Coyote vs. Acme – Kritik

Ewig erfolglos jagt Wile E. Coyote den listigen Roadrunner, jetzt ist er des Scheiterns müde und zieht vor Gericht: Coyote vs. Acme stürzt sich mit Herzblut in die absurde Energie der Looney-Tunes-Welt, sehnt sich aber dann doch nach einem versöhnlichen Ende. 

Wir müssen uns Wile E. Coyote als einen glücklichen Menschen vorstellen. So (in etwa) postulierte Albert Camus einst. Der französische Existentialist fand in der griechischen Sagengestalt des Sisyphos bekanntermaßen das Sinnbild des absurden Menschen, der die Sinnlosigkeit seines Schicksals annimmt, der Ja zur Absurdität der Welt sagt – und einfach ewig weitermacht. Der keinerlei Glauben mehr braucht, dass irgendetwas einen tieferen Sinn ergibt. Die Looney-Tunes-Figur Wile E. Coyote ist im Grunde nichts anderes als dieser Sisyphos: tagaus, tagein jagt er den Roadrunner, im Wissen, dass er ihn wahrscheinlich nie fangen wird, und trotzdem macht er immer weiter. So führt er in zig Abenteuern immer wieder vor, wie absurd das Leben ist.

In Coyote vs. Acme fasst unser tierischer Sisyphos aber einen neuen Plan. Er verklagt die Firma Acme, deren Erfindungen er eins ums andere Mal bei seiner Jagd einsetzt und deren Fehlfunktionen zielsicher zu seiner Niederlage führen. Anwalt Kevin Avery (Will Forte) soll ihn gegen das Unternehmen vertreten. Es ist eine David-gegen-Goliath-Situation: Kevin, ein Winkeladvokat, schlurft ansonsten täglich auf Arbeit, um sich mit ein paar schnellen Vergleichen über Wasser zu halten. Sein Leben ist die verewigte Akzeptanz der Niederlage. Acme hingegen hat als Großkonzern die Wirtschaft, die Medien und auch die Gerichtshöfe in der Hand und kommt mit allem durch.

Die Klage sieht also nicht erfolgsversprechend aus, bis ein anonymer Anrufer seine Hilfe anbietet: Bugs Bunny wird zum Deep Throat des Falls, also zu dem Informanten, der die Watergate-Affäre ins Rollen brachte. Es folgt ein Paranoia-Thriller, in dem Avery aufdecken muss, was sich hinter Acmes passend benanntem „Projekt Sisyphos“ verbirgt. Wichtige Zeugen verschwinden oder (wie etwa Daffy Duck) finden sich in einer Irrenanstalt wieder, das Leben des Anwalts wird bedroht (u.a. von Tweety) – und dann mündet alles in ein Gerichtsdrama mit Elmar Fudd als Richter, mit John Cena (quasi ein Cartoon in Menschengestalt) als Anwalt und Foghorn Leghorn als Acme-Firmenpräsident.

Ausgelassenes Spiel mit den bekannten Looney-Tunes-Figuren

Das offenkundige Vorbild für Dave Greens Film ist Falsches Spiel mit Roger Rabbit (Who Framed Roger Rabbit, 1988) von Robert Zemeckis. In jenem Film teilten sich ebenfalls reale Menschen und Zeichentrickfiguren eine gemeinsame Lebenswelt und ein klassisches Genre: der Noir-Krimi, wird mit der Verrücktheit der Looney Tunes gepaart. Während Zemeckis’ Film aber weitestgehend auf eigens neu erfundene Zeichentrickfiguren setzte, vergeht in Coyote vs. Acme keine Minute, in der nicht auf die alten Warner Bros. Cartoons verwiesen wird. Von kleinen Anspielungen – der Name der Anwaltskanzlei „Avery, Jones & Maltese“ verweist auf die stilprägenden Looney Tunes Animatore Tex Avery, Chuck Jones und Michael Maltese – reicht es hin zu direkten Zitaten, etwa wenn Original-Roadrunner-Cartoons zur Darstellung von Wiles’ Erinnerungen eingeschoben werden.

