Exit 8 – Kritik

Ein Mann steckt in einem leeren Tokioter U-Bahnhof fest, aus dem es scheinbar keinen Ausgweg gibt.Genki Kawamuras klaustrophobische Computerspieladaption Exit 8 ist ein paradoxes Spiel aus Wiederholung und Variation, zwischen Psychothriller und abgründigem Horrorfilm.

Wer je im Tokioter Bahnhof Shinjuku war, der wird die Vorstellung, sich in einer U-Bahn-Station zu verirren und nie mehr herauszufinden, durchaus für realistisch halten: Shinjuku ist ein in großen Teilen unterirdisches Labyrinth, bestehend aus 53 Bahnsteigen auf verschiedenen Achsen mit mehr als 200 Ausgängen – von denen im Ernstfall kein einziger zu finden ist. Genau das ist auch das Problem des „lost man“ (Kazunari Ninomiya) in Exit 8: Er läuft und läuft und läuft durch die Gänge einer U-Bahn-Station, doch es führt kein Weg heraus. Wie bei einem Möbiusband (das auch im argentinischen U-Bahn-Film Moebius (1996) eine wichtige Rolle spielt) gibt es weder Anfang noch Ende, sondern einen scheinbar ewigen, schleifenförmigen Raum. Anders als in Shinjuku ist der Bahnhof in Genki Kawamuras Film nahezu menschenleer, also kann der Lost Man niemanden um Rat fragen. Irgendwann entdeckt er inmitten der zahllosen, klinisch weißen Wandfliesen eine Tafel mit Instruktionen, die sinngemäß besagen: „Laufe weiter, wenn keine Anomalien auftreten. Kehre um, wenn Anomalien auftreten. Verlasse den Bahnhof über Ausgang 8.“

Nur: Was sind Anomalien? Und wie lassen sie sich von anderen Vorkommnissen unterscheiden, die zwar auffällig sind, aber anscheinend zu diesem Limbus-artigen Ort gehören? Wenn plötzlich Blut von der Decke tropft oder nackte Mutanten-Ratten aus den Ventilationsschächten kriechen, ist die Lage relativ eindeutig. Doch was ist mit einem mitten im tiefsten Funkloch dennoch ankommenden Anruf? Was mit dem Kind, das auf einmal im Korridor steht und keinen Mucks von sich gibt – ist es nun Anomalie oder eine weitere verlorene Seele? Und auf welchen Mikro- oder Makro-Ebenen muss der etwa 35-jährige Lost Man nach Anomalien suchen: Reicht es, zu zählen, ob noch genau so viele Türen da sind wie beim letzten Durchgang – oder muss er schauen, ob eine der Türen irgendwo einen neuen Kratzer hat?

Level Up oder Game Over?

Im ersten Drittel schickt Regisseur Genki Kawamura den Mann (und das Publikum) mit vielen POV-Einstellungen durch ein desorientierendes Rätsel mit unklaren Regeln. Dabei setzt er auf eine Computerspiellogik, in welcher der Protagonist langsam aufsteigen kann („Level Up“), aber auch mit einem einzigen Fehler allen errungenen Fortschritt verlieren kann („Game Over“ bzw. „Zurück auf Null“). Diese Struktur ist kein Zufall, schließlich beruht der Film auf dem Indie-Game The Exit 8. Auch das in der Station hängende, bei jedem Durchlauf sichtbare Poster mit den physikalisch unmöglichen Landschaften von M. C. Escher hängt nicht ohne Grund dort. Viel nervenaufreibender als der paradoxe Raum ist für den Protagonisten jedoch, dass ihm schon früh das Wasser ausgeht und auch sein lebensnotwendiges Asthma-Spray nicht ewig halten dürfte.

Die Kamera von Keisuke Imamura verzögert immer wieder geschickt Erkenntnisse oder zeigt den Zuschauenden beiläufig Details, die der Hauptfigur entgehen. Nach rund 40 Minuten wagt der Film zudem einen überraschenden Perspektivwechsel, der das deprimierende Dasein der Japanese Salarymen thematisiert und zugleich zeigt, wie unterschiedlich die Strategien sind, mit denen Menschen versuchen, sich an Dinge zu erinnern. Spätestens ab diesem Moment fährt der Film mehrgleisig. Das Grandiose daran: Exit 8 funktioniert als reiner Genrebeitrag genau so gut wie auf seinen Subtext-Nebenstrecken. Kein Wunder, dass das Fantasy Filmfest dieses Werk im Jahr 2025 zu seinem Centerpiece gemacht hat – und umso erstaunlicher, dass es fast ein Jahr dauerte, bis der Film zumindest in ein paar deutschen Städten den Weg ins Kino fand.

Gefangen in männlichen Ängsten

Eine der Subtext-Strecken führt zur metaphysischen Frage, ob sich der Lost Man in einer Art Vorhölle befindet und die Katakomben seines schlechten Gewissens durchstreifen muss, um schließlich den Weg zu Erlösung oder Verdammnis zu finden. Spätestens bei einer zweiten Sichtung fällt jedoch auf, wie dominant eine weitere Meta-Ebene in den Film eingeschrieben ist – eine, die sich mit männlichen Ängsten vor Commitment und Vaterschaft befasst. Dabei dreht Exit 8 genüsslich die Gender-Dialektik eines weit verbreiteten Genreklischees um – schließlich geht es in zahlreichen Horrorfilmen darum, wie Frauen (mehr oder minder freiwillig) zu Müttern oder Mutterfiguren werden müssen.

Auf dieser Ebene entpuppt sich das „trapped“-Szenario als Metapher, als physische Manifestation einer Entscheidungssituation, die das Leben des Protagonisten grundlegend verändern kann. Die Suche nach einem U-Bahn-Ausgang erscheint in diesem Licht als Suche nach einem Ausgang, der in seine Zukunft führt, als Selbstsuche. Exit 8 verhandelt so neben dem durchweg spannenden Genre-Plot eine klassische Heldenreise, an deren Ende der Protagonist ein neuer Mensch geworden ist.

Diese innere Wandlung wird spätestens klar, als der Film mit derselben Situation schließt, mit der er begonnen hat: Die Hauptfigur steht in einer überfüllten U-Bahn, in der einer der uniformen Japanese Salarymen eine junge Mutter anschreit, weil deren Baby lautstark weint. Im Prolog setzt der Protagonist noch seine Kopfhörer auf, spielt Ravels Boléro ab und tut (genau wie alle anderen) so, als bemerke er nichts. Als das Stück im Epilog erneut erklingt, ist er längst ein anderer – und Regisseur Genki Kawamura beweist sein Gespür für den exakt richtigen Schnitt-Moment.

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