Verflucht Normal – Kritik
Zuckungen, Beleidigungen und die Sehnsucht nach Nähe: Verflucht normal schildert die Herausforderungen eines Lebens mit Tourette-Syndrom. Dabei folgt der Film zwar bekannten Feel-Good-Mustern, tut das aber mit gewinnender Aufrichtigkeit und tief empfundener Wärme.

Schon der deutsche Verleihtitel Verflucht normal (im Original: I Swear) deutet an, auf welch schmalem Grat sich dieser Film bewegt. Das klingt zunächst nach kalkulierter Feel-Good-Dramatik und tatsächlich folgt Kirk Jones’ Film vielen vertrauten Mustern des biografischen Crowdpleasers. Doch ihm gelingt etwas, das deutlich schwieriger ist: Er macht nachvollziehbar, wie radikal isolierend das Leben mit Tourette-Syndrom in einer Zeit gewesen sein muss, in der kaum jemand wusste, was diese Krankheit überhaupt ist.
Ein Stigma, das ein Leben zerstören kann

Im Mittelpunkt steht der zu Beginn des Films 14-jährige John Davidson (Scott Ellis Watson), der in einer schottischen Kleinstadt der 1980er Jahre lebt. Er ist offen, selbstbewusst, talentierter Fußballtorwart, hat einen Job neben der Schule, liebevolle Eltern, hatte sogar erste romantische Erfahrungen. Gerade deshalb wirken die ersten Symptome seiner Tic-Störung so besorgniserregend. Während ein Scout ihn bei einem Fußballspiel beobachtet, beginnt sein Körper plötzlich, gegen ihn zu arbeiten. Sein Hals zuckt unkontrolliert, seine Hände gehorchen ihm nicht mehr.
Als fatal stellt sich wenig später eine Szene im Speisesaal der Schule heraus, die zu den stärksten des Films gehört. Der Schuldirektor setzt sich zu John an den Tisch und sofort erkennt man in Johns Blick, wie verzweifelt er hofft, die Kontrolle über sich zu behalten. Doch die Tics eskalieren und aus ihm platzen plötzlich schlimmste Beleidigungen samt Erbsen ins Gesicht des Direktors. Der sonst so höfliche John mutiert scheinbar innerhalb von Sekunden zum aggressiven, respektlosen Flegel. Mehr noch: Er zerstört in den Augen seiner Umwelt gerade sein eigenes Leben – und kann doch nichts dagegen tun. In diesem schockartigen Moment macht der Film eindringlich spürbar, wie brutal stigmatisierend Tourette wirken kann.
Vom eigenen Körper verraten

Kirk Jones inszeniert Johns Tics nicht als bloße Eigenheit der Figur, sondern als etwas, das ihn von seiner Umwelt entfremdet. Vor allem in sozialen Situationen eskalieren sie, am Familientisch oder in der Öffentlichkeit. In ruhigen Momenten dagegen – beim Angeln am Fluss, nachts im Bett – verschwinden sie beinahe vollständig. John weiß nie, wann sein Körper ihn verraten wird.
Die Reaktionen seiner Umwelt schwanken deshalb zwischen Scham, Überforderung, Aggression und Hilflosigkeit. Niemand glaubt ihm wirklich, dass er seine Ausbrüche nicht kontrollieren kann. Besonders schmerzhaft wird das in der Familie sichtbar. Shirley Henderson spielt Johns Mutter als Frau am Limit ihrer emotionalen Belastbarkeit. Sie versucht, für ihren Sohn da zu sein und ihn zu schützen, verliert darüber aber zunehmend die Kontrolle über ihr eigenes Leben. Der Vater verlässt die Familie, und der Film deutet an, dass Johns Zustand zumindest mitverantwortlich ist. Unfähig, irgendeinen Ausweg zu erkennen, watet John verzweifelt in einen kalten See. Als er im Krankenhaus aufwacht, sitzt seine Mutter neben seinem Bett und während er weinend daliegt, versucht sie ihn mantraartig zu beschwichtigen. Alles werde sich wieder legen.
Das zerbrechliche Gefühl, einen Platz in der Welt zu haben

