Wanda – Kritik
Ein Film ohne Ziel und ohne Heldin, der seine antriebslose Hauptfigur durch ein verwahrlostes Amerika begleitet. Barbara Lodens einzige Regiearbeit Wanda (1970) ist ein Glücksfall der Filmgeschichte und wäre um ein Haar verschollen. Nun kommt er wieder ins Kino.

Um ein Haar wäre Wanda, der einzige Langspielfilm Barbara Lodens, nicht nur vergessen, sondern vernichtet worden. Bei den Filmfestspielen in Venedig 1970 gewann er den Kritikerpreis, lief dann aber nur in jeweils einem Kino in New York City und Los Angeles, und auch nur eine Woche lang. Die Reaktionen waren gemischt. Pauline Kael und der notorische Chuck Kleinhans waren überfordert und z.T. vernichtend in ihren Kommentaren, andere erkannten eine Rarität, eine Besonderheit mit faszinierender Ausstrahlung. Es bildet einen unschätzbaren Glücksfall für die Filmgeschichte und internationale Filmkultur, dass 2007 die Filmdosen von Wanda (auf denen nur der Name des Produzenten Harry Shuster stand) vor ihrem sicheren Abtransport in einen Entsorgungscontainer entdeckt und gerettet wurden, von Ross Lipmann, einem kundigen Archivar am UCLA Film & Television Archive. Seither erlebt der auf 16mm gedrehte und später auf 35mm aufgeblasene Film nach seiner Restaurierung eine Renaissance, aber bisher keine systematische Kinoauswertung. Nun gibt es die Möglichkeit, einen der bemerkenswertesten Filme der 1970er Jahre, der mittlerweile als Klassiker gilt, (wieder) zu entdecken.
Ein Amerika der Unorte

Die Regisseurin Barbara Loden war lange eher als blonde Schönheit vor allem in den Filmen ihres späteren Gatten Elia Kazan bekannt. Obwohl ihr Schauspiel beeindruckte (und sie am Actors Studio unterrichtete) besetzte Kazan sie lediglich in Nebenrollen und verhinderte aktiv größere Einsätze, so z.B. eine Rolle neben Burt Lancaster in Frank Perrys The Swimmer (USA 1968) oder neben Kirk Douglas als dessen Geliebte in The Arrangement (USA 1969), ein Film, den Kazan der gemeinsamen Geschichte nachempfunden hatte. Die Rolle ging an Faye Dunaway. Kazan stand Loden im Weg, auch für andere Regisseure.
In Wanda führte sie nicht nur Regie, sondern spielt auch die titelgebende Hauptfigur, eine arbeits- und mittelose Frau aus der Arbeiterschicht, die ihren Mann scheinbar völlig ungerührt verläßt, und dann ziel- und antriebslos durch die Lande streift. Die Schauplätze sind beeindruckend in ihrem dokumentarischen Wert: die Ödnis eines Kohleabbaugebiets in Pennsylvania, die Verwahrlosung eines schäbigen Haushalts in einem brüchigen Holzhäuschen, die Furchen, die Lastwagen durch die Geröllhalden schneiden. Ein Amerika der Unorte mit Shopping Malls, Riesenparkplätzen, heruntergekommenen Hotels und schäbigen Bars. Wanda wird von Männern aufgegabelt, die sich mit einem Bier den Beischlaf erkaufen und sie schnöde sitzen lassen, bis sie auf Mr. Dennis, einen Kleinkriminellen stößt. Dieser kommandiert sie herum, und misshandelt sie, und doch entsteht eine eigenartige Beziehung zwischen ihnen. Beider emotionale Verhaltenheit, soziale Ortlosigkeit und ökonomische Depraviertheit fügt sie zusammen.
Intime Kenntnis, tiefes Verständnis

