„Was ist los mit dir??!!“ – Neue junge deutsche Gangsterfilme
Der Mann in seiner Erscheinungsform als Gangster. Die Filme und Serien der „New Young German Gangstamoviez“ beschäftigen sich interessant, herzbewegend und manchmal auch lustig mit dem, was impulsive, kriminelle Menschen aus dem rätselhaften Leben machen. Auftakt einer Mini-Textserie im Rahmen unseres Genre-Specials, von Akin bis Yildirim.

Es gibt für dieses Subgenre noch keinen offiziellen Namen? Nennen wir es New Young German Gangstamoviez (NYGGz), sprich: Enweidschiedschiez oder Nügs. Auf Englisch aus Angeberei. Und mit einem „z“ am Ende“, weil Sido das selbstironisch für sein Bandprojekt Blutzbrüdaz im gleichnamigen Film fordert. Dem NYGGZ geht es mit Herz und bestmöglicher Handwerkskunst um die lebendig verdichtete, authentisch übertriebene Schilderung eines gegengesellschaftlichen Lebensstils und der dramatischen Geschichten, die er hervorbringt. Gelebte (Einwanderer-)Klischees sind unvermeidlich, und so gewollt wie der Reichtum individueller Eigenarten.
Von dem, was ich für dieses Special gesehen habe, bespreche ich, wenigstens kurz, in den nächsten Wochen: 4 Blocks (Marvin Kren, Oliver Hirschbiegel, Özgür Yıldırım, 2017-2019), Kurz und schmerzlos (Fatih Akin, 1998), Chiko (Özgür Yildirim, 2008), Blutzbrüdaz (Özgür Yildirim, 211), Koxa (Ekrem Engizek, 2017), Familiye (Kubilay Sarikaya und Sedat Kirtan, 2018), Asbest (Kida Khodr Ramadan, 2023) und Skylines (Maximilian Erlenwein, Soleen Yusef, 2019). Über zwei davon hat Kollege Maurice Lahde bei ihrer Veröffentlichung schon geschrieben. Aber er hat noch genug Fleisch für mich dran gelassen.
Gesucht wird: ein übersteigertes Leben

Genres zu definieren ist wie Gartenarbeit. Kaum hat man die verschiedenen Pflanzen getrennt, schon wuchern sie wieder ineinander. Am liebsten auch in Nachbarbeete – in unserem Fall in den tatortartigen Krimi, die Großstadtdschungelmoritat, Rocker-, Rotlicht-, Drogendrama, Action- und Buddyfilm, Halbstarkentragödie, Coming of Age, Musiker-Biopic, Piratenfilm („Bleib immer Pirat, kleiner Cabron“: Veysel in Asbest).
Die NYGGZ sind ein überquellendes Biotop. Eins aber ist allen gemeinsam: Gesucht wird ein übersteigertes Leben. Von übermäßig ausdrucksvollen, energischen und aufbrausenden (meist) jungen (meist) Männern. Die NYGGz widmen sich dem, was diese Menschen aus dem rätselhaften Dasein machen.
Sie leben in einem multikulturellen, proletarisch, oft prekär verwurzelten „migrantischen“ Milieu. Im Schutz und Schatten der ihnen ungebrochen wichtigen Familien- und Freundeskreise arbeiten sie an ihren mehr oder weniger kriminellen Karrieren. Meist geht es um Drogen, manchmal um Wetten, Mädchen, Immobilien, immer wieder auch um Musik. Alle eint das Lebensgefühl, selbst in einem Film zu leben. Sie finden, ihre Freunde könnten von de Niro oder Pacino dargestellt werden, oder von den Darstellern in den vielen neueren mexikanischen, italienischen usw. Drogen-Gang-Serien der internationalen TV- und Streamingportale.

Wie die Halbstarken in den Fünfzigerjahrefilmen, so haben auch die New Young German Gangstaz eine Tiefe in sich, mit der sie selbst nicht klarkommen. Die gedrängte innere Unendlichkeit kann nirgends sinnvoll hin. Sie verstehen sich oft selbst nicht. Aber sie müssen mit dem, was sie einmal angefangen haben, ohne Angst weitermachen. „Ohne Angst“, bzw. ohne deren Überlagerung durch Aggressivität, das üben sie noch.
Jungen in früheren Young-Gangster-Filmen mit etwa Marlon Brando, James Dean, Horst Buchholz waren unmittelbar von den Erlebnissen des 2. Weltkriegs geprägt und mit dem Nichts befreundet. Sie stellten sich gegen ihre Väter, verließen ihre Familien, gerieten plan- und orientierungslos in Verbrechen und Gewalttaten; sie waren in Gangs, aber System und Aufstieg interessierten sie nicht.
Die New Young German Gangstaz hingegen wollen nicht verschwinden. Sie wollen da sein, sich behaupten. Das ist vielleicht der Unterschied zwischen den Söhnen von EinwanderInnen und den verlorenen Söhnen der etablierteren Gesellschaft. Diese Jungs haben Pläne. Große. Es läuft ein Film in ihren Köpfen ab, in dem sie jemand werden, der Ansehen, Geld und Einfluss hat.
Der Mann in seiner Erscheinungsform als Gangster

