The Bride! - Es lebe die Braut – Kritik

Regisseurin Maggie Gyllenhaal vernäht in ihrer Frankenstein-Neuinterpretation Stile und Genres zu einem Monster von einem Film. Kohärenz sucht man vergeblich, The Bride! lebt ganz von seiner Hingabe an den eigenen Irrsinn.

„I prefer not to.“ Sie will lieber nicht mitmachen, die Hauptfigur von The Bride!. Mal nicht bei diesem, mal nicht bei jenem. Genug los ist freilich dennoch stets im Leben, beziehungsweise Nachleben der titelgebenden Braut (Jessie Buckley), die im Chicago der 1930er-Jahre nach ihrem Tod reanimiert wird – von einer verschrobenen Wissenschaftlerin im Auftrag von Frankensteins Monster (Christian Bale) persönlich. Dieses Monster nennt sich nun Frank, wird von Selbstzweifeln geplagt und sehnt sich nach weiblicher Gesellschaft.

Seinen Ausgangspunkt entnimmt Maggie Gyllenhaals Film zumindest ungefähr James Whales Horrorklassiker The Bride of Frankenstein (in Aficionado-Kreisen oft als bester Frankenstein-Film aller Zeiten gefeiert), als dessen Remake dieses Projekt ursprünglich angekündigt worden war. Doch kaum reaktiviert, stellt die Braut schnell klar, dass sie gar nicht daran denkt, brav auf Klassikerspuren zu wandeln. Stattdessen, eben: „I prefer not to.“

Wobei dieser Ausspruch, wie auch der Bezug auf Whales Film, in gewisser Weise in die Irre führt. Gemeinhin wird der Herman Melvilles „Bartleby, the Scrivener“ entstammende Satz als Signum einer passiven, höflichen Verweigerungshaltung gebraucht. Buckleys Braut ist hingegen alles, nur nicht passiv oder höflich. Mit ihr hat Frank, der Mann mit den Nähten im Gesicht, sich und der Welt vielmehr den Irrsinn auf zwei Beinen aufgehalst. 

Ein Film mit wahrhaft monströsen Ambitionen

Vor allem quasselt die Braut in einem fort. Um Gespräche im engeren Sinne geht es ihr dabei nicht, Stream-of-Consciousness-mäßig fallen die Worte aus ihr heraus. Mal reflektiert sie über ihr Schicksal als Untote, mal zieht sie über den verkommenen Zustand einer sexistischen Welt her, mal fordert sie offensiv und obszön Hoheitsrechte weiblicher Sexualität ein – und zwischendurch unterhält sie sich gar mit Mary Shelley, der Autorin jenes Gothic-Horror-Romans, mit dem alles begann.

Tatsächlich taucht Shelley gleich im Prolog auf, als eine Art literarischer Geist, der, noch bevor Frank desselben habhaft wird, in den Körper der Braut fährt, die in ihrem vorigen Leben als Gangsterbraut und Prostituierte reüssierte. Gyllenhaal hält mit den wahrhaft monströsen Ambitionen, die sie mit ihrer zweiten Regiearbeit verfolgt, keine Sekunde lang hinterm Berg. Von der ersten bis zur letzten Szene ist The Bride! selbstbewusstes, freilich auch einigermaßen rätselhaftes Big-Budget-Maverick-Kino.

Eine Metapher, die nahe liegt, die aber für einmal tatsächlich passt: The Bride! ist selbst ein Frankenstein’sches Monster von einem Film. Der Film ist aus diversen Genres und Stilzitaten zusammengenäht – ausgerechnet der klassische Monsterfilm spielt in dieser Melange eine höchstens sehr untergeordnete Rolle, eher erinnert der von Leichen gesäumte Road Trip, den die Braut und Frank bald starten, an Lovers-on-the-Run-Filme à la Bonnie and Clyde oder Thelma & Louise. Allerdings wandeln die untoten Liebenden – Unnatural Born Killers – auf den Spuren alter Hollywood-Musicals (beziehungsweise eines von Jake Gyllenhaal verkörperten fiktiven Musical-Stars), während sie von einem Hard-Boiled-Detektivgespann verfolgt werden, das ebenfalls aus einer starken, wortgewandten Frau (Penélope Cruz) und einem weichen, selbstunsicheren Mann besteht.

