Obsession - Du sollst mich lieben – Kritik

Ein magisches Stöckchen wird in Obsession – Du sollst mich lieben zur Erfüllung einer Incel-Fantasie missbraucht. In seinem gehypten Horrorfilm gelingen dem YouTuber Curry Barker verstörende Momente, doch von den Möglichkeiten eines Langfilms scheint er ein wenig überfordert zu sein. 

Wer im Märchen einen Wunsch frei hat, geht oft gedankenlos seinen niederen Instinkten nach. Ob in Runges „Vom Fischer und seiner Frau“ oder in Hebels „Drei Wünsche“, am Ende werden die Figuren für die Anmaßung bestraft, mehr zu wollen als sie haben oder sich aus eigenen Stücken verdienen können. Der geschenkte Wunsch lässt die Sehnsucht zu einer monströsen Gier mutieren, die das Leben nicht besser macht, sondern sogar so schlimm, dass man sich den ursprünglichen Zustand zurückerhofft.

Auch Curry Barkers seit seiner Premiere beim Toronto Filmfestival letztes Jahr mächtig gehypter Horrorfilm Obsession – Du sollst mich lieben ist im Kern ein derartiges Märchen mit moralischer Grundierung, wenn auch ungleich finsterer. Der verschlossen unsichere Bear (Michael Johnston) ist hoffnungslos in seine Jugendfreundin Nikki (Inde Navarrette) verliebt. Mit ihrer coolen Oversize-Jeansjacke und lässig selbstbewussten Art ist sie für ihn zwar ein guter Kumpel, als potenzielles Girlfriend aber eine Nummer zu groß. Bevor Bear sich ihr endlich seine Gefühle offenbart, quält er sich lange herum, probt mit seinen Freunden die Gegenüberstellung mit dem Love Interest – und ist im entscheidenden Moment dann doch viel zu gehemmt, um sein Geständnis durchzuziehen.

Die in einem Esoterik-Shop aus einer Laune gekaufte „One Wish Willow“ – während man das unscheinbare Stöckchen zerbricht, spricht man seinen Wunsch aus – führt schließlich dazu, dass Bears in sich gekehrte Besessenheit eine weitere hervorbringt, die deutlich extrovertierter, gefährlicher und zerstörerischer ausfällt. Sein Wunsch, dass Nikki ihn plötzlich über alles in der Welt lieben soll, entpuppt sich als Fluch, der sich nicht mehr aufheben lässt.

Die Verzweiflung hinter dem verliebten Grinsen

Der YouTuber Barker, der 2024 mit dem Found-Footage-Genrefilm Milk & Serial als Regisseur debütierte, vermeidet es zunächst, ein allzu offensichtliches Horrorschema zu bedienen. Tatsächlich wirkt Obsession am Anfang eher wie ein fast ausschließlich in schummrigen Innenräumen spielendes Indie-Drama über junge verkorkste Vorstädter, in dem sich das Unheimliche vor allem aus peinlich angespannten zwischenmenschlichen Begegnungen speist.

Barkers Ass im Ärmel ist Nikkis zunächst schwer fassbare Sonderbarkeit. Schon unmittelbar, nachdem Bear seinen verhängnisvollen Wunsch ausgesprochen hat, haben ihre Annäherungsversuche etwas zugleich Verwirrtes und Zwanghaftes. Nikkis Körper und Geist torkeln zwischen ihrem alten Ich und ihrer neuen Rolle als romantische Wuscherfüllungsmaschine hin und her. Zunehmend zeichnet sich ab – erst subtil, dann immer vehementer –, dass wir es hier mit einigem, nur keiner echten Liebe zu tun haben. Auch wenn sich Obsession mehr für Bears immer wieder analog zur drone-artigen Musik anschwellendes Unbehagen interessiert und dafür, dass sich sein ohnehin nicht sehr heimeliges Zuhause durch seine neue, immer kontrollsüchtigere Mitbewohnerin zunehmend in einen Ort der nackten Angst verwandelt, ist das Gruseligste am Film doch Nikkis nicht nur sinnbildliche Besessenheit.

Es beginnt mit Stimmungsschwankungen, offenkundigen Lügen und einer extremen Fixierung auf Bear. Am gemeinsamen Arbeitsplatz in einem Musikladen spürt Bear ihre bohrenden, leeren Blicke auch dann noch, wenn Niki selbst längst in der Unschärfe verschwunden ist. Immer stärker wird jedoch die Dissonanz zwischen dem, was Nikki tut, und dem, was sie eigentlich will. Der Zwang und die Verzweiflung, die hinter dem dümmlich ergebenen Grinsen lauern, entladen sich immer wieder abrupt in infernalischen Schreien und Panikattacken. Immer erratischer und grotesker beginnt sie sich zu verhalten, verletzt sich selbst oder lauert mitten in der Nacht wie ein Dämon in der dunklen Schlafzimmerecke.

Es könnte deutlich mehr los sein

Ganz kohärent bleibt die Figur dabei nicht, manche fast schon seifenopernartige Exzesse wirken zu dick aufgetragen, einige wohl als komische Brechung angelegte Grimassen sind so karikaturhaft, dass man als Zuschauer einen ironischen Sicherheitsabstand zum Geschehen einnimmt. Auch sonst trüben die inszenatorische Fahrigkeit und das mangelnde Vertrauen in die eigenen Ideen immer wieder das Vergnügen an Obsession. Dass der Erzählton zwischen Grauen, Drama und Komik wechselt, ist an sich nicht ungewöhnlich, aber hier kommen die Wechsel zu häufig und wirken etwas unvermittelt und ungelenk. Überhaupt scheint Barker mitunter etwas überfordert mit den vielen Möglichkeiten zu sein, die ein Langfilm bietet.

Die Ausgangsidee eines Herzenswunsches, der sich in sein Gegenteil verkehrt, ist an sich vielversprechend, aber auch nicht gehaltvoll genug, um den Film über fast zwei Stunden zu tragen. Zumindest nicht, wenn sich die Erzählung immer wieder in Redundanzen verliert, statt zum Beispiel seine Hauptfigur psychologisch mehr zu durchleuchten, sich Bears Freundeskreis ausgiebiger zu widmen oder den offensichtlichen Missbrauch, der sich vor unseren Augen abspielt, genauer zu erforschen.

Barker macht immer wieder das Richtige, oft aber einfach zu wenig. Nicht nur in der Handlung, auch in den klaustrophobisch verengten, oft zentrierten und meist nur einzelne Figuren fokussierenden 4:3-Bildern könnte deutlich mehr los sein. Am Ende zieht Obsession die Spannungsschraube an (inklusive eines Jump Scares, der seinem Namen alle Ehre macht), bevor er mit der Einsicht schließt, dass der Unterschied zwischen Liebe und Besessenheit darin besteht, dass Letzteres das Scheitern von Ersterem ist: ein Gefühl, das vernichtend ist und einseitig bleibt. Barker hinterlässt als Regisseur einen zwiespältigen Eindruck, aber einige verstörende Momente suchen einen nach dem Film dennoch heim.

Hier geht's zu unserem Text über das neue Netzkino als letzte Hoffnung Hollywoods.

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