Immer wiederkehrende Scheinfrage im rhetorischen Stilrepertoire der NYGGz: „Was ist los mit dir??!!“ Schon in Fatih Akins Spielfilmdebüt Kurz und schmerzlos (1998) – einer der Keimzellen des Genres – richtet ein Freund diese Frage an den gerade aus dem Knast entlassenen Gabriel. Die Kumpels sehen ihre berufliche Zukunft im kleinkriminellen Milieu und zählen auf Gabriels Mitwirkung. Doch der teilt ihren Enthusiasmus nicht mehr. Eingeschnappt nimmt Freund Costa seine Antwort vorweg: „Er will erwachsen werden. Und wir hindern ihn daran.“
Viele dieser Filmjungs steigen schon jung, noch freudig, ein. Der Anfang ist nicht schwer, und vielverheißend; sie steigen auf, es wird gefeiert. Doch die Erfolge müssen verteidigt werden – immer gewalttätiger und unfairer. Man muss Deals machen, Kriege führen. Das verändert die Figuren. Einige steigen blutend und lädiert wieder aus. Andere gehen in den Knast. Viele gehen auch zugrunde. Was ist „Erwachsenwerden“? Was der „Mann“, der man werden soll/will (vielleicht: Was hat es mit dem „Mann“ auf sich...)? Was wird aus Spaß und Freundschaften, wenn man älter wird und sich die Ideale und Werte, über die man sich einig war, ändern? Alte Feunde fühlen sich verraten und im Stich gelassen für die Drogen-, Kriminal- oder auch Musikkarrieren einstiger Weggefährten. Und die Aufsteiger im kriminellen System bekommen es bald mit konkurrierenden und feindlichen Systemen zu tun − gegnerischen Gangs, der Polizei, Justiz, Politik, reichen Geschäftsleuten, dem internationalen organisierten Verbrechen.
Impulsive Menschen kennen keine Grenzen

Man lernt viele krasse und bemerkenswerte Leute kennen. Grandiose, klobige, vulkanische Konstrukte – ich denke an Abbas‘ Wucht und Präsenz in Asbest; Tonis Gefühlsrepertoire in 4 Blocks kennt hingegen auch verwirrend sanfte Zwischentöne. Tapfer und entschlossen vernünftig: seine Schwester Amara. Eindrucksvoll todtraurig: die düstere, brutale, kleine Rapperin Zilan in Skylines. Wie ein Archetyp aus einem Märchen tanzt der überstimulierte, aufgedrehte, grellig-grausame kleine Zeki durch die Gegend in 4 Blocks. Ergreifend der verzweifelte, begriffsstutzige Tibet; cool, sweet und schönstimmig die süße Prostituierte in Chiko. Rührend Mumus Wesen in Familye.
Sie blühen, erfinden sich, sie haben Seele. Ihr Straßenjargon ist oft schön individuell, eine witzige und intelligente Feier geschliffen ungeschliffener Redeweisen und einfallsreich ausgeformter Umgangsformen. Aber sie handeln, und das hat Folgen, Folgen, Folgen. Die ufern aus und eskalieren. „Impulsive Menschen kennen keine Grenzen“, sang einst die Gruppe Deichkind.

Jeder Mensch hat eine Erkennungsmelodie. Auch diese Filme sind wie Musik (und oft mit Musikern besetzt): 4 Blocks ist eine große Oper, Asbest ein Liederzyklus, Chiko und Kurz und schmerzlos sind geniale Debütalben. In Skylines ist der melancholische Hiphop Fluchtraum für die kindliche, verliebte Seele, die draußen nicht mehr leben kann. In 4 Blocks und Asbest ist er Auseinandersetzung, Selbstbehauptung und -befeuerung, Beschwerdestelle und Feier eines Lebensstils und Grooves (nicht besser: „Groove“?), mit dem alles läuft. Kämpfe und Krämpfe fließen in brillante, furzende, kaputte Sounds. Stimmen prangern aufgeregt und empört die Umstände des Lebens an, verlorene Seelen jaulen elegische Klagelieder: Die ganze Vogelschar ist selten voller Heil und Segen.
Die erste Folge unserer Reihe erscheint nächste Woche bei critic.de. Sie dreht sich um ein großes Prachtstück des Genres: Die Serie 4 Blocks.









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