Die Macher von Coyote vs. Acme wurden sichtlich von dem Wunsch angetrieben, sich endlich selbst mit den bekannten Figuren und deren Running Gags austoben zu können – wobei die offenkundige Liebe nie in zu viel Ehrfurcht umschlägt. Gleich zu Beginn des Films gibt es eine Szene ganz im Stil der alten Cartoons, in der Wile E. Coyote den Roadrunner zu fangen versucht, brutal scheitert und am Ende fast schon obligatorisch in einen Canyon stürzt. Die daraufhin anhebende Filmerzählung setzt die altbekannten Figuren und deren Eigenarten lustvoll und punktgenau ein. Wenn etwa John Cena seinen Schergen Tweety zur Rede stellt, dann lispeln plötzlich beide mit ebenjenem speichelwerfenden Sprachfehler, der für den gelben Cartoonvogel charakteristisch ist. Die Nostalgie ist hier nie Selbstzweck, immer läuft sie auf eine gelungene Pointe hinaus. Das unverkennbare Herzblut ist eines der großen Qualitäten des Films.

Am Ende fehlt der Mut zur eigenen Absurdität

Nur haben wir es hier nicht mit einem Looney-Tunes-Cartoon der Vergangenheit zu tun, sondern mit einem groß aufgezogenen Event-Film von heute. Bekannterweise wollte Warner den schon 2023 fertiggestellten Film ja ursprünglich im Archiv vermodern lassen, um so eine Steuerabschreibung zu kassieren. Dennoch stecken im fertigen Film sichtlich viel Geld und die Anstrengungen eines großen Studios und in seiner Gesamtheit wirkt er zu sehr darauf bedacht, stimmig und rund rüberzukommen. Den Fans soll etwas gegeben werden, worüber sie nicht nur lachen können, sondern das sie auch emotional bewegen soll. Coyote vs. Acme leider kein bisschen looney ist, sondern innerhalb der Bahnen des geregelten Geschichtenerzählens mit aufbauender Botschaft bleibt. So viel Spaß der Film auch macht, im Kern geht er zu sehr auf Nummer sicher.

Das größte Problem ist die allzu bekannte David-gegen-Goliath-Geschichte. Nicht nur lässt sie den cartoonartigen Übermut zunehmend versiegen, auch rückt sie den nicht optimalen menschlichen Cast sehr in den Vordergrund. Kaum jemand außer Cena und Forte hinterlässt einen nennenswerten Eindruck und Forte selbst funktioniert als Hauptdarsteller nur bedingt. Als heruntergekommener Schluffi ohne Ambition und Selbstvertrauen sowie als Opfer des Looney-Tunes-Chaos passt er wie die Faust aufs Auge. Aber als jemand, der eine ernsthafte Geschichte tragen und mit dem wir mitfiebern sollen, ist er schlicht zu eindimensional.

Der Film baut ihn sogar zum Kämpfer gegen ein übermächtiges kapitalistisches System auf, der sein Schicksal annimmt und das ewige Scheitern hinter sich lässt. Coyote vs. Acme ist bestrebt, für alle ein versöhnliches Ende zu finden: für seine Figuren wie für den Zuschauer. Damit versucht er das Schicksal des Sisyphos und Wile E. Coyotes zu durchbrechen und macht einen entscheidenden Fehler, in dem er das Schicksal von Sisyphos und Wile E. Coyote zu durchbrechen und dadurch jene Absurdität abzuwerfen versucht, die einst den Erfolg der Looney Tunes ausmachte. Bei aller Liebe und allem Spaß ist Coyote vs. Acme schließlich nicht mehr als ein gefälliger Film und eine sehr nette Fußnote zu den Werken von Avery, Jones und Maltese.

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