging. Lance Oppenheims Primetime schildert diese Show und ihre Umstände als Fiebertraum einer korrupten, implodierenden Welt.

Das Konzept des von 2004 bis 2007 produzierten Fernsehformats To Catch a Predator war simpel. Mitarbeiter der Sendung gaben in Internetchats vor, 13-Jährige zu sein, und verabredeten sich in deren angeblich sturmfreien Elternhäusern mit Männern zum Sex. Dort aber werden sie von einem Moderator und seinem Kamerateam bloßgestellt und anschließend von der Polizei verhaftet. Die Kritik an der Sendung war laut: Das Team verleite die Männer erst zur Tat und auf diese Art nach Einschaltquoten zu jagen, sei unmoralisch; ein öffentliche Pranger und auch eine Form von Lynchjustiz. Die Einschaltquote und damit auch mutmaßlich der Zuspruch waren allerdings hoch.
Regisseur Lance Oppenheims erster Spielfilm Primetime dramatisiert wahre Begebenheiten um die Produktion von To Catch a Predator. Als die NBC 2007 erkennt, dass sie mit dem Format einen Hit gelandet hat, verlegt sie die Ausstrahlung in die titelgebende „Primetime“, also die beste Sendezeit. To Catch a Predator soll damit den größten Gegner seiner Zeit in die Knie zwingen: die Serie Lost. Dazu braucht sie noch sensationellere Gegenüberstellungen, noch grellere „Fische“, die gefangen werden müssen. Doch damit verschärfen sich auch die inneren Widersprüche der Sendung. Schließlich kommt es zu schweren Konsequenzen, die letztlich zur Absetzung der Serie führen.
Zwangsstörungen und Selbstbetrug

Primetime nähert sich dem kontroversen Format betont unsachlich. Umgehend platzt alles aus allen Nähten. Der schummrig ins Bild gesetzte Moderator Chris Hansen (Robert Pattinson) deklamiert gegenüber einem obskur bleibenden Adressaten, dass das erste Mal bei einer Jungfrau schmerzhaft sei, deshalb werde er ausreichend Gleitgel verwenden. Wiederholt setzt er neu an. Seine Worte sind abgehackt und schmierig überbetont.. Seine Stimme steht kurz davor, sich zu überschlagen.
Bald offenbart sich, dass es sich bei dem Text um Chatverläufe handelt, die Hansen zur Vorbereitung der Sendung laut vorliest, um den Urheber vor laufender Kamera zu konfrontieren. Ebenso verankert in dieser Szene ist die Creepyness eines Moderators, der gleich – je nach Sichtweise: entweder göttlich oder teuflisch – mit dem Täter abrechnen wird.
Im Folgenden unterstreicht der Film immer wieder, wie dubios und moralisch bankrott dieses Ritual ist. In einer Tour wird betont, dass sich die Macher der Sendung in die eigene Tasche lügen und ihre Motive nicht edel sind, sondern dem persönlichen Erfolg dienen. In Wahrheit sind sie selbst heimliche Perverslinge, die gegen ihre inneren Dämonen kämpfen und alles für die Quote tun. Die Fans der Sendung ergehen sich in expressiven Gewaltfantasien gegenüber den in der Sendung Vorgeführten. Chris Hansens Ehe, Karriere und Selbstbild scheinen immer nur einen Impuls davon entfernt, in einer Explosion auseinanderzufliegen. Pattinson spielt ihn erschreckend unangenehm als Hort aus Zwangsstörungen und Selbstbetrug.
Ein Frauenfuß als Ölzweig der Vergebung

Die Frage ist jedoch, was der Film mit seinen zwei Stunden bezweckt, wenn von Anfang an alles klar ist, nichts erst entlarvt werden muss und die Geschichte nur langsam auf ihren logischen Endpunkt zukriecht. Die Antwort liegt im Look des Films. Die übersteuerten Farben wirken in ihrer krisseligen Überhitzung und der VHS- und Röhrenfernseherästhetik wie eine Antithese zur modernen digitalen Kälte. Primetime ist der Fiebertraum einer korrupten, implodierenden Welt.
Nach einem Streit wird Hansens Ehefrau (Anna Faris) ihrem vor dem Ehebett flehenden Mann einen Fuß als Ölzweig der Versöhnung hinhalten, und er wird ihn sehnlichst ergreifen. Menschliche Beziehungen und ihre Darstellung haben in Oppenheims Vision etwas regelrecht Außerirdisches.
Tour de Force mit krampfhaft verschlossenen Augen

Der Fokus von Primetime liegt nicht auf einer umgreifenden gesellschaftlichen Analyse, sondern auf der Offensichtlichkeit von allem: Angestrengt und anhaltend kämpfen die Protagonisten darum, alles zu verklären und sich schön zu reden, nur um nicht dem Wahnsinn in die Augen sehen zu müssen, der sie offensichtlich umgibt, den sie erst hervorrufen und der auch in ihnen selbst steckt.
Was Primetime präsentiert, ist wahrlich nicht diffizil, subtil oder reichhaltig. Manchmal wird er auch beinah zur Karikatur eines sich selbst viel zu ernst nehmenden Films, der nur selten seinen wilden Impulsen nachgibt. Ein Erlebnis ist er aber als optische und seelische Tour de Force mit krampfhaft verschlossenen Augen.
Das stärkste Argument für den Film versteckt Oppenheim nonchalant. Sein großer Coup ist nämlich, dass der damalige Chef von NBC sich selbst spielt. Jeff Zucker spielt Jeff Zucker, der abgehoben in seinem unwirklichen Büro über dem Sendeplan der Fernsehsender brütet, aus dem Bauch heraus entscheidet und von Hansen und seinem Team immer noch extremere Schauwerte verlangt, damit Lost endlich besiegt wird. Und Zucker scheint keine Probleme dabei zu sehen, wie er dabei rüberkommt. Hauptsache er steht im Rampenlicht, Hauptsache es gibt Zuschauer. Auch seine Augen sind vor der Selbsterkenntnis knallhart geschlossen.
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