The Devil in Miss Jones – Kritik
Ein Porno, der mit einem Selbstmord beginnt, in der Hölle endet und zu den erfolgreichsten Filmen des Jahres 1973 zählt. Gerard Damianos The Devil in Miss Jones ist ein dorniger Meilenstein der Filmgeschichte, der immer noch verstört und erregt – und am Sonntag Abend in Berlin zu sehen ist.

Für eine kurze Phase der Filmgeschichte konnte der Sexfilm aus seiner Schmuddelecke kriechen. Zwar hatte es bereits zuvor Erotikfilme mit expliziten Szenen gegeben, die landesweit in US-Kinos liefen, doch erst die kommerziellen Erfolge von Gerard Damianos Deep Throat sowie Artie und Jim Mitchells Behind the Green Door im Jahr 1972 machten das Genre salonfähig und läuteten das sogenannte „Golden Age of Porn“ ein. Ein früher künstlerischer Meilenstein dieses Kinos ist Damianos zweite Regiearbeit im darauffolgenden Jahr: The Devil in Miss Jones. Verglichen mit seinem Vorgänger ist dieser Film deutlich düsterer und melancholischer. Nichts ist geblieben vom vergleichsweise leichten und humorvollen Ton von Deep Throat. Stattdessen erinnert die Atmosphäre an schmutzige Horror- und Exploitationstreifen jener Zeit und scheint in seiner Spannung zwischen Ekstase und Leid zu jeder Tragödie fähig zu sein.
Von Begierde verzehrt

Die Handlung ist lose von Jean-Paul Sartres Stück Geschlossene Gesellschaft inspiriert: Hier wie dort handelt die Geschichte von Menschen, die sich nach ihrem Selbstmord in der Hölle wiederfinden. Diese hat weniger mit Feuer und Schwefel zu tun als damit, von anderen Menschen abhängig und ihnen ausgeliefert zu sein. Eine Hoffnung auf Erlösung gibt es nicht. In The Devil in Miss Jones verkörpert Georgina Spelvin die einsame, depressive und jungfräuliche Justine Jones. Ihre Vorgeschichte bleibt im Unklaren, doch ihre Verzweiflung spricht aus jedem Blick und jeder Pose. Sie nimmt sich das Leben und findet sich schon nach wenigen Filmminuten im Limbus zwischen Diesseits und Jenseits wieder. Wie von Petrus an der Himmelspforte wird sie dort von Mr. Abaca (John Clemens) in einem entrückten Landhaus empfangen. Justine habe zwar ein reines und sündenfreies Leben geführt, doch aufgrund ihres Suizids bleibe ihr der Zutritt zum Himmelsreich verwehrt. Sie ist in Ewigkeit zur Vorhölle verdammt.
Aufgebracht darüber, dass dieser einzige Fehltritt ihr nur die Wahl zwischen dieser und der Hölle lässt, fleht sie Abaca an, ihre versäumten Erfahrungen nachholen und „filled, engulfed, consumed by lust“ weiter leben zu dürfen, um sich wenigstens einen redlichen Platz in der Hölle zu verdienen. Ihr werden ein paar letzte Tage auf der Erde gewährt, die mit einer Art Initiationsritual beginnen – durchgeführt von Porno-Star Harry Reems. Danach verliert der Film abrupt seine narrative Struktur und entwickelt sich zu einer surrealen, sich immer weiter steigernden Kaskade von Hardcore-Vignetten: Heterosex, lesbischer Sex (zusammen mit Spelvins damaliger Partnerin), Masturbation mit Wasserschlauch und verschiedenen Früchten, Zoophilie (Tierrechte wurden im Exploitation-Kino der 1970er Jahre recht locker ausgelegt), Ménages à trois, Doppelpenetration…
Die Seele einer Künstlerin

