Barrio Triste – Kritik

Grand Theft Auto Medellin: In seinem hypnotischen Kinodebüt Barrio Triste lässt Musikvideo-Regisseur Stillz jugendliche Gangster durch die kolumbianische Millionenstadt streifen. Die Kamera wird dabei zum Komplizen.

Kahl geschorene Köpfe, starre Blicke, in der Hand eine Knarre oder Machete: Die Gang um Mundomalo (Samuel Velásquez) begegnet der schlechten Welt – mundo malo – um sie herum mit einer sehr rauen Form von Männlichkeit. Aus wie vielen Mitgliedern die Bande besteht, lässt sich kaum sagen. Die einzelnen Jugendlichen sind so austauschbar und aggressiv wie die Straßenhunde, denen wir in einer Szene begegnen. Keiner von ihnen entwickelt sich je zu einer dreidimensionalen Figur. Stattdessen sehen wir zu, wie sie sich mal in Gruppen, mal allein, mal mit Masken, mal ohne, zu Fuß oder per Auto aus den umliegenden Slumhügeln ins Tal aufmachen, in die sozial unerreichbare Stadt. Dort überfallen sie einen Juwelier-Laden, greifen Journalisten an und töten einen Unschuldigen.

Sozialdrama statt Gangster-Glamour

Wer sich nun auf Action freut, wird allerdings enttäuscht: Der Gangsterfilm Barrio Triste (2025) arbeitet zu großen Teilen ohne sichtbare Gewalt und verlagert die Taten in den Off-screen-Bereich oder in die Köpfe des Publikums. Was wir stattdessen zu sehen bekommen, erinnert oft eher an ein Sozialdrama: Die Heimat der Jugendlichen besteht aus Rohbauten – unverputzten Ziegelsteinen, Treppen ohne Geländer, Fensteröffnungen ohne Fenster. Drinnen liegt irgendwo eine dreckige Matratze auf dem Boden, draußen stapeln sich Müllberge. In den kleinen Heiligenhäuschen am Straßenrand hängen Plakate, mit denen nach „desaparecidos“ gesucht wird, den Verschwundenen – in Kolumbien kein seltenes Phänomen. Und anders als in vielen Gangsta-Rap-Videos sind die Thugs hier nicht von leichtbekleideten Frauen umgeben, sondern von Armut, Langeweile und Einsamkeit.

Die Gewalt der Gang ist insofern Ausdruck der eigenen Auswegs- und Hoffnungslosigkeit. Das schreibt sich auch visuell in den Film ein: Barrio Triste ist alles andere als Hochglanz. Zu Beginn rauben die Jugendlichen einem TV-Team die Kamera: Da der Plot in den 1980er-Jahren spielt, produziert sie körniges VHS-Material im engen 4:3-Format. Und weil sie ab diesem Punkt von einem der Täter geführt wird, wackelt das Bild wie zu ärgsten Dogma-Zeiten. Unschärfen sind eher Regel als Ausnahme und werden ab und zu durch schnelle, amateurhafte Zooms korrigiert. Zudem haben sich Flecken in das Objektiv eingebrannt – in dunklen Szenen wirken sie wie ein nächtlicher Sternenhimmel.

Die Kamera als Mit-Täter

Dass die Kamera stets von einem der Gangster geführt wird, macht sie zum Komplizen. Wir sehen das Geschehen aus der Perspektive der Täter. Der Kameramann schießt Munition, die Kamera schießt Bilder. Das könnte man als Identifikation des Films mit seinen Protagonisten interpretieren und ihm vorwerfen, er ästhetisiere oder glorifiziere Gewalt. Nur zeigt Barrio Triste eben erstaunlich wenig Gewalt – und das auch noch in maximal glanzlosen Bildern. In der Kameraergreifung steckt hier viel mehr eine Machtergreifung der Machtlosen: Sie kehren die Hierarchien der klassischen medialen Ordnung um, indem sie sich selbst dokumentieren und repräsentieren. Sie lassen nicht mehr über sich berichten, sondern berichten selbst – ein Vorgriff auf das Social-Media-Zeitalter in einer Epoche, in der die Bildermacht noch primär einer politischen und medialen Elite vorbehalten war.

Hypnotischer Trip durch dunkle Gassen

Hinzu kommt, dass Stillz – bekanntgeworden durch seine Musik-Videos mit Bad Bunny und Rosalía – das von der Gang erstellte Bildmaterial eben nicht eins-zu-eins wiedergibt, sondern es narrativ ordnet und bearbeitet: Er baut technisch anspruchsvolle Raum- und Zeitsprünge ohne Schnitt ein, dreht den Originalton häufig runter und legt extradiegetischen Sound drüber. In einem Fall ist das ein verstörendes Radiointerview mit einem misogynen Serienmörder, der seine Taten nüchtern beschreibt und so akustisch ein Bild von den gesellschaftlichen Umständen zeichnet, in denen die Protagonisten aufwachsen. Zumeist handelt es sich bei den externen Soundquellen jedoch um Musik – mal sphärische Drones oder Synthesizer, mal ein Klavierstück, mal Gesang. Dieser an Computerspiele erinnernde Soundteppich sorgt gemeinsam mit den immersiven POV-Aufnahmen der Streifzüge irgendwann für einen hypnotischen Sog, bei dem man fast glaubt, selbst durch die dunklen Gassen von Medellin zu gleiten.

Immer wieder flicht Stillz dabei stilisierte bis surreale Aufnahmen ein, die auch im körnigen VHS-Look noch grandios aussehen: eine flackernde Glühbirne in der Nacht, in rotes Licht getauchte Straßen, ein brennender Mercedes. Man weiß nie, was hinter der nächsten Ecke, nach dem nächsten Schnitt kommt. Mit einem Pferd und einem fluoreszenten (Todes-)Engel gelingen ihm zwei besonders überraschende Szenen. Lediglich ein paar eingestreute Interview-Aufnahmen mit deutlich höherer Bildauflösung stören den Fluss.

Immer wieder driftende Aggressionen

Es ist kein Zufall, dass in Barrio Triste zahlreiche Elemente auftauchen, die an die Filme Harmony Korines erinnern. Die Überfälle und Autofahrten lassen vor allem an Aggro Dr1ft (2023) denken, die frustrierten kriminellen Jugendlichen etwa an Gummo (1997), die rohe VHS-Optik an Trash Humpers (2009) oder Julien Donkey-Boy (1999). Korine hat Barrio Triste als Executive Producer mit seiner noch recht jungen Firma Edglrd (gesprochen: „Edgelord“) begleitet, die auch für Aggro Dr1ft und Baby Invasion (2024) verantwortlich zeichnete. Für diese Firma hat er eher unbescheidene Ziele formuliert: So will er mit „halluzinativen Effekten“ eine ganz neue Form von Entertainment erschaffen, die über das traditionelle Kino hinausgeht und unter anderem interaktive Gaming-Elemente miteinbezieht – Erlebnisse statt bloßer Filme also.

Die bisherigen Langfilme von Edglrd vereint, dass sie allesamt Gewaltverbrechen in stilistisch ungewöhnlicher, immersiver Form präsentieren. Für eine Revolution des Kinos reicht das wohl noch nicht ganz aus. Mit Barrio Triste ist Stillz und Korine aber auf jeden Fall eine stilistisch und atmosphärisch betörende Annäherung an einen POV-Shooter gelungen – bei dem allerdings kaum geschossen wird.

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