Kommunist – Kritik

Indianerspiele mit Egon Krenz. Lutz Pehnerts Dokumentarfilm Kommunist will keine historische Aufarbeitung liefern oder gar moralisches Diktatur-Bashing. Sondern einen Mann porträtieren, der zum inneren Zirkel der DDR-Staatsmacht gehörte und nun als Rentner an der Ostsee lebt. Doch dieser Essay hinterlässt das Gefühl, der Regisseur habe dem kalten Krieger Krenz einen Film geschenkt.

Egon Krenz, einst hoher SED-Funktionär, Vertrauter Erich Honeckers, letzter Staatsratsvorsitzender der DDR, hat zahlreiche Bücher und Schriften verfasst, darunter ganze drei Bände Autobiografie, um sein Leben und seine Sicht auf die untergegangene DDR und ihr Projekt eines Sozialismus auf deutschem Boden zu schildern. Der 89-Jährige ist als Zeitzeuge und Stimme der DDR-Erinnerungskultur durchaus ein gern gesehener Gast. Aber nicht unbedingt in den großen Talkshows, sondern dort, wo mehr Verständnis und auch Zustimmung herrscht für seine Haltung, die DDR sei nicht primär ein Unrechtsstaat gewesen, der seine Bürger:innen eingemauert, indoktriniert, bespitzelt und bestraft hat. Und wo mehr Raum für sein bis heute verteidigtes Selbstbild ist, ihn persönlich treffe keine Schuld an den Mauertoten, den gefälschten Wahlen, dem ganzen Diktaturapparat. Wobei Egon Krenz nicht von „Diktatur“ sprechen würde. Jetzt ist zu den Schriften noch ein Film hinzugekommen. Den hat Lutz Pehnert gemacht.

Heimat mit drei Buchstaben: DDR

Lutz Pehnert, geboren 1961, hat sich in seinem filmischen Werk immer wieder mit Alltagsgeschichte, kulturellem Leben und prägenden Persönlichkeiten Ostdeutschlands beschäftigt, unter anderem mit der Schauspielerin Jutta Hoffmann, dem Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase und der Liedermacherin Bettina Wegner. Pehnerts Bettina (2022) [frei verfügbar hier] ist ein fein erzähltes Porträt der Künstlerin, die als Sechsjährige Stalin verehrte und 1983 ihre Heimat verlassen musste, weil sie für die Staatsobersten zu ehrlich, zu kritisch, zu widerständig gewesen ist. Getreu eines ihrer Zehn Gebote: „Lauter sein, wenn andre schweigen“.

Wer Pehnerts mit subtilem Humor montierten Bettina gesehen hat, konnte auf Kommunist sehr gespannt sein. Zumal der Regisseur selbst Sohn eines ehemaligen Parteifunktionärs ist, des Stellvertretenden DDR-Kulturministers Horst Pehnert. Wodurch er vielleicht auch Einblick in die etwaigen kognitiven Dissonanzen und inneren Kämpfe hatte, die jemand tatsächlich oder theoretisch haben könnte, der an den Sozialismus glaubt und gleichzeitig sieht, was er anrichtet. Aber, Überraschung: Authentizität, Nähe oder Ehrlichkeit sind von Egon Krenz nicht zu haben.

Ich bin kein Totschläger“

Der Film beginnt mit Tonaufnahmen aus der Zentrale der SED in Berlin-Mitte, wo ein Ausschuss Anfang 1990 über die Zukunft der Sozialistischen Einheitspartei und die etwaige Mitschuld ihrer führenden Mitglieder am Scheitern des „Arbeiter-und-Bauern-Staates“ debattierte. „Eines ist klar, jeder hat Verantwortung getragen. Und jeder trägt auch eine Last“, sagt eine Männerstimme. „Auch Egon Krenz trägt eine Last.“ Cut: Pferdehufe sprengen durch den Sand, Indianergeheul. Weitspähender Falke (Gojko Mitić) zähmt einen wilden Schimmel, reitet dramatisch davon. Cut: Bilder von Politparaden, roten Fahnen, Großsportereignissen, jungen ostdeutschen Menschen. Cut: Egon Krenz betritt die Bühne des Films, eine Frauenstimme beginnt, die Eckdaten seiner Biografie zu rezitieren.

Es ist die Aufsteigergeschichte eines Jungen, der mit 14 das Kommunistische Manifest liest, mit 16 in die SED aufgenommen werden will. Der Schritt für Schritt politisch Karriere macht. Als er 1983 Mitglied des Politbüros des ZK der SED und ein Jahr später der zweite Mann hinter Erich Honecker wurde, war er mit seinen 47 Jahren der Jüngste im höchsten Zirkel der Macht, der ewige Teenager unter den „verdorbenen Greisen“, wie Wolf Biermann sie in einer Ballade nannte: hauptberufliche Funktionäre mit Dienstwagen, Häusern in Wandlitz und reichlich Privilegien. „Ich hatte nicht die Macht zu verhindern, dass es an dieser Grenze Verletzte und Tote gab“, sagt Egon Krenz in Kommunist. Wer dann?

