Ghost in the Cell – Kritik
Fantasy Filmfest: In Joko Anwars Horrorfilm Ghost in the Cell sucht ein Geist ein indonesisches Gefängnis heim, in dem der Schlagstock regiert. Neben kluger Institutionskritik kommt dabei auch der Slapstick nicht zu kurz.

Auch wenn der Titel auf Mamoru Oshiis Anime Ghost in the Shell (1995) anspielt, hat Joko Anwars neuem Film mit diesem wenig gemeinsam. Der Geist im Film des indonesischen Regisseurs repräsentiert weder die Seele noch das Unbewusste des Menschen; er ist vielmehr ein blutrünstiger Rachegeist aus Borneo, der es auf die Insassen eines Gefängnisses abgesehen hat.
Es beginnt als politischer Thriller. Ein Journalist schreibt über die Ausbeutung der Natur in Indonesien. Sein Chef verlangt Fakten, er möchte sich nicht bei den Boulevardmedien anbiedern. Doch dann taucht der Geist zum ersten Mal auf und nach dem brutalen Mord an dem Chef des Journalisten begreifen wir, dass wir es doch mit einem blutigen Horrorfilm zu tun haben. Auf Sozialkritik verzichtet der Film deshalb nicht.
Keine Self-Help-Propaganda

Das Genre des Gefängnisfilms besitzt eine historische Affinität zur Institutionenkritik: In The Great Escape, Cool Hand Luke oder Midnight Express wird die Haftanstalt zur Metapher für autoritäre Regime oder steht generell für das Versagen politischer Institutionen. Auch in Ghost in the Cell wird das Gefängnis zum Mikrokosmos, den Anwar mit dem entsprechenden Figurenpersonal anfüllt: Neben der Heldengruppe aus loveable misfits gibt es verschiedene Gangs, einen Drogenbaron und Aufseher, deren bevorzugte Erziehungsmethode der Schlagstock ist. Dass wir uns immer auch in einer Polit-Satire befinden, zeigt der eigene Zellblock für Celebrities und korrupte Politiker*innen, die natürlich mit Samthandschuhen angefasst werden; dass sie das Gefängnis überhaupt mit gewöhnlichen Verbrechern teilen müssen, scheint die meisten von ihnen zu ärgern.
In diesen Mikrokosmos dringt nun der Geist ein, mitgebracht vom Journalisten aus der Anfangsszene. Letzterer ist nämlich, obwohl unschuldig, für den Mord an seinem Chef verurteilt worden. Die vermeintlich zufälligen Morde, die im Folgenden geschehen, fügen sich in ein sehr spezifisches Muster. Der Geist tötet nur jene Personen, die eine besonders dunkle Aura haben, sich also in einem schlechten Gemütszustand befinden. Dass aus dieser Prämisse keine Self-Help-Propaganda à la Think Positive und It's-just-your-mindset gesponnen wird, ist dem Film hoch anzurechnen. Anstatt auf eine derartige individualistische Ideologie setzt er auf Albernheiten und Solidarität.
Mittel gegen die Hoffnungslosigkeit

Der Slapstick kennt keine Grenzen: Brutale Kämpfe werden unterbrochen, um klamaukige Tanzeinlagen einzustreuen oder um sich niederzuknien und zu beten. Gleichzeitig fließt das Blut in Strömen. Der Geist verstümmelt die Körper nicht nur, er drapiert sie so kunstvoll wie makaber – man hat sich hier eindeutig von der Hannibal-Serie inspirieren lassen –, dass die Leichen an Statuen der griechischen Antike erinnern.
Religion spielt eine bedeutende Rolle. Einerseits kritisiert der Film ihre politische Instrumentalisierung – Gefangene muslimischen Glaubens werden gegenüber Andersgläubigen bevorzugt –, andererseits ist er darauf bedacht in keinen dogmatischen Atheismus zu verfallen. Religion, oder vielmehr der Glaube selbst, unabhängig von der spezifischen Orthodoxie, ist ein Mittel gegen die Hoffnungslosigkeit. In einer langen Einstellung, nachdem sich die Gefangenen aus Angst vor dem Geist in ihren Zellen eingeschlossen haben, fährt die Kamera an ihnen vorbei und zeigt uns, wie alle ihren jeweiligen Traditionen folgend beten. Die anfängliche Belustigung über diese Szene, die auch leicht in eine pseudo-edgy Religionskritik hätte abdriften können, weicht schnell einem Gefühl von Hoffnung und Solidarität: Der Glaube ist für die Gefangenen ein realer Anker, gemeinschaftsstiftend statt individualisierend.
Der Film versucht den komplizierten Spagat zwischen politischer Satire und Horrorkomödie und will zugleich die Möglichkeit echter Solidarität und eines wahrhaftigen Aufbegehrens zeigen. An vielen Stellen funktioniert die Satire, die sich beiläufig, aber unmissverständlich über Korruption lustig macht. Der Slapstick allerdings, so komisch er streckenweise ist, nimmt den anfangs unheimlichen Szenen und den blutigen Morden ihren Schrecken. Es fragt sich, ob der Film überhaupt gruseln will. Vermutlich nicht: Ghost in the Cell ist einer der seltenen Filme, die keine Angst davor haben, tatsächlich albern zu sein.
Der Film läuft im September deutschlandweit beim Fantasy Filmfest. Hier sind die Termine.
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