Sunny Dancer – Kritik

Mit Popmusik und Lagerfeuerromantik erzählt Sunny Dancer von einem Ferienlager für jugendliche Krebskranke. Dabei zeigt der Film Lebensfreude wie auch existenzielle Ängste – und ist am stärksten in jenen Momenten, in denen es nichts Wichtigeres gibt als den gemeinsamen Sommer.

Sunny Dancer beginnt wie eine klassische Coming-of-Age-Komödie: quirlige Popmusik, schlagfertige Teenager, peinliche Eltern und eine widerwillige Protagonistin, die zu einem Sommercamp muss, auf das sie überhaupt keine Lust hat. Doch der unbeschwerte Eindruck täuscht. Denn das Camp ist kein gewöhnliches Ferienlager, sondern richtet sich an Jugendliche, die eine Krebserkrankung überstanden haben und noch mit den Folgen der Behandlung leben.

Ivy (Bella Ramsey) begegnet diesem Ort zunächst mit derselben Abwehrhaltung, mit der sie offenbar auch ihrem restlichen Leben begegnet. Seit dem Ende ihrer Behandlung hat sie sich von Freunden und Familie zurückgezogen, reagiert auf jede Form von Mitgefühl mit Sarkasmus und möchte vor allem nicht länger auf ihre Krankheit reduziert werden. Dass sie ausgerechnet im „Chemo Camp“, wie sie es abfällig nennt, wieder Anschluss finden soll, erscheint ihr absurd. Dieses Camp soll den Jugendlichen zwar ein Stück Normalität abseits des Stigmas ihrer schweren Krankheit zurückgeben, konfrontiert sie aber in therapeutischen Angeboten und der Gabe von Medikamenten auch unweigerlich mit ihrer besonderen Lebensrealität.

Die Angst, nie erwachsen werden zu dürfen

Regisseur George Jaques entscheidet sich erfreulicherweise gegen den naheliegenden Weg, aus seiner Geschichte ein sentimentales Krebsdrama zu machen. Stattdessen interessiert ihn vor allem, wie junge Menschen versuchen, nach einer lebensbedrohlichen Erfahrung wieder in einen normalen Alltag zurückzufinden. Sunny Dancer handelt weniger von Krankheit als von Freundschaft, erster Liebe, Unsicherheit und der Sehnsucht nach Normalität. Der Film zeigt sowohl Lebensfreude als auch (konsequenterweise) die Beschäftigung mit dem Tod. Das ist an sich noch nichts Besonderes, aber einfühlsam inszeniert: Am deutlichsten zeigt sich dies in den Gesprächen der Jugendlichen untereinander. Ganz selbstverständlich sprechen sie über Chemotherapie, Medikamente und körperliche Veränderungen, ohne dass diese Themen den Ton des Films bestimmen würden. Häufig werden schwarzhumorige Witze gemacht, wobei in der Freundesgruppe auch diskutiert wird, wie weit man es mit dem flapsigen Umgang mit existenziellen Ängsten treiben sollte. Ivys Zimmerkollegin Ella gibt als größtes Ziel des Sommers an, ihre Jungfräulichkeit zu verlieren. Nicht trotz ihrer Diagnose, sondern gerade wegen ihr: Die Angst, womöglich nie erwachsen werden zu dürfen, verleiht diesem vermeintlich alltäglichen Wunsch über die jugendliche Neugier hinaus eine ganz andere Dringlichkeit.

Auch Ivy beginnt sich langsam zu öffnen. Bella Ramsey spielt dabei mit einer Mischung aus Trotz, Unsicherheit und trockenem Humor. Sie lässt Ivys Sarkasmus immer wieder in kurze Momente der Unsicherheit kippen, zeigt sie verletzlich und lässt ihre abweisende Fassade bröckeln. Die Szenen ihrer Therapiesitzungen zeigen nach und nach eine emotionale Ehrlichkeit der Figur, die der Film zuvor bewusst lange verdeckt gehalten hat. Als Ivy sich schließlich nicht mehr nur wütend und frustriert, sondern auch hoffnungsvoll und ängstlich zu ihrem Leben und ihrer Zukunft äußert, wird ersichtlich, dass der Aufenthalt in dem Camp ihr einen neuen Zugang zu ihrer Lebenssituation ermöglicht hat.

Aus Panik wird gegenseitige Nähe

Visuell bleibt Sunny Dancer eher konventionell. Immer wieder setzt der Film auf Montagefolgen mit Popmusik, Wunderkerzen, Lagerfeuerromantik und sommerlichen Ausflügen. Trotzdem gelingen George Jaques einige berührende Szenen: Etwa wenn Jake nachts von einer Panikattacke überwältigt wird und Ivy ihn schweigend in den Arm nimmt. Statt die Situation weiter zu dramatisieren, lässt der Film die beiden in diesem stillen Moment für sich allein. Zugleich kehrt die Szene eine vertraute Geschlechterkonstellation um: Nicht Jake beschützt Ivy, sondern sie eilt ihm zu Hilfe, beruhigt ihn und gibt ihm Halt. Aus Jakes Panik wird so vor allem ein Moment gegenseitiger Nähe.

Erst gegen Ende verlässt Sunny Dancer seinen geradlinigen Erzählstil. Ein Perspektivwechsel lässt Ivys gemeinsame Zeit mit Jake in einem neuen Licht erscheinen und verleiht der zuvor unbeschwerten Sommeratmosphäre ein deutlich melancholischeres Gewicht – eine Wendung, die zunächst etwas konstruiert wirkt, sich rückblickend thematisch jedoch erstaunlich stimmig in den Film einfügt. Am stärksten ist Sunny Dancer immer dann, wenn der Film seine Figuren nicht als Patient*innen, sondern schlicht als Jugendliche begreift. Sie verlieben sich, streiten, machen peinliche Witze, trinken heimlich Alkohol und tanzen zu den Scissor Sisters, als gäbe es einen Moment lang nichts Wichtigeres als diesen gemeinsamen Sommer. Ihre Geschichte gewinnt ihre Glaubwürdigkeit, weil der Film das Leben seiner Figuren in all seiner Widersprüchlichkeit ernst nimmt.

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