Pillion – Kritik
Alexander Skarsgård als hünenhafter Biker, von dem man sich gerne die Kette um den Hals legen lässt: Harry Lightons Pillion ist in seiner Darstellung einer SM-Beziehung um Authentizität bemüht und hat ein gutes Gespür für seine brüchigen Figuren. Nur dem Genuss der Knechtschaft kann er sich nicht so ganz hingeben.

Als Colin (Harry Melling) nach endlosen Bitten seiner Eltern endlich seinen geheimnisvollen neuen Freund zum Mittagessen mitbringt, lässt die Eskalation nicht lange auf sich warten. Der schweigsame, hünenhafte Biker Ray (Alexander Skarsgård) hält sich nicht nur bezüglich seiner Vergangenheit und seines Broterwerbs konsequent bedeckt, er legt im Umgang mit seinem Partner auch einen ungewöhnlich forschen Ton an den Tag. Besonders Colins vom Krebs schwer gezeichnete Mutter (Lesley Sharp), die für ihr Kind nur das Beste will, stößt sich an dieser mangelnden Wertschätzung. Ray legt ihr jedoch nahe, ihr Problem sei lediglich, dass das Glück ihres Sohnes unvereinbar mit ihren romantischen bürgerlichen Vorstellungen ist.
Denn Colins Glück, so meint man zumindest eine Weile, besteht in der Unterwerfung. Er kocht und putzt für Ray, bekommt eine Kette um den Hals, muss wie ein Hund auf dem Boden schlafen und wird gelegentlich hart durchgefickt, ohne dabei jemals einen Kuss oder eine andere zärtliche Geste zu bekommen. Bereits als sich die beiden Männer zum ersten Mal in einer dunklen Gasse treffen, steht die Rollenverteilung fest: Der schüchterne und etwas ungeschickte Ordnungsamtsmitarbeiter soll dem dominanten Biker die Stiefel lecken, bevor er beim Blowjob mehr schlecht als recht gegen seinen Würgereiz ankämpft. Auf Rays emotionslose Reaktion nach dem Kommen versichert Colin, er könne sicher noch dazulernen und würde gerne mit dem Fremden trainieren.
Um Authentizität, aber auch um Vermittlung bemüht

Harry Lightons Debütfilm Pillion widmet sich also einer Beziehung, deren Vollendung gerade nicht darin besteht, auf Augenhöhe stattzufinden. Die Mutter hat in Pillion zwar nur eine kleine Rolle, übernimmt für den Film aber zwei entscheidende Funktionen: Zum einen demonstriert sie durch ihr liebevolles Wesen und ihren zwanglosen Umgang mit der Homosexualität ihres Sohnes, dass kein familiäres Trauma schuld an Colins Hang zublindem Gehorsam ist. Zum anderen dient sie als Stellvertreterin für jene Zuschauer, die der SM-Dynamik mit ähnlicher Skepsis begegnen.
Lighton ist in seinem Film um Authentizität, aber auch um Vermittlung bemüht. Er scheut das Anstößige nicht, zeigt Sexpraktiken, die manche erniedrigend finden mögen, und stattet Skarsgård mit praller Pimmel-Prothese inklusive Prinz-Albert-Piercing aus. Zugleich dämpft Pillion sein kontroverses Potenzial mit den Mitteln der Komik. Meist ist es der in seiner untertänigen Rolle zunächst noch unbedarfte Colin, der die Absurdität der Machtspiele betont, wodurch der Film auf ein Lachen des Publikums abzielt, mit dem sich die Anspannung in Erleichterung auflöst.
Am Rande porträtiert Pillion auch Rays queere Biker-Gang als liebevolle Truppe Gleichgesinnter, die beweist, dass man abartig und warmherzig sein kann. Überhaupt ist Lightons Blick auf seine Figuren um Realismus und Sanftheit bemüht. Selbst Ray, über den wir kaum etwas erfahren, wirkt mit seinen traurigen Augen und seiner unverbindlichen Autorität nahbar und verletzlich. Nie kommt man auf die Idee, Colin wäre in die Hände eines bedrohlichen Sadisten geraten und könne dessen Wohnung nicht jederzeit wieder verlassen. Seine Unterwerfung ist eher psychologischer Natur und explizit selbstgewählt.
Über der Sinnlichkeit liegt ein trister Kitchen-Sink-Schleier

Und doch stellt man sich als Zuschauer mitunter die Frage, inwiefern Colin eigentlich von dieser Beziehung profitiert. Alles, was er tut, wirkt lediglich wie ein selbstloses Opfer und ein gieriges Verlangen nach Rays Aufmerksamkeit. Nie bekommt man wirklich das Gefühl, er würde durch die ständigen Erniedrigungen Lust empfinden. Das glückselige Gesicht, mit dem er seinen Freund während eines Outdoor-Gangbangs anblickt, scheint er nicht wegen dem Sex zu haben, sondern weil Ray ihn zuvor mehrmals zugunsten anderer Männer ignoriert hat. Es entsteht der Eindruck, dass die SM-Ästhetik letztlich nur Staffage ist für eine toxische Beziehung, bei der ein von Minderwertigkeitskomplexen geplagter Typ, der einen gutaussehenden Mann wie seinen Freund nicht verdient zu haben glaubt und sich im Grunde nur nach Romantik sehnt, auf einen Kerl trifft, der ein offensichtlich tiefsitzendes psychisches Problem mit Nähe hat. Was im Film sinnlich sein könnte, wird konsequent von einem tristen Kitchen-Sink-Schleier niedergedrückt.
Teilweise ist diese Deutung vom Film auch beabsichtigt. Der Titel bezieht sich auf den Beifahrer eines Motorrads und Pillion erzählt letztlich eine Selbstermächtigungsgeschichte, bei der Colin metaphorisch an den Lenker rückt. Die Normalität, wie sie sich seine Mutter vorstellt, kann bei dieser Entwicklung keine Lösung sein. Auch wenn sich der Film kurzzeitig in eine herkömmliche RomCom verwandelt, wird schnell klar, dass es sich hier um eine Sackgasse handelt. Statt romantischem Liebesglück sucht Colin letztlich doch eine auf Ungleichheit beruhende Beziehung, nur eben nach selbst gesetzten Regeln. Allerdings gelingt es dem Film auch nach dieser Selbstbefreiung nicht so recht, Colins Genuss an der Knechtschaft zu vermitteln.
Vielleicht sind solche Bedenken auch ein wenig kleinlich, weil Pillion nicht nur ein gutes Gespür für seine brüchigen, nie ganz auserklärten Figuren hat, sondern auch die Taktik des ständigen Zurückweisens mitunter sehr effektiv zu nutzen weiß. Wenn man immer ohne Decke auf dem Boden schlafen muss, wird es naturgemäß zum Spektakel, wenn man sich mal zum Meister ins Bett kuscheln darf. Und wer die ganze Zeit abschätzig behandelt wird, kann selbst die banalste und kühlste Zuwendung noch als pures Glück empfinden. Den Reiz einer solchen SM-Dynamik macht der Film also durchaus spürbar: Zwangsverordnete Askese lässt die kleinen Dinge funkeln.
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