Nach einem Zeitsprung übernimmt Robert Aramayo die Rolle des erwachsenen John. Das Tourette-Syndrom ist inzwischen diagnostiziert, Medikamente gehören zu seinem Alltag. Doch selbst seine Mutter versucht ihn während seiner Tics noch immer reflexhaft mit einem „Shhh!“ zum Schweigen zu bringen.
Erst mit Dottie (Maxine Peake), der krebskranken Mutter eines alten Schulfreundes, tritt eine Figur in Johns Leben, die ihm unmittelbar mit Verständnis begegnet. Sie fordert ihn auf, mit den Entschuldigungen für seine Tics aufzuhören – denn für eine Krankheit müsse man sich nicht entschuldigen. Eine kleine, aber entscheidende Szene. Dottie hilft John außerdem dabei, Eigenständigkeit zurückzugewinnen: Sie schickt ihn einkaufen, überträgt ihm Verantwortung, behandelt ihn nicht wie ein Problem. Der Film verfällt dabei glücklicherweise nie in Sentimentalität, auch wenn die melancholischen Pianomotive der Filmmusik diese Gefahr bisweilen heraufbeschwören.
John tritt schließlich eine Stelle als Assistent in einem Gemeindezentrum an und findet in Tommy (Peter Mullan), dem dortigen Hausmeister, eine Art Mentor. Hier erlebt er zum ersten Mal echte gesellschaftliche Akzeptanz und seine spätere Aufklärungsarbeit über Tourette speist sich auch aus diesem neu gewonnenen Gefühl, einen Platz in der Welt zu haben. Glücklicherweise sind Dottie und Tommy nie bloße Projektionsflächen für gesellschaftliche Toleranz, sondern wirken selbst gezeichnet vom Leben – vielleicht sehen sie gerade deshalb in John nicht zuerst seine Krankheit, sondern einen Menschen. Zwischen ihnen und John entsteht schließlich eine Nähe, die über bloße Toleranz hinausgeht.
Eine permanente Kette kleiner Zusammenstöße

Über weite Strecken folgt Verflucht normal einer etwas vorhersehbaren Dramaturgie: Er entspinnt sich vor allem als Abfolge aus Tic und sozialer Reaktion, Johns Alltag wird zur permanenten Kette kleiner Zusammenstöße mit seiner Umwelt – und zunehmend auch mit sich selbst. Doch bewahrt sich der Film dabei stets eine bemerkenswerte Aufrichtigkeit. Die schwierigen Seiten von Johns Erkrankung werden nicht beschönigt, seine Tics bleiben belastend und sind manchmal sogar gefährlich. Im Supermarkt schlägt er Dottie plötzlich unwillentlich durch eine plötzliche Zuckung seines Arms, bei einem Vorstellungsgespräch dann auch den Hund seines späteren Chefs. Das geschieht nicht brutal oder bösartig, aber eben unvorhersehbar, sodass John sich angewöhnen muss, einen gewissen räumlichen Abstand zu anderen zu wahren.
Je mehr Verständnis Johns Umfeld für seine Erkrankung entwickelt, desto stärker verschiebt sich auch der Ton des Films: Johns Tics dürfen dann erstmals auch komisch sein und sind nicht mehr nur die Ursache sozialer Ausgrenzung, sondern individueller Ausdruck einer Figur, die allmählich Teil einer Gemeinschaft wird. FormularbeginnManchmal kratzt Verflucht normal trotz seiner humanistischen Wärme an der Rührseligkeit; der Optimismus des letzten Drittels wirkt fast zu versöhnlich – würde der Abspann nicht daran erinnern, dass sich Johns Geschichte tatsächlich so ereignet hat.
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