Was an Empfindsamkeit bleibt – Kritik

Als würde sie sich selbst wieder zusammensetzen: Daniela Magnani-Hüller hat einen Film über einen versuchten Femizid gedreht, dessen Opfer sie einst fast selbst geworden wäre. Was an Empfindsamkeit bleibt kommt ganz ohne Erbaulichkeiten aus.

Filmschnipsel zu Beginn: eine Achterbahnfahrt, Anähnelung an Super-8-Aufnahmen. Ein Bild, das sich zusammensetzt, es wird nie vollständig sein. Es ist das Bild eines Falls, in dessen Zentrum die Frau steht, die diesen Film gemacht hat, Daniela Magnani-Hüller. Sie erzählt ihre Geschichte, sie spricht dabei mit eigener Stimme, sie nimmt die Rekonstruktion selbst in die Hand. Hüller ist nun dreißig Jahre alt, was geschehen ist, liegt vierzehn Jahre zurück. Geschehen ist dies: Ein “verliebter” Mitschüler hat sie damals belästigt, gestalkt, bedroht, zuletzt auf der Straße mit einem Messer attackiert. Passanten haben nicht reagiert. Sie hat überlebt, aber es hätte anders ausgehen können.

Keine Geborgenheit

Hüller hat Fragen. Sie stellt sie Menschen, die damals mit der Sache zu tun hatten. Einer Kommissarin, einer Lehrerin, einer Mitschülerin, einem Arzt, einem Juristen. Es sind nicht talking heads, die man sieht, sondern sitting bodies. Hüller selbst ist mit im Bild, sitzend, meist auf Stühlen, einmal am Ufer der Isar, aber man sieht von ihr nur den Rücken, frontal sieht man dagegen die Gesprächspartner*innen. Sie sitzen in offenen und geschlossenen Räumen, im Freien, wie man so sagt, aber es sind Räume, die keine Geborgenheit geben. Nur sehr zögerlich bringt Hüller im Zuge der Rekonstruktion auch ihr Gesicht mit ins Bild, als müsste sie sich selbst nach und nach erst wieder zusammensetzen.

Dies ist zu erfahren: Der Mitschüler hat während des Unterrichts Hüller immerzu angestarrt. Sie malt den Klassenraum auf mit den Sitzpositionen. Die Klasse hat versucht, das Starren zu unterbinden, es ist nicht gelungen. Weil er Bedrohungen aussprach, haben ihn Hüllers Eltern angezeigt. Die Eltern bleiben in der Rekonstruktion ganz außen vor. Auch über den Täter erfährt man wenig bis nichts. Eine Lehrerin, die sich erinnert, die Sache sei im Lehrerzimmer kein Thema gewesen, wurde von ihm als Vertrauensperson angesprochen. Was auch immer wer auch immer unternommen hat, Hüller zu helfen: Es hat den versuchten Femizid nicht verhindert.

Freier Wille und Verantwortlichkeit

Ein Kriminalkommissar hat Hüller beim Erwachen im Krankenhaus gesagt, sie dürfe das Vertrauen in die Menschen nicht verlieren. Sie ist ihm dankbar, ein Gespräch nicht mehr möglich, da er im Ruhestand ist und mit den Dingen aus seinem Beruf nichts mehr zu tun haben will. Später fragt sie den Mann von der Justiz, der Tag für Tag mit Verbrechen befasst ist: Glauben Sie noch an das Gute im Menschen? Seine Antwort ist interessant. Er zögert und erklärt, er sei da grundsätzlich skeptisch, glaube aber, seit er Tag für Tag mit Verbrechen konfrontiert ist, eher mehr daran als zuvor. Und er glaube auch an freien Willen und Verantwortlichkeit.

Die Frage nach dem Vertrauen in die Menschen rührt an einen Punkt, den der Film umkreist: Wie kann man weiterleben, wenn die Gewalt einmal so brutal in die Räume des Alltags hineingebrochen ist. Wenn man erlebt hat, dass nichts einen schützt. Schlimmer als die Tat, sagt Hüller einmal, sei die Begegnung mit den Passanten gewesen, die ihr, der Schwerverletzten, damals nicht halfen. Und schlimm ist, worauf der Film am Ende hinausläuft. Hüller bekommt eine anonyme Nachricht, womöglich vom Täter. Sie sucht Schutz bei den Institutionen, sie spielt die Gespräche, die sie dabei führt, nach mit Puppen und Spielzeug. Die Institutionen weisen sie mehr oder weniger ab. Das Recht ist dafür gemacht, vollzogene Taten zu bestrafen. Es bietet wenig Handhabe zu wirksamer Prävention.

Ein anderer Ton in der Sache

Das ist der eine Punkt, auf den die Bewegung des Films zuläuft. Er ist Rekonstruktion, Aufarbeitung, Verweigerung des Verdrängens, Hüller bringt das Intime, die Traumatisierung, in Form dieses Films an die Öffentlichkeit. Nicht als Anklage, so sehr manches, das man erfährt, einen - eher hilflos als empört - den Kopf schütteln lässt. Vielleicht als Versuch des Opfers, die Tat, in deren Moment jede eigene agency verunmöglicht war, in eine Perspektive zu rücken, die eine Form der Bearbeitung aus der Subjektposition möglich macht.

Der Film vollzieht aber noch andere Bewegungen, dafür stehen die Homevideo-Bilder. Hüller kehrt zurück nach Rio de Janeiro, wo sie nach der Schule ein Jahr verbrachte. Portugiesische Songs haben schon zuvor einen anderen Ton in die Sache gebracht. Das Leben nach der Tat, die aus diesem Leben niemals verschwinden wird, hat andere Seiten. Hüller kann dem Ereignis, das sie für den Film frontal konfrontiert, in anderen Momenten den Rücken zuwenden. Was an Empfindsamkeit bleibt erzählt nicht zuletzt, und ganz und gar ohne Erbaulichkeiten, von der Rückeroberung von Freiheitsräumen.

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