Michael – Kritik
Das verträumte Genie, das zum Superstar gedrillt und umoperiert wird: Es steckt viel drin in Antoine Fuquas Michael-Jackson-Biopic, das 1988 und damit gnädig früh endet. Leider begräbt Michael alle seine interessanten Ansätze unter einem Schrottberg aus Pop-Trivia.

Ob als Kind (Juliano Valdi) oder als Erwachsener (Jaafar Jackson): Michael Jackson singt und tanzt andauernd in Michael und begeistert damit Musikproduzenten, die Verantwortliche von Plattenfirmen und vor allem sein Publikum. Mal leuchten die Augen und das Grinsen ist breit, mal sehen wir verzerrte Gesichter als Hinweis auf überwältigende emotionale Erfahrungen. Sobald das Album Thriller veröffentlicht ist, also das bis heute meistverkaufte Album aller Zeiten, legt der Film noch eine Schippe drauf. Im Folgenden badet Michael bei den Auftritten des größten Entertainers seiner Zeit förmlich in der Menge. Bilder beglückter Massen folgen auf Bilder beglückter Massen.
Der Film von Regisseur Antoine Fuqua verfolgt die Karriere Jacksons vom Kinderstar bis auf den Thron des King of Pop. Er endet mit einem Konzert nach der Veröffentlichung seines zweiten Megasellers Bad. Die ergriffenen Gesichter gehören Menschen, die die Entstehung des Phänomens Michael Jackson erleben. Sie wissen noch nichts von den Kindesmissbrauchsanschuldigen, die den Star seit 1993 und bis weit über seinen Tod hinaus verfolgen. Michael möchte das Phänomen des Titels noch in einem unschuldigen Stadium zeigen, es noch einmal mit „unbefleckten“ Augen ansehen, ohne dass abgründige Spekulationen im Raum stehen. Ein Phänomen, das die Popkultur für immer veränderte – mit ikonischen Tanzmoves, ikonischer Mode, ikonischen Liedern, ikonischen Musikvideos.
Kraft- und ideenlos

Fuqua ist wohl der richtige Mann für so etwas, weil er das alles auch ikonisch aussehen lässt. Den Leder-Metal-Gürtel zu Bad-Zeiten, die weißen Stülpsocken unter der schwarzen Hose und auf den schwarzen Schuhen, den jungen Michael, der James Brown imitiert, die Münzen, die den noch unbekannten Jackson 5 zugeworfen werden, die aus dem Nichts auftauchenden Tanzfiguren, die Jackson berühmt machen: Immer wieder schafft er Bilder und Szenen, die die berauschten Gesichter nur allzu nachvollziehbar machen, die Michael Jackson als Naturereignis, als religiöse Erscheinung erlebbar machen.
Nur leider bleibt das auf einzelne Momente und Szenen begrenzt. Im Ganzen verliert sich Michael in den Trivia der Karriere eines Popidols. Ausgedehnt erleben wir die Namensfindung von Thriller. Eine kraft- und ideenlose Dialogszene erzählt, wie Jackson zum ersten afroamerikanischen Künstler auf MTV wird, das in seiner Anfangszeit nur weiße Künstler zeigt – lediglich Mike Myers, der bei dieser Gelegenheit in eine seiner abstrusen Verkleidungen schlüpft, bringt etwas Leben in die Bude. Der Schimpansenjunge Bubbles, das wohl berühmteste Haustier der Welt, bekommt einen Auftritt in Michaels Leben, doch bleibt er eine lustlos angebrachte Randnotiz zwischen anderen. Ist der Film erst in Fahrt gekommen, gleicht er einem formlosen Schutthaufen aus ohnehin bekannten Dingen.
Haustiere als einzige Gemeinschaft

Dabei ist die rote Linie, die irgendwo in diesem Kram steckt, äußerst vielversprechend. Von der Emanzipation eines Sohns von seinem Vater erzählt Michael, vom Kampf eines verlorenen Jungen, der gerne Peter Pan wäre, gegen einen Kapitän Hook, der den verlorenen Jungen in seinen Klauen behalten möchte – um es mit einer Symbolik zu erklären, die der Film selbst überdeutlich nutzt. Auf der einen Seite steht Joseph Jackson, ein verbitterter Arbeiter aus einem Armenviertel, der seinen Kindern keinen Schlaf gönnt, der sie zur Soulband drillt, der Widerspruch mit Gürtelschlägen beantwortet, der durch sie nach Reichtum und Ruhm strebt. Der in Michael nur einen Befehlsempfänger sieht, selbst als dessen Karriere die der Familienband längst in den Schatten gestellt hat. Ein gefühlloser Tyrann, dessen einzige Vision im Leben darin besteht, möglichst viel Geld zu scheffeln. Von Colman Domingo wird er mit einer fulminanten Mischung aus bedrohlicher, aber immer hilfloserer Herrschsucht und dumpfer Ignoranz gespielt.
Auf der anderen Seite das Wunderkind, das wie ein Schwamm alles um sich herum aufsaugt. Das nachts, wenn seine Brüder erschöpft in ihren Betten oder im Bus schlafen, noch Märchen und Tierbücher liest. Das James-Brown-Tanzbewegungen aus dem Fernseher absorbiert. Dessen Soul in der Stimme alle dahinschmelzen lässt. Aber eben auch der junge Mann, dem die Inspiration nur so zufliegt, der seinem Vater jedoch nicht die Stirn zu bieten weiß. Der nur bei seinen exotischen Haustieren eine Gemeinschaft findet, der er sich zugehörig fühlt. Für Mitschüler, Mitmenschen und selbst seine Familie ist er nur ein Kuriosum, das entzückt respektive Geld einbringt. Ein junger Mann, der durch die ewige Kritik seines Vaters ein Hort aus Neurosen und Minderwertigkeitskomplexe geworden ist, der mit seiner Popmusik nicht einfach nur Barrieren einreißt, sondern eben auch zwanghaft allen gefallen und niemanden verprellen möchte. Nach der ersten Schönheitsoperation werden die ständigen Änderungen in Jaafar Jacksons Gesicht im Film nicht einmal mehr erwähnt. Michael macht das ewige Verbiegen seiner Hauptfigur zu einer Normalität.
Nett gemeinte Gerümpelecke

Irgendwo steckt in Michael ein komplexer, berührender und grimmiger Film über den amerikanischen Traum, über die zerstörerischen Kräfte einer Familie, die Michael fast buchstäblich verbrennt – bei einem von Joseph eingefädelten Werbedreh fängt sein Haar Feuer, er überlebt gerade so, entwickelt aber eine Schmerzmittelsucht. Ein Film, über einen Popzirkus, der seine Genies am liebsten mit ein bisschen Freakshow goutiert, über einen vor Talent überlaufenden Jungen, der alle überstrahlt – seine Brüder sind für den Film kaum mehr als Hintergrundrauschen – und der doch von seinem Willen, allen zu gefallen, aufgefressen wird. Der sich zwar von seinem Kapitän Hook emanzipiert, aber immer ein Verlorener sein wird.
Das vielleicht Bitterste ist, dass das alles unverkennbar in Michael steckt. Bloß dass der Film, wie seine Hauptfigur, letztlich allen Konflikten aus dem Weg geht. Wo allerdings Jackson die Abgründe seiner eigenen Lebensgeschichte in griffigen Songs verdichtete, da kommt der Film über ihn über Gefälliges und Beliebiges kaum hinaus. Michael Jackson erhält keine Statue in Form eines packenden Films, sondern lediglich eine nett gemeinte Gerümpelecke aus banalem Fanwissen.
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