Hard to Kill – Kritik
Hard to Kill (1980) ist der Höhepunkt in der Karriere des wahnhaft von seinem Star-Status überzeugten Steven Seagal. Die wunderschön fotografierte Geschichte eines sadistischen Cops schwebt zwischen Actionreißer und unfreiwilliger Komik. Am Freitag läuft der Film im Berliner Hackesche Höfe Kino.

Steven Seagal ist der vielleicht größte Ausrutscher des Actionkinos, eine Anomalie des Genres. Sein kometenhafter Aufstieg Anfang der 1990er-Jahre lässt sich aus heutiger Sicht kaum noch erklären. Seine Markenzeichen – die Aikido-Kampfkunst, der immergleiche zusammengekniffene Gesichtsausdruck, das bedrohliche Flüstern, das verzweifelt so etwas wie Coolness suggerieren soll, die langen, öligen, zum Pferdeschwanz gebundenen Haare – erscheinen kaum als geeignete Zutaten für den nächsten großen Filmhelden. Doch Seagals ans Wahnhafte grenzende Überzeugung, der größte Actionstar der Filmgeschichte zu sein, erzeugte ein Charisma, das seine Filme komplett dominierte. Ganz gleich, mit welchem Regisseur er drehte, er bewegte sich stets in einem eigenen Subgenre: dem Seagal-Film.
Ein absoluter Höhepunkt seiner Karriere ist sein zweiter, wunderschön fotografierter Langfilm Hard to Kill von 1990. Würde es eine Parodie auf diesen Film geben, sähe sie wahrscheinlich genauso aus wie der Film selbst: Hard to Kill verharrt in einem Schwebezustand zwischen Actionfilm und unfreiwilliger Komik, den zwar auch andere Seagal-Filme erreichen, doch selten in dieser Formvollendung.
Steven Seagal spielt – man ist versucht zu sagen: ist – Mason Storm! Im gesamten Los Angeles Police Department gibt es keinen besseren Mann als ihn, was bei diesem Namen kaum verwundert. Im Zuge seiner Ermittlungen gegen Korruption zeichnet er heimlich ein Gespräch zwischen der Mafia und einer nur schemenhaften auftretenden Gestalt auf, in dem der Mord an einem Senator geplant wird. Ohne es zu wissen, hat Storm gerade Vernon Trent (William Sadler) aufgenommen, einen skrupellosen Politiker, der für seinen Aufstieg über Leichen geht und einen Kader korrupter Cops auf seiner Gehaltsliste hat. Kurze Zeit später dringen bewaffnete Männer in Storms Haus ein. Seine Frau wird ermordet, doch Storm selbst ist – siehe Titel – hard to kill: Schwer verletzt und für tot gehalten, überlebt er den Anschlag und liegt sieben Jahre lang im Koma. Als er aufwacht, sinnt er auf Rache.
Die Grenze zwischen Held und Psychopath ist fließend

Was sich zunächst wie die Ausgangslage eines handelsüblichen Actionfilms jener Zeit anhört, gerät im Detail so bizarr, dass man kaum glauben kann, irgendetwas davon sei je ernst gemeint gewesen. Um nur ein paar wenige Beispiele zu geben: Auf dem Heimweg von seinen geheimen Ermittlungen macht Storm Halt in einem Spirituosengeschäft, das just in diesem Moment von einer Gruppe Halbstarker überfallen wird. Storm macht kurzerhand Kleinholz aus den Banditen – und aus der Einrichtung. Dabei hat er noch die Ruhe, verbale Spielchen mit der Bande zu treiben, selbstverständlich stets unterhalb der Gürtellinie, bevor er den Männern dann genüsslich die Gliedmaßen bricht. Es ist dies ein Merkmal aller Seagal-Filme: sie sind zutiefst sadistisch.
Zu Hause angekommen, spricht Storm fix ein Nachtgebet mit seinem Sohn, um sich anschließend von seiner sehnsüchtig wartenden Ehefrau verführen zu lassen, die dabei lustvoll an seinem Pferdeschwanz herumspielt. Später, als er im Krankenhaus im Koma liegt, pflegt ihn die Krankenschwester Andy (gespielt von Seagals damaliger Ehefrau Kelly LeBrock) auf, gelinde gesagt, unkonventionelle Weise: Mit den Worten „Would you like a little pussy?“ legt sie ihm ein Kätzchen auf die Schulter. Als sie anschließend einen Blick unter seine Bettdecke wirft, kommt sie aus dem Staunen nicht mehr heraus: Seagal ist eben in allen Belangen bigger than life – jedenfalls ist das seine Überzeugung.
Derartige Szenen, bei denen man sich nur verwundert den Kopf kratzt, ziehen sich durch den gesamten Film. Das ist äußerst unterhaltsam, führt aber immer wieder zu einer grundlegenden Frage: Was für einen Typus will Seagal eigentlich verkörpern? Storm/Seagal hält Stegreifpredigten, in denen er sich besonnen gegen Gewalt ausspricht: „Learn how to heal people.“, lautet sein Credo. Doch den gesamten Film über macht er nichts anderes, als jeden kurz und klein zu schlagen, der sich ihm in den Weg stellt. Die Brutalität geht dabei so weit, dass man mitunter meint, sich in einem Psychothriller zu befinden – allerdings aufseiten des Serienmörders. Die Grenze zwischen Held und Psychopath ist bei Seagal stets fließend.
Fake it till you make it

