Rosebush Pruning – Kritik

Karim Aïnouz’ Rosebush Pruning hat einen tollen, hochpräzise aufspielenden Cast und einige meisterlich inszenierte Szenen. Leider kommt am Ende dennoch nur eine weitere nihilistische Eat-the-Rich-Satire ohne große Überraschungen heraus.

Rosebush Pruning hält mit seiner Prämisse nicht lange hinterm Berg: „Menschen sind Rosen. Familien sind Rosenstöcke. Rosenstöcke muss man stutzen“, heißt es gleich zu Beginn von Karim Aïnouz’ neuem Film aus dem Off. Die Worte stammen von Ed (Callum Turner), der ein leidenschaftlicher Rosenliebhaber ist und seine Gesprächspartner gerne mit ausgedachten Sprichwörtern verblüfft – je martialischer, desto besser. Ed ist ein Spross der Taylors, einer wohlhabenden US-Familie, die sich vor einigen Jahren in Spanien niedergelassen hat. Neben seinen zwei jüngeren Geschwistern Anna (Riley Keough) und Robert (Lukas Gage) gehören zu dem Clan noch sein großer Bruder Jack (Jamie Bell) und der Vater (Tracy Letts). Die Mutter ist tot. Angeblich wurde sie von einem Wolfsrudel zerfleischt. Der Vater ist seither blind. Wie das eine mit dem anderen zusammenhängt, bleibt unklar.

Einmal monatlich pilgert die Familie in das Waldstück, in dem die Mutter ums Leben gekommen sein soll, um der Toten ein Lammopfer darzubringen. Das Ritual endet damit, dass sich Wölfe über den Tierkadaver hermachen. Auch sonst haben die Taylors ein Faible für dekadente Routinen. Am liebsten hängen sie gelangweilt im Salon der elterlichen Villa herum, machen sich gegenseitig Komplimente für ihre neuesten Shopping-Erfolge (Bottega Veneta!) oder spekulieren über die sexuellen Vorlieben des gebrechlichen (aber um keine obszöne Gemeinheit verlegenen) Vaters. Ein müßiges, symbiotisches Dasein zu fünft, das endlos so weitergehen könnte – wäre da nicht Jacks neue Freundin Martha (Elle Fanning), die das Familienidyll empfindlich zu stören droht.

Launige Hochglanzgroteske

Drehbuchautor Efthimis Filippou, der vor allem für seine langjährige Zusammenarbeit mit Yorgos Lanthimos bekannt ist, hat sich beim Skript zu Rosebush Pruning von Marco Bellocchios I pugni in tasca (1965) inspirieren lassen. Die Parallelen zur Vorlage sind nicht zu übersehen. Von der intimen, fünfköpfigen Kernfamilienkonstellation bis zu den morbiden Schlüsselmotiven (Blindheit, Inzest, Epilepsie) baut der Film auf Elementen des Klassikers auf. Von einer werktreuen Hommage ist er jedoch weit entfernt. Aïnouz hat aus Bellocchios abgründigem Drama über das Ende einer dysfunktionalen Mittelschichtsfamilie eine launige Hochglanzgroteske gemacht. Dagegen wäre an sich nichts einzuwenden, hätte der Film außer den erwartbaren, stylisch inszenierten Schock- und Horrormomenten (Kamera: Hélène Louvart) auch eine interessante Geschichte zu bieten.

Es mangelt nicht an Potenzial. Der Cast,, der u. a. mit einer großartig verpeilt spielenden Pamela Anderson in einer (überraschenden) Nebenrolle aufwartet, ist exzellent zusammengestellt. Auch dramaturgisch funktioniert Rosebush Pruning vor allem im ersten Drittel erstaunlich gut. Vereinzelt gelingen Aïnouz meisterhaft konstruierte Szenen, die einen tiefen Einblick in die verkorksten Sozialdynamiken seiner Figuren liefern – etwa, wenn Jack eines Tages beschließt, Martha seiner Familie vorzustellen. Beim gemeinsamen Kennenlern-Dinner bittet der blinde Hausherr die Anwesenden um eine detaillierte Beschreibung von Marthas Äußerem, wobei er sich auch nach der Größe ihres „Busens“ erkundigt. Martha bemüht sich redlich, die Attacke wegzulächeln, kann ihr Entsetzen aber nicht verbergen. Die Darsteller*innen, allen voran Fanning, glänzen in der Szene durchweg mit hochpräzisen Performances.

Kurz darauf hängt der Haussegen bei den Taylors endgültig schief. Anna, Robert und Ed tun alles, um Jacks Liebesglück zu durchkreuzen. Ed stellt seinem großen Bruder heimlich nach. Robert, der davon träumt, mit Jack durchzubrennen, will endlich dessen Herz erobern und lässt sich von Anna zu immer halsbrecherischeren Verführungsmanövern anstiften. Richten sich die angestauten geschwisterlichen Aggressionen anfangs noch exklusiv gegen Jack, so weiten sie sich bald ungebremst auf die gesamte Familie aus. Ein Intrigenspiel von infernalischen Ausmaßen entspinnt sich, das wenig überraschend in einem Gemetzel gipfelt.

Reichtum essen Familie auf

Ein Oligarchen-Clan, der blutig an seiner eigenen Dekadenz zugrunde geht – natürlich liegt Rosebush Pruning mit seinem Thema im Trend. Derb-nihilistische Eat-the-Rich-Satiren haben im Kino und auf Streaming-Plattformen seit Jahren Konjunktur. Viel Neues hat der Film zu diesem Trend leider nicht beizutragen. Er beginnt und endet mit einem Gemeinplatz: Reiche haben keine Moral, dafür aber diverse bizarre Kinks, vor denen am Ende auch der eigene Anhang nicht sicher ist. Das mag oft stimmen, ist als Stoff für eine Sozialsatire, die mehr als routinierter Arthouse-Klamauk sein will, aber eher dürftig.

Eine andere Sprichwortneuschöpfung von Ed, die wir eingangs in Rosebush Pruning hören, lautet: „Banane fällt runter – egal; Melone fällt runter – alles ist vorbei”, was wohl ausdrücken soll, dass manche Dinge entbehrlicher sind als andere. Ob Aïnouz’ Film eine Banane ist, sei dahingestellt. Eine Melone ist er sicher nicht.

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