Kleine Freiheit – Kritik
Kleine Freiheiten im unfreien Leben: Yüksel Yavuz’ Film von 2003 über die Freundschaft zweier in Hamburg gestrandeter Jungs ohne Papiere kommt noch einmal neu restauriert ins Kino. Ein echter Glücksfall.

Der Käptn sitzt mitsamt seiner echten Kapitänsmütze auf einer Bank mitten in St. Pauli, man sieht ihn überhaupt nirgendwo sonst, er scheint dort zu leben, und es ist nur konsequent, dass er auf dieser Bank irgendwann einfach umfallen wird, wenn alles den Bach runtergeht. Ein echtes Hamburger Unikat, spricht er von der Seefahrt, zählt die Länder auf, die er bereist hat, und als er einmal mit der Vermutung konfrontiert wird, er habe ja in jedem dieser Länder sicher mindestens eine Frau gehabt, winkt er teilweise ab: „Naja Frauen… jedenfalls bin ich auf meine Kosten gekommen.“
Migrantisches Hamburg

Der Käptn ist – sehen wir mal von der Staatsgewalt ab, die in diesem Film über zwei Jugendliche ohne Papiere in Deutschland notwendig- und tragischerweise eine zentrale Rolle einnimmt – der einzige Vertreter der weißen Mehrheitsgesellschaft. Ansonsten ist das Hamburg von Yüksel Yavuz’ Kleine Freiheit ein dezidiert migrantisches. Im Zentrum die beiden Protagonisten, die sich über den Käptn kennenlernen, weil man den Käptn wohl einfach kennt; Baran (Cagdas Bozkurt) ist aus Kurdistan geflohen, beide seine Eltern sind dem bewaffneten Konflikt in der Heimat zum Opfer gefallen sind. Er arbeitet im Dönerimbiss eines Onkels, sein Asylantrag ist kürzlich abgelehnt worden. Chernor (Leroy Delmar) ist schon illegal nach Deutschland eingereist und dealt nebenbei auf dem Kiez mit Drogen, um sich irgendwann den Traum zu erfüllen, nach Australien auszuwandern. Dass wir nicht erfahren, aus welchem afrikanischen Land er eigentlich kommt, mutet merkwürdig an, sobald man eine Kritik über den Film schreibt, im Film selbst scheint es konsequent: Sein neuer Freund Baran fragt nie danach, und es ist dann eben doch vor allem seine Geschichte, die der Film erzählt.
Die dürfte sich viel aus eigenen Erinnerungen und Erfahrungen speisen: Der kurdische Filmemacher Yüksel Yavuz ist ebenfalls mit 16 nach Deutschland gekommen, sein Vater jedoch lebte da noch und wurde zum Thema eines ersten Dokumentarfilms, der wiederum vor ein paar Jahren im Rahmen der Berlinale-Reihe Fiktionsbescheinigung wiederentdeckt wurde: Mein Vater, der Gastarbeiter (1995). Wie dieser Vater sollte Yavuz eigentlich auch beim Schiffbau in Hamburg arbeiten, wird aber schnell entlassen, nachdem er einen Streik angezettelt hat, beginnt daraufhin ein Studium, das er sich durchs Dolmetschen bei Asylverfahren finanziert. Wahrscheinlich hat er dabei auch Leute wie Baran und Chernor kennengelernt.
Entrückte Momente der Romantik

Dass nun auch Yavuz’ zweiter und letzter Spielfilm kürzlich restauriert wurde und vom Hamburger Verleih déjà-vu noch einmal in die Kinos gebracht wird, ist ein kleiner Glücksfall. Kleine Freiheit ist weder handwerklich noch schauspielerisch perfekt, aber von einer ansteckenden Dringlichkeit und Aufrichtigkeit durchzogen. Zudem ist er auf eine unprätentiöse Weise schön gefilmt: Patrick Orths Kamera hält sich in der Regel zurück, ordnet sich den Bewegungen der Figuren durch ein Hamburg unter, das immer als ein persönliches, als ein minoritäres gekennzeichnet ist. Aber sie schenkt diesen Figuren auch immer wieder leicht entrückte Momente an romantischen Orten: Baran und Chernor auf Steinen am Meer, im Hintergrund die großen Schiffe, später in einer Achterbahn auf dem Jahrmarkt und in der Enge eines Fotoautomaten. Dort wechselt der Film für den Moment des Auslösers in ein schwarz-weißes Negativ, und die beiden werden kurz zu monochromen Abstraktionen, zwei Körper in Freundschaft, ihre Identität nicht auszumachen von denen, die sie nicht hierhaben wollen.
Diese Freundschaft wird im Laufe der Erzählung, an der als Ko-Autor auch Henner Winckler beteiligt war, immer inniger, zärtlicher, bis hin zu einer Szene angedeuteter Sexualität, die aber niemals zum Thema des Films wird. Überhaupt ist es schön, wie dieser Film den Drogen dealenden Geflüchteten und den Waisen, der sich bald eine Knarre besorgt, weil er auf den Mann trifft, der wohlmöglich seine Eltern verraten hat, nicht als coole Bros inszeniert, sondern als zarte, zurückgenommene Wesen. Nach der intimen Begegnung sehen wir, wie so häufig in diesem Film, Baran auf seinem Fahrrad, im Gesicht spielt sich eine ganze Welt widersprüchlicher Gefühle ab, viel Glück und viel Sorge, durch Jump Cuts voneinander getrennt. Doch auch hier, kaum merklich, eine Polizeistation im Hintergrund.
Ein verhängnisvoller Kameraschwenk

Denn schon ohne die queere Ebene, die der Film mit den Andeutungen des Käptns kaum merklich vorbereitet und dann ebenso leise einzogen hat, leben Baran und Chernor in einem closet, aus dem herauszukommen das Ende ihres Hamburger Lebens bedeuten kann. Und die Staatsmacht, so viel Pessimismus muss sein, bekommt eben auch noch ihren Auftritt. Die Kamera, die Baran und Chernor auf einer Bank sitzend von vorn im Blick hat und die beiden Cops zunächst nur als Hintergrund wahrnimmt, schwenkt wie von Gerichts wegen angeordnet um 180 Grad, sobald die Polizisten auf den Schwarzen und den Schwarzkopf aufmerksam werden und mal nachfragen. Und auf einmal stehen sie machtvoll im Bild, während Baran und Chernor nur noch zwei anonyme Rücken auf einer Bank sind. Da hilft nur weglaufen.
So beginnt ein Showdown, der in einigen Rezensionen als Schwäche des Films ausgemacht wurde, in seinem Verlauf aber fast zwingend erscheint: Das genrehafte Ende ist weniger eine smart konstruierte Filmidee denn notwendige Folge der dargestellten existenziellen Situation. Weder die Flucht nach Australien noch die Rache am Eltern-Verräter sind wirkliche Optionen, der Käptn ist längst auf seiner Bank verreckt, die kleine Freiheit wird von der großen geschluckt, aber man wehrt sich eben bis zum Schluss.
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