Innerhalb der Entwicklung des US-Actionfilms der 1980er- und frühen 1990er-Jahre nimmt Steven Seagal eine Zwischenposition ein. Auf der einen Seite stehen Sylvester Stallone und Arnold Schwarzenegger, die mit ihren modellierten Muskelkörpern wie menschliche Massenvernichtungswaffen cineastisch Geopolitik betreiben; auf der anderen Bruce Willis und Mel Gibson, die psychisch versehrte, dadurch aber nahbare Cops verkörperten, deren Anliegen es war, auf heimischem Terrain für Recht und Ordnung zu sorgen. Dazwischen steht Seagal. Er hatte weder den Körper eines Stallone oder Schwarzenegger – beim Rennen schlackern seine Arme oft wie zwei weiche Spaghetti hin und her – noch die schauspielerische und emotionale Bandbreite eines Willis oder Gibson – manchmal fragt man sich, ob Seagal noch etwas anderes mit seinem Gesicht machen kann, als bedrohlich die Augen zusammenzukneifen. Im Gegensatz zu diesen Stars musste sich Seagal seinen Weg an die Spitze jedoch nicht über Jahre erarbeiten. Zwar war er vor seiner Filmkarriere unter anderem als Martial-Arts-Trainer und Stunt-Koordinator tätig, doch seine Kontakte in Hollywood ermöglichten ihm dann einen ungewöhnlich direkten Einstieg als Hauptdarsteller. Bereits mit seinem Filmdebüt Above the Law (1988) wurde er als neuer Actionstar präsentiert.
Ganz ohne Mythenbildung ging das freilich nicht. Schon vor seinem Spielfilmdebüt veröffentlichte die Los Angeles Times ein ausführliches Porträt des zukünftigen Heros: „Tall and lean, with the rough, good looks of a daredevil jet pilot, Steven Seagal is more than just a 6-foot-4 martial-arts wizard who can flip a man 5 feet in the air with a flick of his wrist.“ Neben den Aikido-Künsten des Meisters thematisierte der Artikel vor allem seine angeblichen Verbindungen zur CIA. War er an Geheimoperationen beteiligt? Hatte er Spezialeinheiten in fernöstlicher Kampfkunst trainiert? Belege für derartige Behauptungen lieferte Seagal natürlich nie. Doch das Faszinierende an ihm ist weniger der Wahrheitsgehalt seiner Lebensgeschichte als die Chuzpe, mit der er seine eigene Legende kultiviert hat und dabei nie den geringsten Selbstzweifel hat erkennen lassen.
Mal gibt er sich als Ex-CIA-Agent aus (wie seine Figur in Above the Law), mal als Italoamerikaner mit street credibility (wie seine Figur in Out for Justice), mal als Amerikanischer Ureinwohner (wie seine Figur in On Deadly Ground). Das Schlüpfen in andere Identitäten ist selbstverständlich das Wesen des Schauspiels, doch bei Seagal schwappt diese permanente Kostümierung auf sein gesamtes Leben über. Und das Allerwichtigste ist: Man kauft Seagal seine Verwandlungen nie ab, sie bleiben stets Behauptung, man spürt immer den ihnen zugrundeliegenden Wunsch, jemand anderes zu sein. Das hat etwas Lächerliches aber auch etwas Tröstliches: Jeder kann sich seine eigene Identität jenseits von Herkunft und gesellschaftlichen Zuschreibungen zusammenbauen – und das Ergebnis muss nicht mal glaubhaft sein, um trotzdem akzeptiert zu werden.

Insbesondere bei moralischen Verfehlungen von Stars – und die gibt es bei Seagal zur G genüge – diskutiert man über die Trennung von Künstler und Werk. Bei Seagal ist dies eine müßige Übung. Was uns auf der Leinwand präsentiert wird, ist immer Seagal selbst, beziehungsweise der Mensch Seagal ist nichts anderes als die Vielzahl an Bildern, die er von sich entworfen hat. Er ist eine durch und durch authentische Person, eben weil er nicht darauf beharrt, einen wahren Kern zu besitzen. Seine Filmfiguren sind lediglich die Verlängerungen seines eigenen Größenwahns – und er selbst hat keine bestimmendere Eigenschaft, als eben diesen Wahn. Seagal ist gewissermaßen das Ideal des modernen Subjekts. Mit den Worten Mason Storms braucht es dafür nur eines: „Superior attitude. Superior state of mind.“
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