Mit einem Einspielergebnis von 15 Millionen US-Dollar war The Devil in Miss Jones der zehnterfolgreichste Film des Jahres 1973, knapp hinter Paper Moon und dem achten James Bond Live and Let Die. Er zählte außerdem zu den ersten Pornofilmen, die auch Lob von der Mainstreamkritik erhielten. Sogar der ultraliberale Kritikerpapst Roger Ebert vergab drei von vier Sternen und hob insbesondere die Leistung von Georgina Spelvin hervor: „There burns in her soul the spark of an artist.“ In der Tat trägt ihre herausragende Darstellung zur Faszination und Nachwirkung des Films bei.
Spelvin arbeitete als Tänzerin und gründete Anfang der 1970er Jahre ein Filmkollektiv namens Pickle Factory, das sich der Produktion von Antikrieg-Dokus widmete. Zunächst war sie lediglich mit dem Catering des Films beauftragt, aber als sie spontan auch darstellerisch aushalf, war Damiano von ihrem Schauspiel derart begeistert, dass er sie für die Hauptrolle gewann. Sie bereitete sich so akribisch auf ihre Rolle vor, als handle es sich um ein Drama von Henrik Ibsen.
Auch Damiano verstand sich als ein ambitionierter Hardcore-Regisseur, der den Porno zu neuen künstlerischen Höhen treiben wollte. Sex hatte für ihn stets das Potenzial, zu verstören, statt anzuturnen. So laden auch seine folgenden Filme wie Memories Within Miss Aggie (1974) oder The Story of Joanna (1975) nicht unbedingt zur schnellen Triebabfuhr ein. Jahrzehnte später sollte ihm Paul Thomas Anderson in Boogie Nights mit der Figur des Jack Horner (gespielt von Burt Reynolds) ein filmisches Denkmal setzen. Von den Einnahmen des Films sah Damiano wenig. Wie bei vielen der Pornofilme dieser Zeit, stammte das Geld für die Finanzierung aus der organisierten Kriminalität.
Zur bedrohlichen Atmosphäre des Films trägt auch die stimmungsvolle Kameraarbeit von João Fernandes bei, dem später eine Karriere als Kameramann verschiedener Horrorfilme wie Friday the 13th: The Final Chapter und Children of the Corn (beide 1984) oder rechter Actionreißer wie Invasion U.S.A. (1985) und Red Scorpion (1988) beschieden war. The Devil in Miss Jones vereint eine Reihe bemerkenswerter Talente, das zeigt sich in jeder Einstellung.
Die Hölle sind die anderen

Am Ende findet sich Justine Jones zusammen mit einem Unbekannten – gespielt von Gerard Damiano selbst – in einer kargen Zelle wieder. Einmal von der süßen Wollust gekostet, verzehrt sie sich nach mehr und immer mehr, verlangt von ihrem Zellengenossen, dass er sie berühren soll. Doch dieser bleibt apathisch und impotent. Ihr unstillbares Begehren wird für sie zum Zustand der Verdammnis.
The Devil in Miss Jones ist beileibe kein feministischer Film, er ruft eine Vielzahl sexistischer Klischees auf – etwa die Erzählung weiblicher Initiation durch einen männlichen Lehrer oder die Figur der exzessiven – nymphomanen – Frau. Er inszeniert die Protagonistin aber zugleich als begehrendes Subjekt und nicht bloß als sexuelles Objekt. Allerdings darf sie ihr Begehren nur in einem surrealen Setting ausleben, in dem reale Machstrukturen keine Rolle spielen. Der utopische Raum dieser Fantasiewelt bricht am Ende jäh zusammen und lässt sie in einem Zustand existenzieller Leere und Verzweiflung zurück. Der Pessimismus des Films präsentiert Sex als den einzigen Ausweg aus dem menschlichen Elend – nur um uns Zuschauer*innen die Tür zum Glück vor der Nase zuzuschlagen. Ein Pornofilm, der mit einem Selbstmord beginnt, in der Hölle endet und zu den erfolgreichsten Filmen des Jahres 1973 zählt, so etwas wäre heute undenkbar. The Devil in Miss Jones bleibt ein dorniger Meilenstein der Filmgeschichte, der immer noch verstört und erregt – und in dessen Untertönen ein tiefer Wunsch nach Anerkennung des eigenen Begehrens vibriert.
Der Film läuft am Sonntag, den 25.04.2026 um 20:30 Uhr im Berliner Filmrauschpalast Moabit.
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