In the Hand of Dante – Kritik

Neu auf Netflix: Eitelkeit ohne Wagemut: Julian Schnabels In the Hand of Dante möchte einen literarischen Überklassiker mit den Mitteln des Lowbrow-Genrefilms bearbeiten – und verhebt sich dabei gewaltig.

Auch wenn der Film ein kollaboratives Medium ist – selten ist jemand gleichzeitig RegisseurIn, ProduzentIn, Kameramann/-frau und DrehbuchautorIn, und auch gerade die vermeintlich kleineren Aufgaben wie Location Scouting, Casting oder Lighting können meist nur im Team ausgeführt werden –, kann es produktiv sein, spezifische Filme als Vision einer Person zu betrachten. Oftmals offenbart sich dabei der Größenwahn, den RegisseurInnen an den Tag legen. Filme wie Orson Welles' Citizen Kane, Michael Ciminos Heaven's Gate oder auch Francis Ford Coppolas Megalopolis sind durchzogen von einem Solipsismus, der konträr zur kollaborativen Tätigkeit des Filmemachens steht. Dass diese Filme trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – interessante Aspekte aufweisen, ist unbestritten. Doch manchmal wird man mit einem Vanity-Project konfrontiert, das einen völlig fassungslos zurücklässt. Julian Schnabels In the Hand of Dante ist ein solches.

Reise ins Herz der Finsternis

Der Film, basierend auf Nick Tosches‘ gleichnamigem Roman, erzählt in 150 Minuten, wie der Protagonist – ebenfalls Nick Tosches (Oscar Isaac) genannt und als ausgewiesener Dante-Alighieri-Experte geltend – für die Ostküsten-Mafia das Originalmanuskript der Göttlichen Komödie stiehlt und auf seine Echtheit überprüft. Soweit so gut. Parallel dazu zeigt der Film Szenen aus dem Leben Dante Alighieris, der ebenfalls von Isaac gespielt wird und auf der Suche nach Inspiration ist, um seine Göttliche Komödie endlich fertigstellen zu können. Während die Gegenwart in Schwarz-Weiß gefilmt ist, sind die Dante-Szenen in prächtigen Farben gedreht. Der binäre Materialismus der Gegenwart – es gibt nur Schwarz oder Weiß, die Kunst wird kommodifiziert – wird im Film durch platten Symbolismus der kunstvollen Vergangenheit gegenübergestellt.

Die interessante Frage nach Echtheit und Fälschung, die letztlich eine nach dem Wert von Kunst überhaupt ist, traut sich der Film nicht zu stellen. Dabei wäre mit diesem Stoff durchaus mehr zu holen als eine plakative Opposition. Der in der Theorie spannende Kern des Films ist die Verknüpfung von kanonisierter Highbrow-Literatur mit einem vermeintlichen Lowbrow-Genrefilm; die Konfrontation eines literarischen Klassikers in Form der Göttlichen Komödie mit dem „verruchten“ Genre des Gangsterfilms – zwei Register die sich tatsächlich berühren und einander nicht ausschließen. Der Gangsterfilm ist eine Reise ins Herz der Finsternis, bestehend aus Gewalt, Verrat und Verdammnis; eine Reise, die auch Dante in seinem Werk unternimmt. Eine ernst gemeinte Gegenüberstellung könnte gerade darin ihren Reiz entfalten: zu zeigen, dass die Hierarchie von hoch und niedrig eine Konstruktion ist.

Nur Gerald Butler trifft das Absurditätslevel

Dem heutzutage grassierenden Zynismus, der sich vor allem im Hollywoodfilm durch das ironische Brechen jeglicher Emotionalität manifestiert, muss man mit Ernsthaftigkeit (auf Englisch: sincerity) gegenübertreten. Doch In the Hand of Dante zeigt, dass Ernsthaftigkeit nicht einfach behauptet werden kann. Die Dialoge zwischen Nick/Dante und seiner Geliebten Giulietta/Gemma – hölzern und leblos von Gal Gadot verkörpert – suggerieren eine Fallhöhe und ein Melodrama, die der Film nicht aufrechterhalten kann. „Hyper-Emotionalität“ schlägt in Lächerlichkeit und Oberflächlichkeit um.

Der Film lässt sich auch nicht als Kitsch und damit als Satire auf einen etablierten kulturhistorischen Kanon lesen, obwohl er (unbeabsichtigt) „trashy“ Elemente aufweist. Lediglich Gerard Butlers Performance – der als Papst Bonifatius VIII. einen der absurdesten Fake-Bärte der Filmgeschichte trägt, nur noch getoppt vom Gandalf-/Dumbledore-Bart Martin Scorseses als Dantes Mentor – entspricht in ihrer ostentativen Übertreibung dem Absurditätslevel des Films, während Isaac und Gadot sich in den lyrischen Dialogen der Lächerlichkeit preisgeben.

John Malkovich steht nicht einmal vom Schreibtisch auf

Es hapert nicht nur an den Dialogen, auch der gesamte Aufbau des Plots ist inkohärent und sprunghaft. Man merkt dem Film sein geringes Budget definitiv an. John Malkovich, der den Gangsterboss spielt, steht kein einziges Mal von seinem Schreibtisch auf. Der eigentliche Diebstahl, der schon am Anfang des Films stattfindet, ist unspektakulär in Szene gesetzt; danach geht es unter anderem um die Authentifizierung des gestohlenen Dokuments – ein Prozess, der von Anfang an wenig filmische Spannung bietet, von Schnabel jedoch völlig belanglos und uninspiriert inszeniert wird.

Mit dem Größenwahn der besseren Vanity-Projects geht eine gewisse Unverfrorenheit der KünstlerInnen einher. Es braucht einen gewissen Wagemut – dem man durchaus Respekt zollen darf –, um solche monumentalen Themen überhaupt verhandeln zu wollen. Von dieser Kühnheit ist in In the Hand of Dante nichts zu spüren.

Den Film kann man auf Netflix streamen. 

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