Die Odyssee – Kritik

Mediterrane Felsen im warmen Sonnenlicht, ein überraschend knorriger Matt Damon und eine Heldenreise als doppelt verankerte Rückblende: Christopher Nolans Die Odyssee ist weniger Blockbusterbarock als wuchtige, lebendige Arbeit am Mythos.

Wie fühlt sich eine Welt jenseits der Geschichtlichkeit an? Ziemlich gut, wenn man Christopher Nolans Die Odyssee glauben darf. Odysseus (Matt Damon), der Held der homerischen Sage, ist auf einer lichten, idyllischen Insel gestrandet und wird, zwischen sanft geschwungenen Sanddünen und unter strahlblauem Himmel von der Nymphe Kalypso (Charlize Theron) umschmeichelt, deren erotische Sanftmut freilich auch etwas Übergriffiges hat, wenn sie ihren Schützling mit Vergessen spendenden Wunderblüten füttert.

Im lieblichen Drogenrausch versumpft

Das ist der eine Ausgangspunkt des Films: Sieben Jahre lang im lieblichen Drogenrausch versumpft, macht Odysseus sich schließlich doch wieder auf gen Heimat und betritt damit wieder eine historisch – also einerseits von zivilisatorischem Fortschritt, andererseits von dessen diversen negativen Begleiterscheinungen, kurz: Mord und Totschlag, wohin man nur schaut – geprägte Welt. Der zweite Ausgangspunkt setzt am Ziel dieser Reise an: Odysseus’ Sohn Telemachos (Tom Holland) möchte nicht länger auf seinen Vater, den König von Ithaka, warten, der vor langer Zeit aufbrach, um die Stadt Troja zu erobern. Telemachos macht sich selbst auf in die Fremde, auf der Suche nach Odysseus.

Ein doppelter Ausgangspunkt, der mit einer doppelt verankerten Rückblende korrespondiert: Odysseus, der, in den gnädiges Vergessen spendenden Armen Kalypsos, seiner eigenen Vergangenheit bereits entflohen war, beginnt, sich wieder zu erinnern an die durch seine eigene Hinterlist gewonnene Schlacht um Troja und an seine anschließenden Irrfahrten. Telemachos wiederum lässt sich von nicht immer komplett verlässlichen Gewährsmännern über dieselben Ereignisse berichten. Der Mythos speist sich bei Nolan aus zwei Quellen, einer persönlichen, intimen Traumaerzählung und einem mit allerlei Fabulierungskunst angereicherten Abenteuerbericht. Zwei Verzerrungen, die gemeinsam ein Drittes ergeben: das Urbild einer keineswegs objektiven und gerade in ihrer Unreinheit reichhaltigen Heldenreise.

Pfui, gedankenloser Odysseus!

Ist Die Odyssee also eine weiteres Stück Nolan’sches Blockbusterbarock? Der Regisseur hat schließlich seit jeher ein Faible dafür, seine Filme primär von der temporalen Gesamtarchitektur her zu denken, ganze Filmkapitel rückwärts laufen zu lassen (Tenet) oder die Spielhandlung komplett in Traumverschachtelungen aufzulösen (Inception).  Diesmal allerdings, viele werden aufatmen (und wenige, der Rezensent eingeschlossen, ein kleines bisschen enttäuscht sein), sind die narratologischen Volten nie Selbstzweck, sondern stets solide in der antiken Vorlage verankert. So geschickt Nolan auch in Die Odyssee Zeitschichten in- und gegeneinander montiert, so geradlinig und schnörkellos inszeniert er die zentrale Heldenreise selbst.

In erster Linie ist der neue Film eine wuchtige, einen kindlichen, aber nicht zwingend naiven Blick auf die Schrecken, Schönheiten und vor allem Unwägbarkeiten der Welt evozierende Verfilmung eines der prägenden Erzählwerke der westlichen Tradition. Wir begeben uns mit Odysseus und seiner Gefolgschaft in die Höhle des Zyklopen und damit in eine Dunkelheit, die so finster ist, wie wir sie im Kino nur selten erlebt haben; wir lassen uns von der Zauberin Kirke in Schweine verwandeln; wir stopfen uns rechtzeitig Wachs in die Ohren und entkommen dadurch den Lockungen der Sirenen, die der Film aus respektvoller Distanz in den Blick nimmt. Wir bewundern den tapferen Odysseus, aber wir ärgern uns auch über seinen gedankenlosen Übermut, der wieder und wieder dafür sorgt, dass den diversen Monstern, denen er über den Weg läuft, sehr viele statt viele seiner Gefährten zum Opfer fallen.

