Wild Foxes – Kritik

Durch einen Unfall halten Angst und Zweifel Einzug ins Leben eines aufstrebenden jungen Boxers. Rasant und mit ruppigem Realismus erzählt Valery Carnoy in seinem Debüt Wild Foxes von wettbewerbsorientierten Männerbünden und einer besonderen Freundschaft.

Wie Mufasa im König der Löwen oder Cary Grant und Eva Marie Saint in Der unsichtbare Dritte hängt Camille (Samuel Kircher) am Abgrund, kriegt gerade noch so den steinigen Boden zu greifen, aber wie lange noch? Ikonisches Bild der Filmgeschichte, und sofort sind wir dabei, hören die Schreie seines besten Freundes Matteo (Faycal Anaflous) und hoffen, dass er es noch rechtzeitig zu ihm hin schafft, aber dann passiert’s: Das tägliche Klimmzugtraining bringt da nichts, die Finger halten nicht mehr, Camille stürzt. Wild Foxes landet mit einem harten Schnitt direkt im Krankenhaus, wo Matteo mit blutbeflecktem T-Shirt im Flur sitzt, ziemlich am Ende.

Der Sturz hat nur für eine tiefe Wunde am Arm gesorgt und ist zum Glück nicht tödlich, auch weil Matteo seinen bewusstlosen Freund allein durch den Wald zurückgetragen hat. Regisseur Valery Carnoy erspart uns den Sturz selbst in seinem Debütfilm, und das ist nicht nur rücksichtsvoll, sondern auch konsequent. Für den Fortgang der Handlung von Wild Foxes sind der eigentliche Sturz und seine medizinischen Folgen nämlich viel weniger entscheidend als die paar Sekunden davor am Abgrund und ihre psychologischen Folgen.

Wild Foxes spielt in einem Sportinternat, und Camille ist der Champ einer Gruppe jugendlicher Boxer, die miteinander trainieren und sich gegenseitig supporten, ein eingeschworenes Team. Bald stehen die internationalen Meisterschaften an, und Camille ist die Hoffnung des Vereins. Er und Matteo träumen schon vom Paris-Aufenthalt während des Turniers und schmieden Pläne. Zwischen den Einheiten gehen sie manchmal in den Wald und hängen rohes Fleisch aus, um Füchse anzulocken – ein Ritual, das es aus der gemeinsamen Kindheit in die gemeinsame Jugend geschafft hat.

Todesangst in der Welt kompetitiver Männerbünde

Mit dem Unfall hält nun die Angst, der Zweifel, die Unsicherheit Einzug in Camilles Leben. Seine berüchtigten Ausweichmanöver kriegt er kaum noch hin, die vernarbte Wunde am Arm tut weh, obwohl die Ärzte ihm versichern, es sei damit alles in Ordnung, nachts begleiten ihn Panikattacken. Und weil Carnoy sein Milieu als eines zeichnet, in dem all dies Zeichen von Schwäche und kein Grund für Hilfestellung ist, ist es bald vorbei mit dem gegenseitigen Support. Camille verliert nicht nur den Nr.1-Spot im Verein, sondern auch den Respekt der Jungs.

Wild Foxes ist ein rasanter, ein intensiver, ein schneller Film, und das nicht nur in den toll gefilmten Boxszenen. Kaum mal weicht die Kamera von Camilles Seite. Seine zunehmende Verzweiflung, sein vernarbter Arm, seine Angst und seine Zweifel, all das erzählt nicht nur das Drehbuch, all das pocht auf der Leinwand.

Diese kleine Dosis Todesangst in die Welt kompetitiver Männerbünde einzubringen, ist eine zwar schlichte, aber effektive Idee, und Wild Foxes verfolgt sie konsequent. Und dann wird die einfache Grundbewegung des Films auch flankiert von schönen Drehbucheinfällen, die weit weniger generisch sind: Weil da, wo die Boxkarriere leidet, Platz für die éducation sentimentale ist, begleiten wir Camille nicht nur in die Angst, sondern auch ins Leben. Das love interest – ein Mädel von nebenan, das Taekwondo macht, aber auch im Wald Trompete übt – bleibt aber zum Glück nur ein interest. Denn schließlich, das deutet der Film beim male bonding über Fabrizio Di Andrés Ballade “Via del Campo” an, ist hier vielleicht auch eine Challengers-artige Liebesgeschichte am Start, zumindest eine Ode an die erste Freundschaft.

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