Rose – Kritik
Im Schatten des Dreißigjährigen Kriegs lebt eine als Soldat verkleidete Frau im Kampf um ein selbstbestimmtes Leben jeden Tag gegen sich selbst an. Die strenge, konsequente Form und Sandra Hüllers nüchtern kontrolliertes Schauspiel lassen kleinere Schwächen von Rose vergessen.

Schon in den ersten Bildern liegt eine Klarheit, die sich durch den gesamten Film zieht. Schwarz-weiße Landschaften, reduziert auf Kontraste, ohne Sentimentalität. Der Film siedelt sich im 17. Jahrhundert an, im Schatten des Dreißigjährigen Krieges, doch seine eigentliche Dimension ist weniger historisch als strukturell – eine Ordnung, in der Rollen festgeschrieben sind und Abweichung unweigerlich bestraft wird.
In diese Ordnung tritt eine Figur, die sie unterläuft. Ein Soldat, der Anspruch auf ein verlassenes Gut erhebt, schweigsam, schmal, mit unscheinbarer, aber nachdrücklicher Stimme. Dass es sich dabei um eine Frau handelt, ist dem Publikum von Anfang an klar. Der Film macht daraus kein Geheimnis, sondern verlagert die Spannung: Nicht das „Was“ oder „Warum“, sondern das „Wie lange geht das gut“ wird zur zentralen Frage.
Rose (Sandra Hüller) befindet sich in einem permanenten Zustand der Selbstdisziplin. Sie ist nicht nur verkleidet; jede Bewegung, ihr ganzes Auftreten wirkt kontrolliert. Hüller lässt dabei auch das Unbeholfene, Unbequeme zu. Diese Figur lebt jeden Tag gegen sich selbst an. Es sind nur wenige Momente, wo ihre Augen etwas von diesem Kampf offenbaren.
An der Revolverkugel lutschen

Die bemerkenswerte Härte, die sie ausstrahlt, ist nicht Pose, sondern Notwendigkeit, die keine andere Option kennt. Und dennoch liegt in dieser Figur keine Trostlosigkeit oder Resignation. Hüller spielt sie körperlich präsent und zugleich ungelenk – und genau darin überzeugend. Auch Details wie die Revolverkugel, die ihr im Krieg das Gesicht entstellte, und an der sie nun lutscht – „ging mir direkt durchs Maul“ – fügen sich in ein Spiel, das stets radikal nüchtern, untheatralisch und präzise bleibt.
Formal beginnt Rose dynamisch. Die Schnitte sorgen für Orientierung und zeitliche wie räumliche Verortung. Doch bald verlangsamt sich der Film, und lange, statische Einstellungen dominieren. Die Strenge erinnert in ihrer Konsequenz an Filme wie The Witch (2015) oder Das weiße Band (2009). Die Atmosphäre ist dicht, die Welt abgeschlossen, beinahe hermetisch. Das Framing ist präzise, die Natur zugleich karg und von stiller Schönheit, die Schauplätze wirken authentisch. Man wird hineingeworfen in eine Zeit, deren Unerbittlichkeit körperlich spürbar wird. Gleichzeitig erlaubt sich der Film vereinzelte Momente von Wärme, die jedoch nie dominant werden. Auch der Soundtrack trägt viel zur Stimmung bei, wirkt nur stellenweise überpräsent.
Unterbrochen wird diese visuelle Konsequenz durch ein Voice-over, das erklärend eingreift. Eine Entscheidung, die nicht durchgehend überzeugt. Der Tonfall wirkt stellenweise zu nahbar, fast heimelig, und schwächt die Gravitas und Kraft des nicht Ausgesprochenen. Zum Teil auch widerspricht die Stimme den Bildern, wenn z. B. zu Beginn von einer Gier die Rede ist, diese dann aber weitgehend unsichtbar bleibt und sich allenfalls auf Roses Wunsch reduziert, selbst zu entscheiden und sich etwas Eigenes aufzubauen.
Für Zärtlichkeit kein Platz

Sandra Hüller ist für diese Rolle ideal besetzt. Sie gehört zu jenen Künstler*innen, die in ihren Figuren verschwinden können – vergleichbar mit Daniel Day-Lewis, Tilda Swinton oder Christian Bale. Allerdings hat, trotz Hüllers Präsenz, die formale Zurückgenommenheit der Inszenierung – bis dahin ihre Stärke – im letzten Drittel eine ambivalente Wirkung. Rose und ihre Geschichte sind so fragmentarisch, dass dies die Zuschauenden auf Distanz hält. Vieles spielt sich im Off ab, Emotionen und Beziehungen werden nur angedeutet. So treffen die Schicksalsschläge, die sie erleiden muss, die Zuschauenden weniger hart als sie es könnten.
Das zeigt sich besonders in der Verbindung zu Suzanna (Caro Braun), der jungen Frau, die Rose heiratet. Suzanna wirkt zunächst sehr unsicher, beinahe verloren in ihrer neuen Rolle. Sobald sie Roses Geheimnis entdeckt, verschiebt sich für einen kurzen Moment die Dynamik. Die Machtverhältnisse verändern sich, Rose wird weniger dominant, fast fürsorglich. Kurzzeitig scheint die Möglichkeit eines gemeinsamen Lebens jenseits der Norm für die beiden Frauen greifbar. Doch diese Möglichkeit bleibt skizzenhaft. Für Zärtlichkeiten scheint in Roses Welt kein Platz zu sein.
Am Ende steht eine Figur, die versucht hat, sich einer als gottgegeben verstandenen Ordnung zu entziehen. Rose ermächtigt sich eines damals rein männlichen Privilegs, um etwas zutiefst Menschliches zu erreichen: ein selbstbestimmtes Leben. Dass sie dafür letztlich bestraft wird, ist weniger ihr individuelles Scheitern als Ausdruck einer Welt, die keine Abweichung duldet.
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