Bummbumm

Das kann man sich alles gut anschauen. Insbesondere Nolans vor ein paar Jahren noch belächeltes – inzwischen angesichts allgegenwärtiger digitaler Dystopien durchaus wieder im Trend des avancierten, traditionsbewussten Autorenfilmschaffens liegendes – konsequentes Festhalten an analoger Film- und auch Postproduktionstechnik war nie so goldrichtig am Platz wie in Die Odyssee. Einen Film, der das volle Farb- und Stimmungsspektrum des Zelluloidkinos ausnutzt, wird der passionierte Düstermaler Nolan in diesem Leben wohl nicht mehr drehen. Aber neben den gewohnten bläulichen Ton-in-Ton-Collagen der Nacht- und Innenszenen gibt es diesmal auch jede Menge schlichtweg atemberaubende Naturkulisse, mediterrane Felsen im warmen Sonnenlicht, leinwandbreit schäumendes Meer, eine vermutlich in Island gefilmte mondlandschaftliche Höllenfantasie…

Nolans seit Tenet bevorzugter musikalischer partner in crime Ludwig Göransson wiederum verpasst der neuen Kino-Odyssee einen über weite Strecken angenehm zurückgenommenen, sphärisch-archaisierenden Soundtrack. Lediglich wenn es schwertschwingend zur Sache geht, packt er den akustischen Hammer aus, nach dem stets selben Muster: Bumm Bumm. Bummbumm Bummbumm. Bummbummbummbummbumm. Tumb eskalierende Trommelkaskaden, die hier und da einer fatalistisch moralisierenden Lesart des Mythos zuarbeiten: Sind Odysseus’ Qualen auf hoher See – so insinuiert der Film zwischendurch glücklicherweise nicht allzu nachdrücklich – möglicherweise eine gerechte Strafe für das heimtückische und brutale Vorgehen der Odysseus-Truppen in Troja?

Objektloser Zorn

Auch vom “Gesetz Zeus’ ”, das in Troja gebrochen wurde, weshalb die “zarten Banden zwischen den Menschen” bis auf weiteres im Eimer sind und mühsam repariert werden müssen – von wem? Vom schwachbrüstigen Heldennachwuchs Telemachos? Zweifel sind angebracht – ist vielleicht ein paarmal zu oft die Rede. Die raunende, im Ambivalenten verbleibende Gegenwartsanalyse, die gelegentlich mitschwingt, gehört sicher nicht zu den Stärken des Films. Deutlich lebendiger ist Die Odyssee da, wo er sich auf eine beschwingt hemdsärmelige Arbeit am Mythos konzentriert. 

Diese Arbeit wird nicht zuletzt von einem, mit ein paar Ausnahmen – Zendaya zum Beispiel geistert als Göttin Athene eher hilflos im Film herum – gut aufgelegten Cast geleistet. Ein erstaunlich knorriger Matt Damon lotet den Mythos gerade in seinen depressiven, pessimistischen Dimensionen voll aus – Alterssturheit steht ihm definitiv besser als Altersweisheit. Anne Hathaway wiederum spielt als Odysseus’ zu Hause wartende und darbende Gattin Penelope tendenziell gegen den Mythos an. Wie in allen ihrer jüngeren Kinoauftritte ist sie, wenngleich über weite Strecken nur schemenhaft hinter einem Raumteiler zu erkennen, fast ein bisschen zu gut und ausdrucksstark für den Film, der sie umgibt. 

Den Grenzen des Mythos kommt Nolan ziemlich nahe im ohnmächtigen, weil objektlosen Zorn der Penelope, und auch in der zarten, schmerzlichen Liebesgeschichte, die die Rückseite des Zorns ist. (Irgendwann wird Nolan vielleicht doch noch zu dem großen Frauenregisseur, der zweifellos in ihm steckt. Dann allerdings sicher ohne Göransson.) Dass er diese Grenzen in seinem Film nicht überschreitet, muss man dem Regisseur keineswegs zum Vorwurf machen. Ganz im Gegenteil: In einem Blockbusterkino, das zwischen den Ruinen verwehter Cinematic Universes und zynischer Nostalgie-Abschöpfungsversuche nach Orientierung sucht, ist Die Odyssee eben deshalb eine Wohltat: Weil der Film sich in seiner eigenen Erzählwelt von der ersten bis zur letzten Sekunde pudelwohl fühlt.

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