Wir sind die Fans von Egon Krenz“

Bei der Uraufführung von Kommunist am 8. Mai 2026, dem Jahrestag der Befreiung Deutschlands vom NS-Regime, saßen beim Filmfest Schwerin auch viele Krenz-Fans im Premierenpublikum. Denen gefiel es nicht, dass sich Burkhard Bley, Mecklenburg-Vorpommerns Landesbeauftragter für die Aufarbeitung der SED-Diktatur, zu Wort meldete. Bley warf dem Film eine Verhöhnung der Opfer des DDR-Staates vor, dazu die manipulative Verwendung von Propagandabildern, die Unterschlagung historischer Fakten, das Weichspülen der Vergangenheit. Lutz Pehnert wehrte sich: Er habe kein journalistisches Aufarbeitungsstück produziert, sondern einen filmischen Essay. Fair enough. Doch dieser Essay hinterlässt das Gefühl, der Regisseur habe dem Kommunisten einen Film geschenkt. Ohne wirklich tiefer gehende Gespräche oder Konfrontation, ohne einen echten Spiegel für das Selbstbild von Krenz, der sich als tragisch Gescheiterter der Geschichte sieht.

Man wünscht dem Film Reibung, Spannung, eine Gegenstimme, vielleicht einen Soundtrack von Biermann: „Hey Krenz, du fröhlicher kalter Krieger / Ich glaub dir nichts, kein einziges Wort / Du hast ja die Panzer in Peking bejubelt / Ich sah dein Gebiss beim Massenmord“. Als das chinesische Militär im Juni 1989 ein Massaker am Platz des Himmlischen Friedens veranstaltete, um die Freiheitsbewegung des eigenen Volkes niederzuschlagen – so wie die Aufstände der 1950er Jahre in der DDR, Polen und Ungarn und 1968 in der Tschechoslowakei von den Ostblock-Regierungen mit Panzern niedergewalzt worden waren – da solidarisierte sich die Staatsspitze der DDR mit der kommunistischen Gewalt. Egon Krenz reiste zum Händeschütteln nach Peking.

In Kommunist klingt es so, als sei die Unterstützung des Blutbads mehr eine Kolportage der Presse gewesen als eine aktive Geste von Krenz. Das erklärt zumindest der Pankower Pfarrer Werner Krätschell, der Krenz wiederum den gewaltlosen Verlauf der friedlichen DDR-Revolution anrechnet. Krätschell, selbst ein damals von der Stasi Bespitzelter, sieht Krenz als Mensch, nicht als Funktionär, spricht von Buße und Barmherzigkeit. „Ich kenne manche Leute, die nach einem Gespräch mit dem Täter zu Vergebung bereit waren. Im Unterschied zu manchen Leuten, die gar nicht Opfer gewesen sind.“ Dass Krenz sich selbst als Opfer sieht und niemanden um Vergebung bittet: tja.

DDR im Herzen

Lutz Pehnert montiert hinter diese christliche Gnade-Mahnung wieder ein Stück DEFA-Indianerfilm. Eine Übermacht fremder Krieger legt mit Pfeil und Bogen auf Winnetou an. Der stoische Held verzieht keine Miene, als die tödlichen Pfeile nur Zentimeter neben seinem Gesicht in den Baum sausen. Vielleicht stößt dieser doch recht blutleere, in Ideologie und Floskeln gefangene Rentner namens Egon Krenz bei so vielen Menschen nostalgische Reflexe an, weil seine Gestalt immer noch so vertraut ist wie die Filme mit dem „Winnetou des Ostens“, wie die Erinnerungen an ein verlorenes Land, an ein Früher, über das es nach dem Mauerfall plötzlich hieß, es habe kein richtiges Leben im falschen gegeben. Es geht um die Deutungshoheit über die eigene Geschichte.

Und die über die Gegenwart. „Ohne Russland gibt’s keinen Frieden“, erklärt der „dritte kommunistische Diktator auf deutschem Boden“ (Ilko-Sascha Kowalczuk) in Kommunist. Wer wird denn da, mit Blick auf die Kämpfe in der Ukraine seit 2022, von „Angriffskrieg“ reden? Niemand. Lieber noch ein harmloses Selfie mit Egon Krenz. Oder ein Bild vom Ostseestrand. Oder die schmunzelnde Erinnerung, dass es in der DDR keine Pelikanofüller und Tintenkiller zu kaufen gab. Der Film menschelt bis über die Schmerzgrenze; alte und neue Bekannte trinken Kaffee mit Krenz, bescheinigen ihm, ein netter Geselle, Nachbar, Genosse zu sein, verschenken rote Tulpen oder schicken Pakete mit Dresdner Stollen. Ein Mann zum Anfassen. Ein Gespenst.

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