4 Blocks – Kritik

Neue deutsche Gangsterfilme: Nach dem Intro letzte Woche ein Prachtstück des Genres mit goldenem Versace-Schlüpper: die 3-Staffel-Serie 4 Blocks von Marvin Kren, Oliver Hirschbiegel und Özgür Yıldırım.

2017-2019 guckten das Millionen. Lob und Preise bis zum Grimme. Verdient. Die Leute und wie sie zusammenspielen, Dialoge, Stil, Stories + Musik: alles feurig und ein Fest. Das krasse Gegenteil von meditativ. Alles liegt im Schaufenster und verschafft sich dicht und zwingend Geltung.

„Ein archetypisches Gangsterepos, das von der Verteilung der Karten bis zum Ende unter dramatischem Hochdruck steht“, schrieb Kollege Maurice Lahde auf critic.de. Carolin Ströbele lobte in der „Zeit“ das Brachiale an dem „deutschen Gomorrah“, die Sogwirkung im Zusammenspiel von Sprache und Musik, die Glaubwürdigkeit der Dialoge. Etwas Kritik gab es auch. Christian Buß vom „Spiegel“ fand Staffel 1 realitätsgesättigt und gut improvisiert, doch die 2. zeige nur noch die Figuren bei der Verwaltung ihrer eigenen Legende. Eine Bekannte mit libanesischer Familie fand die Klischees unerträglich… ich kann die Kritik verstehen. Aber ich mag die Serie auch für ihre gelebten Klischees, Übertreibungen und die erschreckenden Entwicklungen ihrer Figuren. 4 Blocks ist in allen Staffeln eine Majestät, wuchtig und wild.

Folgen, Folgen, Folgen

Worum geht es? Schutzgeld, Mädchen, Glücksspiel, Immobilien, Koks und Flüchtlingsunterkünfte. Toni Hamady (Kida Khodr Ramadan) ist Chef einer schwungvoll mit all dem handelnden kriminellen Vereinigung in Berlin, zu der auch seine Brüder Abbas (Veysel Gelin) und Latif (Massiv aka Wasiem Taha) gehören, sowie seine nüchtern-skeptische, tapfere Schwester Amara (Almila Bagriacik) mit Freund Vince (Frederick Lau).

Das Wort „Folgen“ für Serien-Episoden klingt bei 4 Blocks fast karmisch. Alle handeln, impulsiv und exzessiv, und das hat Folgen, Folgen, Folgen. Es kocht in Tonis Mitstreitern. Sie sind stolz auf ihre intensive Art, zu leben und groß aufzutreten. Auch wenn es sie und andere gegen die Wand fährt. Die Darsteller stecken tief in diesen Figuren. Nie sieht es schwach aus, unbeholfen oder von der Wirklichkeit des Films getrennt.

Wie bitte, ich soll mich entspannen?!“

„Scheißhipster!“, schimpft ein Kumpel auf Passanten, doch Toni bleibt gelassen: „Nein, Hipster sind gut! Wir können mit ihnen Geld verdienen!“ Patriarch Toni (Kida Khodr Ramadan) nimmt aber auch Gewalt als Mittel stoisch in Kauf. Ruhig, lässig und präsent, mit einer tapsig-müden, Robert-Mitchum-artigen Schwere, ist er nett und lustig zu den Kindern, jovial und einladend zu Kumpanen (wie auch Escobar in den transatlantischen Serien) und pragmatisch (wie Mario Adorf in vielen seiner Rollen). Frederick Lau als sein Kumpel Vince erinnert mit seinem knuffigen Gesicht an den jungen Belmondo und mit seinen welpenweichen Bewegungen an den jungen Gustav Knuth.

Der kleine, zornige, gemeine Spiddel Zeki (Rauand Taleb) ist so elastisch wie ein Flummi aus der Hölle. Wie diese grellige, wadenbeißende halbe Portion die Ziege, die geschlachtet werden soll, durch die Stadt hinter sich zieht… der ist voll in seinem eigenen Film.

Mein Liebling aber ist Tonis ultraschnell aufbrausender Bruder Abbas (Veysel Gelin) – „Wie bitte, ich soll mich entspannen???!!!“ – mitsamt Ewa (Karolina Lodyga), seiner cool-verdrießlichen, luxusfreudigen Ehefrau. Wie er halbnackt und raumgreifend bei sich zuhause auf dem fetten Sofa sitzt, grimmig dreinschaut und achtlos furzt, in seiner Versace Unterhose mit dem barocken, goldenen Rankendessin: ein Bild für die Götter. Gelin hat zusammen mit Massiv auch Teile des erstklassigen Soundtracks gestaltet. Aus einem üppigen, gluckernden Groove entfalten sich pausenlos tiefgelegte, kaputte und zerfetzte Sounds. Vocals dringen empört und gurgelnd aus den Leuten und prangern trunken und nuschelnd die Zustände des Lebens an. Musik ist eine fleischliche Maschine, die aus dem Vorgefundenen ihre Sache macht. Sie verdreht und stranguliert das Leben, schrumpft und komprimiert es zu einem Dreck unter den Nägeln oder bauscht es auf und jagt es fett durch überlebensgroße Hallräume. Die Musik ist wie die Leute in 4 Blocks.

Das nächste Mal: eine der wichtigsten Keimzellen des Genres – Fatih Akins frühes Meisterwerk Kurz und schmerzlos.

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