Euphoria – Kritik

Fliegende Kamera, fulminante Musik, messerscharfe Dialoge und Cate Blanchett als diabolischer Tiger: Julian Rosefeldt zelebriert in seinem zweiten Spielfilm Euphoria Kapitalismuskritik als elegante, dystopisch-surreale Filmoper.

Es beginnt mit einer Vogelperspektive auf Manhattan bei Nacht. Ruhig schwebt die Drohnenkamera über monumentale Hochhausgebirge. Tief unten in den beleuchteten Schluchten ziehen Autos ihre Bahnen, winzig klein wie im Miniaturwunderland. Schließlich gleitet das göttliche Kameraauge herunter auf die Erde, fixiert eines der gelben Taxis und – Schnitt – schon sind wir drin im Cab, und mittendrin in einer schwindelerregenden Geschichte über Gier, Geld und Macht. Der Fahrer hat gerade einen schweigsamen Geschäftsmann aufgelesen, der zu später Stunde noch zum Brooklyn Navy Yard gebracht werden will. Eine verrufene Gegend, meint der Cabbie, und bemüht sich redlich, den mysteriösen Passagier in ein Gespräch zu verwickeln.

Er spricht über seine Arbeit, das fehlende Geld, ungerecht verteilten Reichtum, die Kehrseite des Kapitalismus, während er durch immer heruntergekommenere Viertel steuert, wo sich Obdachlose um brennende Mülltonnen scharen und Einbrecher verrammelte Ladentüren mit Molotowcocktails aufsprengen. Später werden wir an der Feuertonne von vier hitzig diskutierenden Hafenarbeitern landen und dann dem abgehackten Singsang der Fließbandarbeiterinnen eines Onlinehandelsgiganten lauschen.

Dystopisch-knisternde Stimmung, unwiderstehliche Allmacht

Die dystopisch-knisternde Stimmung in Euphoria erinnert an Filme wie Blade Runner oder Letzte Ausfahrt Brooklyn. Doch warum galoppieren da plötzlich Pferde durch die vereiste Großstadt? Was hat eine Schafherde auf den Stufen der New Yorker Börse verloren? Und was macht die bulgarische Blaskapelle in der Bank? Für seinen zweiten Spielfilm hat sich Julian Rosefeldt die Geschichte des Kapitalismus vorgenommen, und dafür mal düstere, mal theatralisch-absurde Bilder geschaffen. In fünf spektakulär inszenierten, lose mit einander verbundenen Episoden greift der Berliner Filmkünstler gängige Diskurse auf – etwa warum der Kapitalismus bis heute alternativlos scheint und selbst für diejenigen, die seine zerstörerische Allmacht erkennen, weiterhin so verführerisch und unwiderstehlich bleibt.

Wie in seinem ersten Kinofilm Manifesto, in dem Cate Blanchett in verschiedenen Rollen und faszinierender Wandelbarkeit revolutionäre Manifeste rezitiert, greift Rosefeldt auch diesmal beim Drehbuch auf vorhandenes Material zurück. Sämtliche Dialoge in Euphoria sind aus Texten berühmter Schriftsteller:innen, Philosoph:innen, Ökonom:innen, Dichter:innen und Musiker:innen kollagiert. Da treffen Zitate von Sophokles und Platon auf Passagen von Karl Marx und Michel Houellebecq, und Martin Luthers feurige Reformationsgedanken auf saloppe Kapitalismuskritik von Snoop Dogg, Cardi B. und bell hooks.

