Vier minus Drei – Kritik
Ein tragischer Todesfall, der durch quietschbunte Clownereien verarbeitet wird: Adrian Goigingers Vier minus drei hat keine Berührungsängste mit dem Banalen und Rührseligen. Doch genau das macht ihn zu einem ungemein spannenden Film über Trauer.

Wer sich als einigermaßen geschmackssicher wähnt, sucht wohl nach der Synopsis schon das Weite: Barbara (hauptberuflich Krankenhaus-Clownin, also Expertin in Sachen Lebensbejahung) verliert ihren Mann und ihre beiden kleinen Kinder bei einem Autounfall. Der Verlust reißt ihr – um direkt ein clowneskes Bild zu bemühen – den Boden unter den Füßen weg. Schritt für Schritt lernt sie jedoch die Trauer zu akzeptieren und findet wieder festen Halt, nicht zuletzt durch und in der Clownerie.
In der Tat ließe sich Vier minus drei (basierend auf einer wahren Geschichte) in Sekundenschnelle als banales, manipulatives und seelenpornografisches Rührstück abqualifizieren. Tatsächlich aber handelt es sich wohl um eines der herausragendsten Melodramen der jüngeren Zeit – möglicherweise sogar gerade deshalb, weil die Abqualifizierung als Rührstück auch nicht nicht zutrifft.
Der Zirkus der künstlichen Gefühle

Es grenzt im Grunde an ein Wunder, wie es Adrian Goiginger gelingt, die starken körperlichen Reflexe, die man gegen seinen Film zunächst in Stellung bringt – gegen die süß-säuerliche Engführung von stockdusterer Schickssalsschlagheftigkeit und qietschbuntem Clownsgedödel oder gegen eine sich immerzu höher, also unverkennbar in Richtung Himmel arbeitende Violine –, in die Leinwand einzusaugen, um sie von dort, gleichsam wie lichtgebündelte Anfangsenergie, gewandelt auf den Zuschauerkörper zurückzuwerfen.
Eben mag man noch kurz davor gewesen sein, den Saal zu verlassen, schon sinkt man nur umso kraftloser in seinen Sessel und lässt den Zirkus der künstlichen Gefühle sein zu Tränen rührendes Werk verrichten, etwa dann, als Barbara (ultraextremschauspielend: Valerie Pachner) an das Intensivbett ihrer Tochter tritt und sie, die Hoffnung um den Sohn schon aufgegeben habend, anfleht am Leben zu bleiben.
Die Viszeralität des Trauerns

Zugegeben, solche Erfahrungshorizonte mögen stark von subjektiven Faktoren abhängen. Dennoch ist Vier minus drei – ganz abgesehen von der persönlichen Bereitschaft, ihm affektiv entgegenzukommen – gewiss als ein Film zu beschreiben, der gezielt vor allem eines ansteuert: den psychosomatischen Burnout seines Publikums. Und das wiederum – man mag das zurecht manipulativ nennen – macht ihn zu einem der spannendsten Filme über Trauer der jüngeren Zeit.
Denn es geht Goiginger höchstens am Rande um Sterbesoziologie und psychoanalytische Ausdeutungen. Es geht ihm vor allem um die Viszeralität des Trauerns, den körperlichen Kontrollverlust, den Kontrollverlust seiner Schauspielerin, die im Krankenhausflur mit metallkantenscharfem Wumms zusammenbricht, den Kontrollverlust seines Publikums, das bis in die körperliche Erschlaffung Tränen produzieren muss, den Kontrollverlust seines Films, der aus dem kühl-halligen Zeremoniell einer katholischen Beerdigung in der Steiermark einen bunt-kostümierten Triumphzug auf das Leben herausbrechen lässt (inklusive „Old Dan Tucker“-Cover) – mit Instrumente schwingenden Clowns, die den Särgen voraus und hinterher über einen Friedhof hopsen, ganz demgemäß, wie es die Verstorbenen offenbar gerne gehabt hätten.
Eine auf das Banale fixierte Ästhetik

Der Tod ist ein banales Ereignis. Und er zieht Banales nach sich – die Frage etwa, welche grafischen Motive man für die Traueranzeige wählt oder was mit den Pullovern geschieht, deren Besitzer nicht mehr existieren. In der Fantasie mag der Tod größer und wuchtiger sein als alles, was man mit dem Leben verbindet, und doch findet er dann Platz in einem einzigen Telefonanruf – das Handy umständlich ans Ohr gedrückt, während man (was wäre banaler) sein Auto durch den Berufsverkehr manövriert. Da habe es einen Unfall gegeben mit einem gelben Bus am Bahnübergang, sagt zu Beginn des Films eine vertraute Stimme am anderen Ende der Leitung. Barbara möge schnell zu ihr kommen, keinesfalls aber, soviel zur brachialen Ambivalenzlosigkeit des Todes, zum Bahnübergang selbst.
Trauer ist der Versuch, die Banalität des Todes ästhetisch einzuholen. Und diese Ästhetik wiederum ist im Kern selbst auf das Banale fixiert, auf ein Erleben, in dem die Regeln des Geschmacks nicht gelten und in dem der kritisch-prüfende Weltzugang ins Leere greift. Ob sich diese These psychologisch fundieren lässt, sei dahingestellt. Vier minus drei aber macht sie allemal glaubhaft, indem sie sie zum Programm der eigenen Affektpoetik macht.
Die Banalität, die Manipulativität, der Pornografismus des Rührigen, sie sind nicht Mangel, sondern Modus. Und so kann sich Goiginger auch ein im Grunde unerhörtes Bild erlauben: Fröhlich geschminkt steht Barbara in einer Zirkusmanege und hantiert (tölpelhaft kampfeshandelnd) mit einem roten Luftballon, nur um diesen schließlich mit einer letzten bewussten Geste freizugeben, durch die Luft und eine Luke im Zeltdach, dem Himmel entgegen.
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