Good Boy - Wir wollen nur dein Bestes – Kritik

Zornig, ohne richtig zu wissen, auf wen oder warum: Tommy, die Hauptfigur in Jan Komasas Good Boy - Wir wollen nur dein Bestes, ist ein Bully aus der britischen Arbeiterklasse. Der Film jedoch wird nicht zu einem Sozialdrama, sondern zu einem etwas unausgegorenen schwarzhumorigen Entführungsthriller.

Good Boy von Jan Komasa beginnt mit einer Nahaufnahme von Tommy. Sein Blick ist leicht gläsern, aber starr nach vorn gerichtet, seine Lippen leicht zusammengepresst. Seine Mundwinkel deuten ein überhebliches Schmunzeln an. Mit breiter Brust stolziert er auf die Kamera zu, die vor ihm zurückweicht, als wäre er ein Star. Seinen Gang – die Schultern mit jedem Schritt demonstrativ nach vorn werfend, das Kinn arrogant angehoben – könnte er sich von Manosphere-Influencern wie Andrew Tate oder Clavicular abgeschaut haben. Tommy ist ein Bully, und wie die meisten Bullies ist er zornig, ohne richtig zu wissen, auf wen oder warum. Dementsprechend lässt er seine Wut an anderen und an sich selbst aus: Er besäuft sich, nimmt Drogen, prügelt sich mit Fremden, pisst in der Öffentlichkeit und lädt all seine kleinen und größeren Vergehen auf Instagram hoch, um der Welt seine Wut mitzuteilen.

Im Keller des Herrenhauses

Auch wenn es nicht explizit gesagt wird, gehört Tommy zur Arbeiterklasse, aufgewachsen ist er irgendwo in einem englischen Vorort, wo man nichts anderes tun kann, als betrunken zu sein, Fußball zu schauen und ab und zu mit jemandem Sex zu haben. Die Partynacht zu Beginn des Films ist nicht mehr die transgressive Raver-Kultur der britischen 90er Jahre, die mit ihren Exzessen gegen die konservative Regierung rebellierte, sondern Ausdruck dessen, was Mark Fisher als depressive hedonia bezeichnet hat.

Doch Good Boy ist keine Sozialstudie über die britische Arbeiterklasse, wie man sie von Andrea Arnold, Mike Leigh oder Ken Loach kennt – auch wenn es im Film einen Verweis auf Loachs Kes gibt. Stattdessen schlägt Komasa eine völlig andere Richtung ein: Nach besagter Partynacht findet sich Tommy angekettet im Keller eines herrschaftlichen Herrenhauses wieder. Was sich über die folgenden knapp zwei Stunden Laufzeit entspinnt, ist eine unausgewogene Mischung aus Thriller, schwarzer Komödie, halbgarer Zeitgeist-Kritik und klassischem Entführungsfilm. Tommy ist Gefangener einer Familie, die ihn umerziehen will, damit er ihren Vorstellungen eines gesellschaftsfähigen Bürgers entspricht. Stephen Graham als liebevoller Vater mit strenger Hand und Andrea Riseborough als anfänglich depressive Mutter, die freilich zärtlicher und zugleich härter sein kann als ihr Ehemann, überzeugen mit ihren ebenso natürlichen wie manieristischen Darstellungen.

Statische Enge

Es stellt sich freilich die Frage, worauf Good Boy letztlich abzielt. Der Film ist trotz einiger Hinweise - “That’s the problem of your generation, everything is about being a victim“ - nicht präzise genug, um eine produktive Aussage über etwaige Generationenkonflikte oder Ähnliches zu treffen. Tommy fehlt es als Figur an Tiefe, um als Beispiel für toxische Männlichkeit zu fungieren, auch wenn Stephen Grahams Charakter durchaus eine bestimmte Art von Toxizität verkörpert. Am Ende bleibt lediglich ein konventioneller, leicht schwarzhumoriger Entführungsthriller mit dazu passendem Stockholm-Syndrom, der seine großzügige Laufzeit nicht rechtfertigt.

Auch formal verschenkt der Film sein Potenzial. Die Eröffnung gehört Tommy: Die Kamera weicht vor ihm zurück, gibt ihm Raum, lässt ihn die Bilder beherrschen. Kaum aber ist er angekettet, kippt diese Dynamik – und der Film verliert jene kinetische Energie, die der Auftakt verspricht. Der Keller zwingt die Inszenierung in eine statische Enge, die zwar zur Gefangenschaft passt, dramaturgisch aber bald in Wiederholungen erstarrt. Dass Good Boy dennoch über weite Strecken funktioniert, ist vor allem Anson Boon zu verdanken, dessen körperliche Verwandlung vom breitbeinigen Aufschneider zum eingeschüchterten, schließlich verstörend anhänglichen Gefangenen die Längen des Mittelteils überspielt. Doch auch die beste Darstellerleistung kann nicht kaschieren, dass die Form dem Stillstand der Geschichte folgt, statt ihm etwas entgegenzusetzen.

Am spannendsten ist zweifellos der Schluss. Denn was Good Boy als Auflösung anbietet, ist keine Heilung sondern eine Wiederholung. In Tommys Augen hat die “Therapie“ funktioniert, weshalb er die Logik seiner Peinger so gründlich verinnerlicht hat, dass er sie weiterträgt. Die Heilung führt zu einer Reproduktion des Übergriffs. Delinquenz wird nicht beseitigt, sondern durch eine vermeintliche Resozialisierung erst hervorgebracht.

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