Liest sich chaotisch? Ist tatsächlich noch viel chaotischer, nicht zuletzt, weil Gyllenhaal, die im Film durchweg ihrer inneren 17-Jährigen freien Lauf zu lassen scheint, dem historischen Setting fröhlich allerlei Anachronismen beimischt. Eine Underground-Party, welche die Braut und Frank besuchen, schaut beispielsweise aus wie ein Gothic-Rave aus den Neunzigern, mitsamt einem Sänger, der visuell deutlich an Keith Andrew Palmer von Prodigy erinnert. Make-up, Kleidung und Attitüde der Braut selbst lehnen sich wiederum unverkennbar am Batman-Widersacher Joker an – mehr an der Heath-Ledger- als an der Joaquin-Phoenix-Version. (Mit den Joker-Filmen von Todd Phillips teilt sich The Bride! freilich – ästhetisch nicht unwichtig – die mit einiger Raffinesse zu Werke gehende Soundtrack-Komponistin Hildur Ingveldardóttir Guðnadóttir.)

Verliebt in die eigenen offenen Wunden

Fein säuberlich vernäht ist das alles kein bisschen. Vielmehr werden die Nähte offensiv ausgestellt, manchmal gar fetischisiert und im Liebesspiel lustvoll abgeleckt – von der Braut natürlich, die den zunächst noch an Impotenz laborierenden Frank bald gehörig auf Touren bringt. „Like guns and ammunition“ – wie Gewehr und Munition passen die beiden kriminellen Liebenden zusammen, heißt es einmal in Gun Crazy, dem vielleicht besten aller Lovers-on-the-Run-Filmen. Die teils schwer lesbare, aber in jedem Fall höchst explosive Dynamik zwischen Frank und der Braut ist auch in The Bride! das zentrale Element, das Gyllenhaals Mythenauflauf das notwendige Mindestmaß an Kohärenz verschafft. Vielleicht haben wir es gar mit einer sonderbaren Form von „sexual healing“ zu tun? Die tragischere, interessantere Figur, vielleicht gar das heimliche Zentrum des Films wäre dann jedenfalls der von Bale mit geschickter Zurückhaltung verkörperte Frank, dessen beschädigtem Körper sich Braut und Film immer wieder mit ehrlicher, unzynischer Neugier nähern.

Was der Film, durch den sich auch teils äußerst plakative, vom Plot weitgehend losgelöste #MeToo-Rhetoriken ziehen, von einem oder auch von der Welt will, weiß man am Ende gleichwohl nicht einmal im Ansatz. Aber ist das ein Problem? Nicht unbedingt, insbesondere in einer Zeit, in der die meisten Filme aller Gewichtsklassen ziemlich genau zu kommunizieren verstehen, was sie, von ihrem Publikum und auch sonst, wollen. Man vergleiche The Bride! nur einmal mit Kristen Stewarts The Chronology of Water, einer anderen aufsehenerregenden Regiearbeit einer Starschauspielerin. Wo Stewart sich audiovisuell edgy gibt, dabei aber ziemlich kalkuliert auf der Klaviatur des geläufigen Indie-Traumakinos spielt, ist der mit so ziemlich jeder Erwartungshaltung inkommensurable The Bride! ein wilder, jugendlich ungestümer, wunderbarerweise jedoch von jeder Menge Hollywood-Production-Value unterfütterter Aufbruch ins Ungewisse.

Vielleicht auch: in eine Sackgasse, aber was soll’s. Wie es mit dem Kino weitergeht, dieser Traummaschine, an die Gyllenhaal mit The Bride! eine vielleicht krude, aber von Herzen kommende Liebeserklärung verfasst hat (tatsächlich besuchen die Braut und Frank mehrmals gemeinsam Filmvorführungen), steht ohnehin in den Sternen. Das produzierende Studio Warner geht nun doch nicht an Netflix, sondern an Paramount. Zu glauben, die Angriffe der Streaming-Gegenwart und der KI-Zukunft auf das Dinosaurier-Medium Kino wären damit abgewehrt, wäre sicherlich naiv. Maggie Gyllenhaal macht in dieser Situation genau das richtige: noch einmal mit voller Wucht auf den Putz hauen, bevor der Algorithmus übernimmt.

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