Blue Moon – Kritik

Von der französischen Neuen Welle ins US-amerikanische Theater: Richard Linklater erzählt in Blue Moon vom Broadway-Autoren Lorenz Hart, der am Abend der Premiere eines konkurrierenden Musicals über sein Leben nachdenkt. Ein elegantes Kummerspiel über Partnerschaften aller Art.

Richard Linklater hat sich mit seinen letzten beiden Filmen, Nouvelle Vague und Blue Moon (beide 2025), ausgewählten Stücken Vergangenheit aus jeweils unterschiedlicher Perspektive angenähert. Wo Nouvelle Vague am Beispiel von Jean-Luc Godards Ausser Atem die befreiende Kreativität einer Gruppe von freudig miteinander arbeitenden Filmschaffenden zelebrierte, widmet sich Blue Moon dem Wirken und Leben eines einzelnen Künstlers: dem US-amerikanischen Broadway-Textschreiber Lorenz Hart. Der Fokus ist diesmal so eng gesetzt, dass der Film nur eine Nacht lang, während und nach der Premiere des Musicals Oklahoma! am 31. März, 1943, Hart dabei zuschaut, wie er in einer Bar über sein Leben, die Liebe und die Kunst redet.

Kreative Differenzen

Linklater wählt auch in Blue Moon eine rein beobachtende Perspektive, die interessiert auf eine überhöhte Version einer Vergangenheit blickt, ohne sie überschwänglich zu romantisieren oder in nostalgische Farben zu tauchen. Für die Sentimentalität sorgt Hart selbst, der sich im Gespräch mit seinem treuen Freund und Barkeeper Eddie (Bobby Cannavale) über die schmonzettenartige Rührseligkeit und den anbiedernden Pathos von Oklahoma! beschwert. Seine Gefühle rühren daher, dass die Musik für das Stück von seinem langjährigen, kreativen Partner Richard Rodgers (ein herrlich bedrängter Andrew Scott) geschrieben wurde, mit dem er, nach zahlreichen vergangenen Erfolgen, seit Längerem nicht mehr gearbeitet hat. Rodgers’ neue Arbeit wird jedoch bereits von der Kritik gefeiert, während Harts neues Stück kaum einen Eindruck hinterlassen zu haben scheint. Der 47-jährige Autor gibt zu, dass der Erfolg des Jüngeren ihn kränkt, auch wenn er sich gleichzeitig für ihn freut. Die folgende Wiederbegegnung mit Rodgers ist denn auch ein Fremdscham verursachendes Aneinander-vorbei-reden, begleitet von der Erkenntnis, dass sich die Vorlieben der beiden Künstler voneinander wegentwickelt haben.

Wenn Blue Moon in dieser Hinsicht den tragischen Abgesang auf eine kreative Partnerschaft inszeniert, ist hinter der Kamera eine gegenläufige Bewegung auszumachen. Schließlich kultiviert Richard Linklater mit Ethan Hawke eine künstlerische Zusammenarbeit, die die Jahre überdauert. Nach Filmen wie der Before-Trilogie (1995, 2004 und 2013), Waking Life (2001) und Boyhood (2014) liegt mit Blue Moon ein weiterer Beitrag eines eingespielten Duos vor. Scheinbar ist nur Linklater dazu in der Lage, Hawke schauspielerisch zu neuen Risiken zu animieren. Diesmal liefert der Schauspieler eine überspitzte Theater-Performance ab, stülpt sich das Gesicht einer vor sich hin fabulierenden Karnevalsgestalt über, deren Theatralik eine ihrer essenziellen Eigenschaften ist. In mal ausschweifenden, mal unterkühlten Gesten brechen Anekdoten, Beobachtungen und Meinungen aus Lorenz heraus, er ist eine Mini-Monologmaschine mit gerade genug Selbstwahrnehmung, um auch die eigene Überdrehtheit bloßstellen zu können. Ein Performer, in dem sich Hawke verlieren kann und es mit Freude tut.

Bühnenfantasien

Irgendwann im Zuge des ausufernden Gesprächs zwischen Lorenz und Eddie fkommt die Frage auf, ob nicht das ganze Leben auf einer Bühne stattfinde und ein Großteil der Menschheit bloß Komparsen abgebe, körperlich präsent, aber minimal anwesend. Es ist eine nebensächliche, nicht gerade neue Beobachtung, die aber strukturgebend für Blue Moon ist. Hawkes affektreiches und wandelbares Schauspiel ist zwar der Fokus des Films, aber gleichzeitig auch nur ein Bühneneffekt. Denn Blue Moon präsentiert sich als Theaterstück; eine überschaubare Anzahl an Figuren konzentriert sich auf einen einzigen Ort, die Dialoge bestehen aus gefeilten, langen Sätzen und sind hochgradig deskriptiv. Als ob die Weltsicht des mit Sprache arbeitenden Theatermachers Lorenz auf seine Umgebung abfärben würde. Dementsprechend ist die Inszenierung auf Immersion ausgelegt und verlagert ihre Ansprüche auf die abwechslungsreiche Anordnung von Figuren im Raum und Bild.

Die Welt als Theaterstück zu begreifen und sich selbst als Hauptfigur zu denken, als ein letztlich auf wenige, prägnante Eigenschaften heruntergebrochenes Geschöpf inmitten von entweder ebenso begrenzten oder gar irrelevanten Wesen, führt zur Vereinsamung. In seiner Selbstwahrnehmung als Figur gefangen, sucht Lorenz die erhoffte Neudefinition in einem anderen Menschen. Seine derzeitige Liebesobsession ist Elisabeth (Margaret Qualley), eine 20-jährige Studentin, zu der er eine Freundschaft unterhält, die laut ihm kurz vor dem romantischen Durchbruch steht.

Den absurden, fast dreißig Jahre umfassenden Altersunterschied der beiden erkennt der Film durchaus an. Gleichwohl geht es Blue Moon um die Konsequenzen, die Harts Gefühle für ihn haben. Es ist von Beginn an klar, durch die zugewandte, aber offen freundschaftliche Art, mit der Elisabeth zu Lorenz spricht, dass aus dieser Beziehung nichts werden kann. Dennoch oder gerade deswegen widmet Lorenz einen Großteil seiner Sätze dem Beschreiben und Bewundern seiner aufkommenden, romantischen Gefühle, ja schafft der Vermutung Raum, dass die Existenz dieser Gefühle bedeutsamer sein könnte als die Person, die sie hervorgerufen hat. Wie in all seinen Anekdoten und Witzen, erschafft er durch Sprache eine Situation, in der er, als zentral gesetzte Figur, bestimmen kann, in welchem Verhältnis andere zu ihm stehen: der Protagonist und seine Nebenfiguren. Das tragisch Anziehende an Lorenz, dem alternden, bereits von jüngeren Künstler:innen umgebene Theaterautor, liegt in seinem wiederholten Versuch, gegen die Komparsenwerdung in seinem eigenen Stück anzukämpfen. Es geht ihm weniger um Anerkennung als um die schlichte Möglichkeit, von anderen gesehen zu werden.

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