The Love That Remains – Kritik
Sich trennen und den gemeinsamen Alltag doch nicht aufgeben, diesen Versuch unternimmt ein isländisches Paar in The Love That Remains. Hlynur Pálmasons Film interessiert sich dabei weniger für große Gefühle als für subtile Stimmungswechsel und das langsame Brüchigwerden von Vertrautem.

Anna (Saga Garðarsdóttir) und Magnus (Sverrir Guðnason) haben sich getrennt. Das heißt, sie sind dabei, sich zu trennen. Wann und wie dieser Prozess endet, ist vorerst noch offen. Eilig haben es die beiden Hauptfiguren in Hlynur Pálmasons The Love That Remains mit ihrem Beziehungsende nicht. Im Gegenteil. Abgesehen davon, dass Magnus alias Maggi neuerdings auswärts schlafen muss und Anna etwas mehr Zeit für sich hat, geht der Alltag der beiden weiter seinen gewohnten, fein austarierten Gang. Man lädt die Eltern zum Grillen ein, macht Ausflüge mit den Kindern, teilt sich einen Haushalt, einen Garten, und, wie es scheint, auch nach wie vor ein Konto. Maggi unterstützt Anna bei ihrer Kunst; Anna hat weiterhin ein offenes Ohr für Maggis Sorgen. Es ist der (verwegene) Versuch einer Trennung ohne Bruch, einer schonenden Entflechtung zweier Leben, bei der nichts von dem, was man sich gemeinsam aufgebaut hat, Schaden nehmen oder aufgegeben werden soll – außer der Nähe, dem Vertrauen, dem Sex und all den anderen Dingen eben, die man als Paar einmal geteilt hat.
Bergman in quirky

In kleineren und größeren, elegant konstruierten Vignetten zeichnet The Love That Remains nach, was es für zwei Menschen bedeutet, unter den Bedingungen eines „soft break-up“ funktionieren zu müssen. Wir sehen Maggi bei seiner Arbeit auf See (er arbeitet auf einem Fischereischiff), beim unfreiwilligen Deep Talk mit seinen Kollegen oder beim einsamen Feierabendbier in seiner Kajüte; und wir sehen Anna, die routiniert den Haushalt schmeißt, den Kindern Abendessen kocht oder einem windigen Galleristen vergeblich ihre Kunst näherzubringen versucht. In distanzierten, statischen Einstellungen tastet Pálmason (der neben der Regie auch die Kameraarbeit verantwortet) den Familien- und Arbeitsalltag seiner Protagonist*innen ab. Ein klassischer Spannungsbogen entsteht dabei nicht, das Drama hat in The Love That Remains eher die Form eines schleichenden Korrosionsprozesses als einer sich geradlinig zuspitzenden Katastrophe. Auch wo die Kamera den Figuren mal näherkommt – in vereinzelten Close-ups von Annas oder Maggis Gesicht –, bleiben die Bilder seltsam opak. Mehr als für große Gefühle interessiert sich der Film für subtile Stimmungswechsel, das langsame Fremd- und Brüchigwerden von Vertrautem.
Konterkariert wird dieser kühle, quasidokumentarische Blick durch ausgedehnte poetisch-essayistische Exkurse. Wiederkehrende Motive: Pilze, Moose, Eis und Mineralien, schroffe Vulkanlandschaften und die unwirtliche Weite des Atlantiks. Pálmason macht aus seiner Liebe zu den Bildwelten Bergmans und Tarkowskis keinen Hehl. Effektvoll, mal in delikaten Nahaufnahmen, mal in spektakulären Totalen, setzt er den ganzen erhabenen Reigen von Werden und Vergehen in Gang. Der offenkundige Star dieser Sequenzen: die isländische Natur. Dass daraus kein Kitsch wird, verdankt sich vor allem dem eigentümlich lakonischen, betont unpathetischen Grundtenor von The Love That Remains. Statt raunender Off-Monologe begleitet ein melancholisch klimperndes Jazz-Piano das Geschehen. Daneben halten immer wieder absurde oder surreale Elemente Einzug in die Mise en Scène. Gegen Ende erlaubt sich der Film sogar ein paar längere Ausflüge ins Horror-Genre, etwa, wenn Maggi eines Nachts von einem blutrünstigen Riesenhahn heimgesucht wird.
Wie geht man(n) mit Verlust um?

Aus Krisen können Monster erwachsen, aber auch neue Handlungschancen. Eine passende Allegorie für diese Dialektik findet der Film in Annas Kunst: Metallplatten, die sie auf Leinwänden auslegt, lässt Anna planvoll im rauen isländischen Klima verwittern. Die Rostspuren, die dabei auf den Textilien zurückbleiben, bilden ihre Malerei. Upcycling als Trauerarbeit – von so viel kreativem Pragmatismus kann Maggi nur träumen. Während Anna sich künstlerisch selbst verwirklicht, versinkt er in Selbstmitleid oder schwelgt in Erinnerungen an vergangenes Glück. In einer Traumsequenz findet sich Maggi, auf Kindsgröße geschrumpft, unter dem Rock von Annas Sommerkleid wieder, umgeben von einem Meer aus Stoff, Sonne, Geborgenheit und Nostalgie.
Weibliche Emanzipation und männliche Regression – Pálmason gestaltet diese Dynamik mit viel schrulligem Humor, plastisch, aber niemals plump. Wie geht man(n) mit Verlust um? Diese Frage beschäftige den Regisseur bereits in seinem Film Weißer, weißer Tag (2019) über einen alternden Witwer, der obsessiv die Hinterlassenschaften seiner toten Frau studiert. In The Love That Remains konfrontiert Pálmason die männliche mit der weiblichen Trennungserfahrung. Das Beziehungsende wird gleichmäßig aus Perspektive beider Seiten geschildert. Auch wenn diese Konstruktion im letzten Drittel in eine leichte Schieflage rutscht – weil sich der Film eben doch ein bisschen mehr für den tragikomischen Maggi als für Anna interessiert –, nimmt The Love That Remains beide Schicksale ernst, in ihrer Verstrickung, ihrer Trauer, aber vor allem in ihrer Differenz.
Alte Liebe rostet nicht, lautet ein Sprichwort. In einer Mischung aus Warmherzigkeit und viel feiner, teils bitterer Ironie bürstet Pálmasons Drama diese Weisheit gegen den Strich: Liebe verwittert, sie wird rostig und spröde, und sie endet. Manchmal lässt sich aus dem Rost noch etwas machen.
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