Luther und Blanchett im Körper eines Tigers

Klingt konzeptuell herausfordernd, funktioniert im Film aber überraschend gut, auch weil Rosefeldt für sein ambitioniertes Projekt wieder gute Schauspieler:innen gewinnen konnte, die die papierenen Thesen in lebendige Sprache verwandeln. Giancarlo Esposito, bestens bekannt als janusköpfiger Drogenbaron aus Breaking Bad, ist auch hier in einer Doppelrolle besetzt. Er spielt einmal den kauzigen Taxifahrer mit der Fellmütze, der monologisierend durch New Yorks dunkle Avenues kreuzt, und gleichzeitig auch den unheimlichen Fahrgast auf der Rückbank. Filmkenner werden in der Szene zudem eine schöne Hommage an Jim Jarmusch und dessen Episodenfilm Night on Earth erkennen, in dem Esposito als weltkluger Cab Driver einen ähnlichen Part spielte.

Auch Cate Blanchett ist wieder dabei. Zumindest ihre unverwechselbare Stimme. Die leiht sie diesmal einem diabolischen Tiger – eine ziemlich lebensecht wirkende CGI-Animation –, der philosophierend durch einen Supermarkt schleicht und dabei aus Luthers zornigen Schriften aus dem 16. Jahrhundert zitiert. Die klingen im Englischen übrigens viel zeitgenössischer als das deutsche Original: „I am the king of the earth. I strut about in falsehood, envy, covetousness, deception and murder as my bodyguard…“ (Ich bin der König auf Erden. Ich trete einher in Falschheit, Neid, Betrug und Mord als mein Trabant… Die Quellentexte werden im Film leider nicht eigens genannt, sondern müssen bei Interesse selbst ergoogelt werden.)

Taschenspieler, Trickverbrecher, Geldverbrenner

Die ungewöhnlichen Drehorte – New Yorks ruinöse Kehrseiten des Kapitalismus wurden größtenteils in Kiew und Sofia nachgestellt –, spektakuläre Choreografien und der treibende Schlagzeug-Sound verleihen dem Film echte Sogwirkung. Höhepunkt der Handlung ist die aberwitzige Szene in einer Bank. In der kathedralenartigen Schalterhalle stehen die Leute Schlange, während schmierige Bankangestellte Taschenspielertricks vollführen, feixend Geld verbrennen und sich immer mehr verbiegen, bis schließlich alle in einen hypnotisch-rauschhaften Massentanz verfallen. Solche teils slapstickartige, minutiös einstudierte Tanz- und Akrobatiknummern gehören zu Rosefeldts visuellem Repertoire, und verweisen spielerisch auf die komödiantischen Ursprünge des Kinos.

Als Outtake findet man die Bank-Szene schon länger im Netz. Rosefeldt hat sie als Trailer für das Projekt verbreitet. Euphoria war ähnlich wie Manifesto zunächst als 24-Kanal-Filminstallation konzipiert, hatte seine Premiere 2022 auf der Ruhrtriennale und war später in Kunstfestivals in New York, Melbourne und Amsterdam zu sehen. Die neue Kinofassung wurde Anfang Mai beim Berliner Gallery Weekend im Kino International gezeigt, kommt aber erst im Herbst in die Kinos. Wer bis dahin schon mal ein bisschen tiefer in Rosefeldts Werk eintauchen will, sollte unbedingt seine Ausstellung „Gone Astray“ in der Galerie Philippe Bober besuchen. Dort hat der Künstler in malerisch-apokalyptischen Räumen eine Mini-Retrospektive mit Film- und Fotoarbeiten aus den letzten 30 Jahren eingerichtet. Darunter auch Detonation Deutschland (1996), eine Arbeit zur „Vergangenheitsbewältigung“ mit Archivaufnahmen von Gebäudesprengungen in Deutschland, seine Triology of Failure (2004-2005) und sein von Luis Bunūels Surrealismus-Klassiker L’Âge d’Or inspirierter Schwarz-Weiß-Film Deep Gold (2013/2014). Auch besagter Tiger hat dort schon einen Auftritt.

Die Ausstellung "Gone Astray" ist noch bis 30. Mai in der Berliner Galerie Philippe Bober zu sehen. 

Zur Website von Julian Rosefeldt. 

Bilder: © Julian Rosefeldt, VG Bild-Kunst Bonn, 2026

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