The History of Sound – Kritik

Musik als Speicher eines vergangenen Lebens: The History of Sound zeichnet in kontemplativen Bildern Lebensstationen des Sängers Lionel von den 1910ern bis in die 1980er-Jahre nach. Und betrachtet den langen Nachhall einer nur kurzen, aber umso innigeren Beziehung.

Sehnsuchtsvoll, manchmal (an)klagend und brüchig sind die in Acapella, mal ein-, mal mehrstimmig, gesungenen Folkballaden, die den musikalischen und inhaltlichen Grundton von The History of Sound bilden. In einem Buch, das Lionel (Paul Mescal) in fortgeschrittenem Alter verfasst und aus dem er gegen Ende des Films vorliest, beschreibt er diese Lieder als „messy human experiences. Events we might like to avoid: Heartbreak, death, jealousy. They put a lump in your throat just by the melody. Emotion in song“. Für Lionel sind diese Lieder und die in ihnen angelegten Emotionen nicht nur lebenslange Begleiter, sondern untrennbar mit einem bestimmten Menschen und der Erinnerung an ihn verbunden. 1917, während seiner Zeit als Student an einem Musikkonservatorium in Boston, lernt er in einer Kneipe David (Josh O´Connor) kennen. David arbeitet als Musikwissenschaftler und befasst sich mit Verbreitung und Bedeutung amerikanischer Folkballaden. Nicht zuletzt aufgrund dieser gemeinsamen Leidenschaft entsteht eine enge, auch erotische Beziehung, zwischen den beiden, die aber bald unterbrochen wird. Als David zwei Jahre später aus dem Krieg zurückkehrt, nimmt er Lionel mit auf eine Reise durch den US-amerikanischen Norden, wo sie lokale Folksongs auf Wachswalzen aufzeichnen und katalogisieren wollen.

Langer Nachhall

Die nur kurze Zeit mit David wird für Lionel lebensbestimmend. Der später nur noch über Briefe geführte Kontakt bricht irgendwann ab, Lionel verfolgt unter anderem in Rom und England seine Karriere als Sänger. Doch die Erinnerung an David und die gemeinsame Zeit lässt ihn über die verschiedene Lebensstationen hinweg nicht los und so beginnt er irgendwann, nachzuforschen, was aus David geworden ist. Regisseur Hermanus und Drehbuchautor Ben Shattuck wählen eine andere Erzählweise als Shattucks zugrundeliegende Erzählung. Die setzt den Fund der Kiste mit den alten Wachswalzen als Initialpunkt und kontrastiert, verbunden durch diesen Fund, die Beziehung von David und Lionel in den 1910ern mit der Beziehung eines heterosexuellen Paars in den 80er Jahren. Der Film ist hingegen als gradlinig und chronologisch erzähltes Charakterportrait angelegt, das sich mehr Raum für Einzelszenen nimmt und insbesondere Lionels Lebensweg nach der Zeit mit David wesentlich ausführlicher ausgestaltet.

The History of Sound ist insgesamt ein sehr introspektiver Film, der sich ganz auf David, seine Gefühlswelt und seinen Umgang mit der Erinnerung konzentriert. Trotz des historischen Settings ist er kein dezidierter Historienfilm, denn die verschiedenen geschichtlichen und auch sozialen Umgebungen interessieren ihn nur am Rand. Das gilt auch für die insgesamt subtil und mit nur wenig Körperlichkeit inszenierte Beziehung zwischen Lionel und David. Hermanus zeigt diese als intimen, privaten Raum, weitgehend losgelöst von den gesellschaftlichen Sexual- und Moralvorstellungen der 1910er und 1920er Jahre. Homophobie und Queerfeindlichkeit sind kein primäres Thema des Films, denn die Liebe der beiden dringt kaum nach außen. Bloß einmal fragt David Lionel, ob er sich sorgen mache, wegen dem was sie tun. „No, I don’t worry“ antwortet Lionel.

Obwohl die Folkballaden und allgemein die Musik eine tragende Rolle spielen, setzt der Film sie in seiner formalen Gestaltung eher vorsichtig ein. Viele Szenen, insbesondere während David und Lionels Sammlungstour, zeigen das Entstehen der Folkballaden, etwa im Kerzenlicht einer dunklen Holzhütte im Familienkreis. Außergewöhnlich ist eine Szene, in der sich Lionel, beherrscht von den Gedanken an David und der Trauer über seinen verstorbenen Vater, halb tanzend, halb torkelnd mit geschlossenen Augen zum Rhythmus eines vor Ort gespielten zügigen Folksongs um ein stark funkenwerfendes Lagerfeuer herum bewegt. In diesen Klang mischen sich Davids Gesang und anschwellende, sphärische Chor- und Streichermusik. Der Film versenkt sich hier ganz in Lionel, trägt durch Klang und Bild dessen Inneres in die Form.

Haptik und Erinnerung

Insgesamt erzählt der Film Lionels Lebensweg in ruhigen, geerdeten Bildern, die trotz der mitunter zügigen Erzählweise oft etwas Kontemplatives in sich tragen, dabei aber nie ins Langatmige kippen. Kameramann Alexander Dynan arbeitet mit stillen bis sanft bewegten, oft nahen bis halbnahen Einstellungen, zurückhaltenden Farben und einem insgesamt etwas zu dunklen Look. Wie die von Lionel beschriebenen Folkballaden ist der Film rein optisch „nothing fancy“. Toll ist hingegen, wie Haptik, Materialität und körperliche Nähe betont werden. Zum Beispiel, wenn David während eines langen Fußmarschs, die kleinen, weißen Federn, die aus Lionels aufgeschnalltem, löchrigen Kissen fallen, hinter ihm einsammelt und später heimlich und behutsam zurücksteckt. Auch die Musik ist haptisch: Die Wachswalzen, in die sie eingeritzt ist und in denen sich emotionale mit physischer Bewegung verbinden, werden später für Lionel zum Anlagerungspunkt für die Erinnerung – und zum Speicher seiner gemeinsamen Zeit mit David. "Die Erinnerung an Menschen ist manchmal wie eine Melodie“, hat der jüngst verstorbene Alexander Kluge einmal gesagt.

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