Eli Roth's Ice Cream Man – Kritik
Ein Eisverkäufer verwandelt in einer idyllischen Kleinstadt Kinder in Mördermaschinen: Eli Roths Ice Cream Man erschafft eine Spielzeugwelt voll hemmungsloser Grausamkeit und ist in seiner Mischung aus Cartoon und Gore ein unverfrorenes Vergnügen.

Sommer, Vorstadt, Sonnenschein: Eli Roths neuer Film Ice Cream Man fährt zu Beginn eine nostalgische Idylle auf, wie wir sie in- und auswendig kennen. Kinder fahren Fahrrad, spielen Baseball, Freunde halten zusammen, Bullys schikanieren, Eltern sind nur Randfiguren in diesem Zustand der Freiheit ohne Verantwortung. Die Figuren, die Dialoge, die Orte: alles ist Klischee, und durch die grellen Farben des Films wirkt es fast schon wie ein Cartoon. Sichtlich ist Roth nicht daran interessiert, eine eigenständige Welt aufzubauen und mit Leben zu füllen. Das Setting von Ice Cream Man ist kaum mehr als eine schnell mit Spielzeug im Kinderzimmer aufgestellte Szenerie, die dann mit enthemmter Zerstörungswut heimgesucht wird. Aber so flach und dünn diese Welt vielleicht ist, so groß, phantasievoll und makaber zeigt sich Roths Spieltrieb. Unter Einsatz seiner bekannten gorigen Mittel hat Roth hier endlich jenen Fluchtpunkt erreicht, der sich in früheren Filmen wie Hostel (2005), dessen Fortsetzung (2007) oder The Green Inferno (2013) nur abgezeichnet hatte: die offene Komödie.
Hirnmasse wird mit dem Eisportionierer aufgerollt

Ein Eisverkäufer (Ari Millen) kommt in die Vorstadt und verwandelt mit seiner diabolischen Eiscreme Kinder in infantile Mördermaschinen. In der daraufhin ausbrechenden Kinderzombieapokalypse verfolgen wir eine kleine Gruppe nichtverwandelter Kinder – ein Hoch auf die Laktoseintoleranz –, die sich vor der Masse der willen- und gedankenlosen Sadisten in Sicherheit bringen müssen. Unterwegs finden sie unerwartete Hilfe und schließlich auch eine Möglichkeit, den Bann des teuflischen Eismanns zu brechen.
Das Bisschen Plot bietet zwar nur Horror-Einmaleins, umso mehr kostet Roth aber seine grelle Grundidee aus. Denn Kinder wähnen sich nach Genuss der Eiscreme in Cartoons – was auch mittels Gedankenblasen veranschaulicht wird. Dementsprechend bekommen wir im Anschluss dann auch vollkommen überzogene Zeichentrickgewalt präsentiert, nur dass sie mit dem ganzen gorigen Exzess des Realfilms dargestellt wird. Wir befinden uns also im Genre des „Splatstick“ (ein Kofferwort aus Slapstick und Splatter). Kindliche Naivität trifft hier auf hemmungslose Grausamkeit – und auf Erwachsene, die mental gar nicht in der Lage sind, sich gegen die armen Kleinen mit ihren süßen eisverschmierten Mündern zu wehren.
In Ice Cream Man wird Hirnmasse mit einem Eisportionierer aufgerollt und in eine Waffel gepackt. Matschige Leichen werden in bunte Kreidemalereien eingearbeitet. Ein Darm dient als Springseil. Es werden Szenen aus Die Vögel (The Birds, 1963) nachgestellt, nur mit Kindern statt der todbringenden Vögel. Ennio Morricones Simon-&-Garfunkel-Version bedrohlicher Kindergesänge aus Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe (L'uccello dalle piume di cristallo, 1971) dient als Kontrast zu der Brutalität der Kinder. Ein soeben weggeschossener Kopf gibt den Blick auf das nun blutige Schild eines Blumenladens frei: „Upsy Daisy“. Als unsere Protagonisten über den Schulspielplatz um ihr Leben rennen, schüttelt uns die Kamera und der rasante Schnitt nur so durch und wir sehen die Unfassbarkeiten nur wie aus Augenwinkeln. Es ist ein Stil, der einem bewusst machen soll, dass man froh sein kann, nicht das ganze absurde Ausmaß der Gewalt zu sehen zu bekommen.
Quietschvergnügt ordnet der Film alles dem Amüsement unter

Zu keinem Zeitpunkt ist Ice Cream Man also geschmackvoll und kultiviert, vielmehr ist er ständig bereit, sich seinem Exzess hinzugeben. Selbst wenn der Film einfach nur die inhaltlichen Zusammenhänge erklärt, wo dieser Eismann herkommt und was ihn antreibt, kommt Roth ansatzlos mit okkultem Overkill und institutionalisierten Kindesmissbrauch in der katholischen Kirche um die Ecke – als seien erzählerische Sinnzusammenhänge auch nur Teile des Splatstickamüsements. Kurz: solange der Film nicht seine rudimentäre Geschichte erzählt, sondern seine quietschvergnügte Geschmacklosigkeit von der Kette lässt, ist er ein großes, unverfrorenes Vergnügen.
Da es sich aber um einen Film von Eli Roth handelt, kommt das Ganze nicht ohne einen Haken aus. Zuerst scheint es ganz klar: Der Eismann, der die Kinder in seinen Bann schlägt, steht sinnbildlich für eine durch Handys, Konsumkultur und Cartoons bewirkte gesellschaftliche Verrohung. Der springende Punkt des Films ist aber, dass das Erwartbare ausbleibt, nämlich der Gegenschlag der Eltern. Immer wieder stehen wir kurz vor dem Punkt, dass die Eltern die Armee der Zombiebälger genauso lustvoll aus dem Weg räumen, wie diese es bisher mit ihnen getan haben. Dass wie in Peter Jacksons Splatstick-Meisterwerk Braindead (1992) der Rasenmäher angeworfen und die entpersonalisierte Menschenmasse zerhäckselt wird. Doch das alles kommt nie über vereinzelte Ansätze hinaus – und wird ausnahmsweise doch mal ein einzelnes infiziertes Kind niedergeschlagen, dann dokumentiert das die Kamera mit nüchterner Betroffenheit.
Der Eismann ist, wie uns erklärt wird, durch eine gesellschaftliche Sünde der Eltern- und Großelterngeneration zu einer diabolischen Entität geworden (von Ari Millen übrigens gänsehautverursachend gut verkörpert). Die Kinder sind somit die Erben einer zerstörten Welt und fegen nun die Verursacher dieser Zerstörung gnaden- und skrupellos hinweg. Vielleicht geht es hier also um die Fantasie, einfach Tabula rasa zu machen: Weg mit denen, die an Klimawandel, Rechtsruck, islamistischen Terror usw. schuld sind! Roths Klasse als Filmemacher ist aber, dass nie ganz klar ist, wie ernst es mit dieser politischen Metaphorik meint. Und sein Humanismus liegt darin, dass es auf eine Schuld der Erwachsenen hinausläuft und nicht auf die brutale Niederschlagung der Kinder, dass er lieber sich selbst töten lässt – er spielt in dem Film einen Vater – als sich lustvoll an Schwächeren zu vergreifen
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