The Image – Kritik
Kino-Tipp: Radley Metzgers Kino ist von einer eleganten Dekadenz geprägt, die keinen Raum für ökonomische und weltliche Probleme lässt. Im üppig eingerichteten Townhouse des berüchtigten Trump-Anwalts Roy Cohn drehte Metzger mit The Image einen SM-Porno um Dominanz und Unterwerfung. Schöner wurde Urinieren selten inszeniert.

1975 war ein großes Jahr für den SM-Film. Gleich in drei prominenten Produktionen wurde bis zur Ekstase gefesselt, geknebelt und gepeitscht: in Just Jaeckins Kinohit Histoire d’O, Gerard Damianos düsterem The Story of Joanna und Radley Metzgers wunderschön opulentem The Image. Alle drei sind Verfilmungen von Romanen, die rund zwanzig Jahre zuvor für Aufsehen gesorgt hatten. Während die ersten beiden Filme auf Pauline Réages 1954 erschienenem Roman Histoire d’O basieren, adaptierte Metzger den 1956 veröffentlichten Roman L’Image von Catherine Robbe-Grillet, den sie unter ihrem männlichen Pseudonym Jean de Berg veröffentlicht hatte. Gedreht hatte Metzger eigentlich bereits zwei Jahre zuvor; rechtliche Schwierigkeiten verzögerten jedoch die Fertigstellung. So kam sein Film genau im richtigen Moment ins Kino.
In The Image begegnet der Schriftsteller Jean (Carl Parker) auf einer Soirée in Paris seiner alten Bekannten Claire (Marilyn Roberts). Aus dem Off erfahren wir, dass Claires Mangel an Verletzbarkeit stets Jeans Begehren gedämpft hat. An diesem Abend stellt sie ihm die mysteriöse und wesentlich jüngere Anne (Mary Mendum) vor. Schnell wird klar, dass die beiden keine gewöhnliche Freundschaft verbindet, sondern eine SM-Beziehung: Claire ist die Domme, Anne die Sub. Jeans Neugierde ist sofort geweckt, seine Faszination für Anne lässt ihn nach und nach selbst Teil der Liaison werden.
Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose

Radley Metzgers Kino ist stets von Dekadenz geprägt. Auch in The Image scheinen ökonomische und weltliche Probleme keine Rolle zu spielen. Man besucht Restaurants und Vernissagen, flaniert durch Parks, zieht sich in elegante Wohnungen zurück. Es ist eine hermetische Welt des Wohlstands, in der die Figuren ungehemmt ihrem Hedonismus frönen können. Metzger lässt uns in barocken Bildern an dem Reichtum, der aristokratischen Eleganz und sexuellen Libertinage dieser Gesellschaft teilhaben. Für die Außenaufnahmen hat er Paris in schönsten Postkartenbildern eingefangen. Die Innenraumaufnahmen entstanden hingegen in Manhattan. Dort fand sich eine nicht minder opulente Kulisse: das üppig eingerichtete Townhouse des berüchtigten Trump-Anwalts Roy Cohn, der später behauptete, von nichts gewusst zu haben, als herauskam, dass in seinen vier Wänden ein Sexfilm gedreht worden war.
Vor diesen prächtigen Szenerien findet das erotische Spiel um Dominanz und Unterwerfung statt. So trifft sich Jean am Tag nach der Party mit Claire und Anne im Parc de Bagatelle. Claire befiehlt Anne, verbotenerweise eine der Rosen zu pflücken. Für ihr kurzes Zögern wird sie sogleich bestraft. Zunächst soll sie sich die Rose unter die Strapse klemmen, sodass die Dornen ihr in die Haut stechen. Kurz darauf wird sie angewiesen, sich auf der roten Blüte zu erleichtern. Schöner wurde Urinieren selten inszeniert. Jean, zunächst nur in der Rolle des Beobachters, findet zunehmend Gefallen an dem Spiel und wächst langsam selbst in die Rolle des Dominus hinein.

Metzger arbeitet nah an der Romanvorlage, nutzt aber die Möglichkeiten des visuellen Mediums, um immer wieder symbolisch aufgeladene Bilder einzustreuen – zugegebenermaßen eher mit dem Holzhammer. Da werden Siegessäulen, Obeliske und der Eifelturm zu Riesenphalli, Fontänen in Parkanlagen ejakulieren endlos über die Leinwand. Im Verlauf der Handlung wandern die Figuren jedoch allmählich von den luftigen Außenaufnahmen in die privaten Gemächer von Claire. Bis sie schließlich in einer Art Folterkammer enden, die ebenso gut aus einem Historienfilm über die Zeit der Inquisition stammen könnte. Dort stoßen Anne – aber auch die Zuschauer*innen – an ihre Schmerzgrenze.
Topping from the Bottom
Obwohl es fast ausschließlich um das Trio Claire/Anne/Jean geht, erfahren wir erstaunlich wenig über die drei. Besonders Jean bleibt trotz seines permanenten Voiceovers seltsam konturlos; Carl Parkers hölzernes Spiel verstärkt diesen Eindruck noch. Auch Claire bleibt lange ein Rätsel, doch Marilyn Roberts spielt sie als kühle Blonde, hinter deren kontrollierter Fassade immer wieder Momente der Verletzlichkeit aufscheinen. Mary Mendum in der Rolle der Anne ist hingegen das sinnliche Zentrum des Films. Ihre Anne ist nicht einfach passiv, sondern neugierig, erwartungsvoll und immer wieder sichtbar erregt von dem Spiel, in das sie sich begibt.

Das eigentliche Thema des Films ist jedoch nicht das Erkunden von SM-Praktiken, sondern das Begehren selbst und die verschlungenen Wege, auf denen es sich zu erkennen gibt. Bei einem frühen Treffen zeigt Claire Jean eine Reihe kunstvoller Schwarz-Weiß-Fotografien. Zu sehen ist die junge Anne, gefesselt und geknebelt, in Ekstase zwischen Lust und Panik. Unter den Aufnahmen befindet sich jedoch auch eine, die scheinbar eine andere Frau zeigt. Das Gesicht der Frau ist nicht zu sehen, doch die Hände ähneln denen von Claire. Sie gibt Jean damit nicht nur einen Vorgeschmack auf Anne, sondern versucht, ihm auf subtile Weise zu sagen, wie sie selbst von ihm begehrt werden will. Anne ist für sie eigentlich nur Mittel zum Zweck, beziehungsweise eine Chiffre für ihr eigenes Begehren.
Erst am Ende wird dieses Arrangement offensichtlich. Nachdem Anne ihre beiden Partner verlassen hat, ist es nun Claire, die allein vor Jeans Tür steht. Die strenge Domme ist verschwunden; Claire hat sich mädchenhaft gekleidet wie zuvor Anne und bietet sich Jean nun selbst an. Sie hat die Rollen getauscht, von der strengen Domina zur unterwürfigen Sklavin. Und doch kann von einer klaren Rollenaufteilung nicht die Rede sein. Vielmehr kommt hier die delikate Spannung zwischen Dominanz und Unterwerfung ganz zum Tragen: Jean befindet sich zwar nun in der Rolle des Dominators, doch diese Beziehung ist allein Claires Werk. Sie hält die Zügel in der Hand.
Der Film läuft am Freitag, den 11.09.2026 um 21:00 Uhr im Filmrauschpalast Moabit (davor kommt Corruption). Tickets gibts hier.
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