The Plague – Kritik
Die Zugehörigkeit funktioniert in einer Wasserballgruppe für Jungen knallhart über Ausschluss. Charlie Pollingers hyperstilisiertes Langfilmdebüt The Plague nutzt sein Setting als Metapher fürs Aufwachsen und widmet sich dem Horror des Mobbings.

The Plague findet in einem Sportinternat statt und Regisseur Charlie Polinger nimmt sich für sein Langfilmdebüt eines vom generischen Festivalfilm bekannten Themas an, zieht aber die Zügel an und dreht die Boxen auf. Die Jungs sind hier nur 12 oder 13 Jahre alt, aber umso grausamer. Ben (Everett Blunck), Protagonist und der Neue in der Wasserballgruppe, bekommt das direkt zu spüren, als er beim ersten Mittagessen für seinen Bostoner Akzent ausgelacht wird und den Spitznamen Soppie (weil er das ‘t’ in “Stop!” nicht artikuliert) bekommt.
Zweite Lektion beim ersten Kantinenlunch: Dazugehören funktioniert über Ausschluss, und das heißt in diesem Fall, sich nicht mit dem leicht autistisch scheinenden Eli (Kenny Rasmussen) abzugeben, der wegen einer Hautkrankheit auch im Wasser ein Sportshirt tragen muss. Diese Krankheit gibt dem Film ihren Namen: “The Plague” nennen die anderen Kids, was eher nach Neurodermitis oder Schuppenflechte aussieht, und verbreiten das Gerücht, die Krankheit sei durch Kontakt übertragbar, wenn man sich nicht direkt gründlich wäscht.

Es geht also um den Horror des Mobbings − weniger als Lehrstück denn als Carrie-Variante, denn Polinger lässt psychische Schocks gern mal in physische übergleiten; Blut und Schmerz sind zumindest als Drohung immer präsent. Auch Eli ist beileibe nicht nur Opfer, sondern auch manchmal Agent des Schreckens, wenn er etwa in der Umkleide so tut, als habe er sich mit einer Schere den Daumen abgeschnitten, um Ben zu verarschen. Überhaupt setzt The Plague auf eine hyperstilisierte Form, die die stakes der frühen Pubertät erfahrbar machen will. Vor allem der Score von John Lenox ist geradezu nervenaufreibend mit seinen Stakkato-Schreien, wie ein das Publikum mobbender Männerchor.
Struggelnd den Schein der Souveränität wahren
Steven Breckons 35mm-Bilder nehmen gern die frühpubertären Gesichter in den Blick – vor allem den Cliquenleader Jake (Kayo Martin), einen so unendlich fiesen wie unschuldig grinsenden Lockenboy, der jede kleinste Schwäche der anderen beobachtet und ausnutzt. Die Kamera interessiert sich aber genauso für die unheimlichen Settings des Internats: das ewige Schwimmbecken, ob am Tag mit viel Gewusel oder nachts schrecklich leer; den Schlafsaal, denn die Nacht bietet sich für Drangsalierungen aller Art besonders an; und, in einer der abgefahrensten Szenen, auch eine Art Hinterhof, in dem die Kids inklusive Eli Müll verbrennen und völlig ausrasten.

Manche der Bilder unter und über Wasser erinnern an einen anderen Film: Schon Celine Sciammas Water Lilies hat den Wassersport und entsprechende Unterwasserbilder – brutal struggelnde Beine, die hart arbeiten müssen, um über Wasser den Schein der Souveränität zu wahren – als Metapher fürs Aufwachsen genutzt. War es bei Sciamma die weiblich konnotierte Welt der Synchronschwimmerinnen, so ist es hier der harte Wasserball, in dem sich Gegner schon mal absichtlich verletzen, um an den Ball zu kommen.
In The Plague läuft es schließlich auf die Klärung des Verhältnisses zwischen Ben und Eli hinaus, für das die Clique nur der Kontext ist. Ein wenig schematisch spitzt der Film das im letzten Drittel auf die Frage zu, ob Ben sich für die Clique und damit fürs Mobbing oder für die andere Seite entscheidet − eine Frage, bei der Joel Edgerton als Coach nur Phrasen übrighat und wahrlich keine Hilfe ist und. Dass all das Gerede wenig ausrichten kann gegen den Body Horror frühjugendlicher Rangkämpfe, macht Polinger dann im Showdown klar, der, natürlich, beim Ball in der Turnhalle stattfindet.
Der Text erschien ursprünglich am 21.05.2025.
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