Marguerite Duras spricht über den Film als ein Wunder, das in einer bemerkenswerten Übereinstimmung von Rolle, Figur und Verkörperung durch die Schauspielerin und Regisseurin besteht. Loden war überzeugt, dass niemand außer ihr diese Rolle hätte spielen können. Sie kam aus einem vergleichbaren Hintergrund, verarmtes, ländliches Hinterland, in vieler Hinsicht emotional und bildungsmäßig vernachlässigt. Der fiktionalen Wanda vergleichbar habe sie keine Zugehörigkeit gehabt, und sei für ihr Selbstwertgefühl und ihre Identität von Männern abhängig gewesen. Die Idee für den Film entwickelte Loden nach einer Zeitungsnotiz wonach eine Frau einem Richter dafür dankte, dass er sie zu 20 Jahren Gefängnis verurteilte, obwohl sie lediglich die kleine Komplizin eines gescheiterten Bankräubers gewesen war. Loden interessierte sich dafür, welches Leben, welche Umstände, welche Geschichte eine Frau zu solch einer Geste führen konnte. Es dauerte zehn Jahre, bis sie den Film endlich mit sehr wenig Geld und einer kleinen crew von nur vier Personen realisieren konnte.
In den Jahren zwischen Idee, Drehbuch und den Dreharbeiten zum Film hatten sich Formen der Filmproduktion mit dem Machtverlust der Studios in Hollywood sehr verändert. Das sogenannte New Hollywood war auf dem Vormarsch, das sich rebellisch und unkonventionell gab, bevor es zum Blockbuster-Kino wurde. Dominiert wurde es von männlichen Regisseuren wie Scorsese, Coppola, Lucas, Friedkin, Hopper u.a. Aufgrund seines sujets – grob gesagt: Gangsterpärchen unterwegs – wurde der Film mit Bonnie and Clyde (Arthur Penn, USA 1967) verglichen. Doch Lodens Idee war lange vor diesem Film entstanden, und sie hatte ein grundsätzlich anderes Kino und Anliegen im Sinn. Weder ging es ihr um den Bankraub, noch um das Pärchen, noch wirklich um das road movie. Wanda ist ein Film ohne Telos, ohne Heldin oder Held, aber mit einem ungemein klaren Blick auf seine Hauptfigur. Ein Blick, der von einer intimen Kenntnis, einem tiefen Verständnis zeugt.
Nylontuch und Lockenwickler

In einem Interview in der New York Times nach dem Erscheinen ihres Films brachte Loden den Unterschied zu Penns Film und allgemein zu New Hollywood auf den Punkt: „I knew I wanted to make the antithesis of a movie where everyone is beautiful and wears beautiful costumes. Wanda is the anti-Bonnie and Clyde movie.“ Implizit spricht sie damit auch die Filme ihres berühmten Gatten Elia Kazan an.
Wanda geht unter die Haut und bleibt für jede Zuschauerin unvergessen in der Präzision seines Blicks auf das Schicksal einer unterprivilegierten Frau im Patriarchat. Neben dem besonderen Gespür des Films für Räume, in denen die Figuren ortlos verloren wirken, beeindruckt besonders das Schauspiel Lodens. Wanda ist vielleicht Anfang 40, mit einem Nylontuch um ihren Lockenwicklern sucht sie zu Beginn des Films ihren Vater auf, der Kohle in Eimern sammelt, und bittet ihn um Geld. Viel kann er ihr nicht geben, ein paar Dollar. Mit der Art und Weise, wie sie danach „Thank ya“ sagt, drückt sie aus, dass eigentlich kein Grund für ein Dankeschön vorliegt. Wie der Vater die Börse öffnet und sich herausredet, ist einerseits ein Zeichen für seine Armut, bildet aber ebenso ein billiges Abspeisen, ein Abspeisen durch männliche Figuren, das sich durch den Film zieht. Später sehen wir sie am Straßenrand auf den Bus warten, der menschenleer durch die öde Landschaft fährt. In der Stadt angekommen, werden die Blicke auf sie immer wieder verstellt. Eine ungemein bewegliche und empathische Kamera von Nick Proferes, der im sogenannten direct cinema für Leacock und Pennebaker gearbeitet hatte, ist ihr trotz aller Distanz immer sehr nahe, solidarisch mit ihr. Sie erreicht das Gerichtsgebäude verspätet, wo Gerichtspersonal und Gatte auf sie warten, um die Scheidung zu verhandeln. Im Publikum sitzen ihre beiden Kinder, an denen sie vorbei blickt. Man erwartet Widerstand, einen kämpferischen Austausch in der Anhörung, aber sie steht passiv neben dem Gatten, blickt zur Seite, und sagt kaum vernehmbar: „Listen, judge, if he wants a divorce, why don’t you give it to him?“
Blicke wie Pfeile

Doch die Passivität hat eine renitente Färbung. In Situationen, in denen sie missachtet oder schlecht behandelt wird, treffen ihre Blicke wie Pfeile und man ahnt beim Anblick ihres Körpers, dass es unter der Oberfläche scheinbarer Apathie und Schicksalsergebenheit brodelt. Wanda ist eine verhaltene Rebellin, wie Barbara Loden selbst. Man hätte sich wirklich gewünscht, dass sie noch weitere Filme hätte realisieren können. Doch ihre Projekte – z.B. eine Verfilmung von Kate Chopins „The Awakening“ -- fanden keine Finanzierung. Mit 48 Jahren starb sie viel zu früh 1980 an einer Krebserkrankung. Doch Wanda ist seit neuestem wieder in den Kinos zu sehen.
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