Das Ende der Sterne – Kritik

Ein blutiger, postapokalyptischer Western um einen todessehnsüchtigen jungen Piloten. Ridley Scotts neuestes Werk Das Ende der Sterne ist nachdrücklich inszeniertes Actionkino mit atemberaubenden Kämpfen und sensationell irrwitzigen Passagen. 

Eigentlich fehlt nur noch Reinhard Mey: „Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein“. Denn sobald es Hig (Jacob Elordi) am Erdboden zu viel wird, steigt er in sein Cessna-Kleinflugzeug und lässt seine Probleme hinter sich. Das Ende der Sterne (The Dog Stars) schwelgt immer und immer wieder in der Weite des Himmels: weiche, weiße Wolken, darunter die malerische, kluftige Gebirgslandschaft. Oben herrscht Leichtigkeit, unten Schwere. Das Problem ist nur, dass Freiheit, jedenfalls laut Janis Joplin, bedeutet, nichts mehr zu verlieren zu haben. Was manchmal eine Erleichterung sein mag, heißt für Hig jedoch, keinen Grund mehr zum Leben zu haben. Immer wieder hält er mit seinem Flugzeug auf eine Gebirgswand zu und steht kurz davor, Schluss zu machen.

Auf der Erde hat Hig nur Probleme. Eine Grippewelle hat fast die gesamte Menschheit ausgelöscht. Er hat zwar überlebt, aber seine Frau verloren. Die USA sind – zumindest im Bereich der Rocky Mountains, wo der Film spielt, auch wenn er in Italien gedreht wurde – inzwischen wieder Wild-West-Gebiet. Vereinzelt gibt es noch überlebende Siedler und Umherwandernde. Vor allem aber „Stämme“ Verwahrloster, die in Kriegsbemalung durchs Land ziehen und als Mob mit vorzivilisatorischer, vorrationaler Zerstörungswut verwüsten und morden. In diesem postapokalyptischen Western nehmen sie sowohl die Position der Zombies als auch der klischeebeladenen Indianer auf dem Kriegspfad ein.

Erst schießen, dann fragen

Während Hig davon träumt, doch noch einen Ort zu finden, wo alles wie zuvor ist, lebt er auf einem ehemaligen Flugplatz mit jemanden, der nur auf dieses Survivalwelt gewartet hat: Bangley (Josh Brolin) genießt sein nun klar strukturiertes Leben sichtlich. Seine „Ranch“ ist seine ganze Welt, die es vor dem draußen lauernden Feind zu schützen gilt. In steter Alarmbereitschaft sitzt er auf der Veranda oder auf seinem Ausblick mit Scharfschützengewehr. Erst schießen, dann fragen ist sein Motto. Hig und Bangley sind wie Hund und Katze, aber sie brauchen einander.

Hig wird schließlich in Richtung der Stadt Grand Junction aufbrechen und – ermutigt durch aufgeschnappte Funksprüche – nach einem Rest der alten Zivilisation suchen. Für Das Ende der Sterne bedeutet das eine meditative Gegenüberstellung: Hier Hig, der aufbricht und nach einer Existenz sucht, in der er etwas zu verlieren hat; der sich der Welt und ihren Menschen öffnet und nicht glauben will, dass der Mensch seinesgleichen nur ein Wolf ist. Abseits seines luftigen Elements verschlägt es ihn in die unberührte Natur und damit zu einer Wiederkehr der USA der ersten Siedler – auf die Farm von Pops (Guy Pearce) und dessen Tochter Cima (Margaret Qualley).

Auf der anderen Seite steht der vereinsamte Bangley, der nichts als Werkstätten, Waffen und ein Überleben in andauernder Habachtstellung hat. Sichtlich ist die Gegenüberstellung der beiden nicht ohne Ballast, geht es doch um die USA, ihre Identität und ihre Zukunft. Was soll es sein, für die Bürger, für die ganze Nation? Sich weiter abschotten, die eigene Existenz als Kampf und die Anderen als Gegner verstehen? Sich weiter an die Vergangenheit und ehemalige Größe klammern? Oder doch wieder den Blick hoffnungsvoll gemeinsam in die Zukunft richten?

Durch den Monsun: Sackgassen statt Lösungswege

Der Vergleich zwischen diesen beiden Lebensentwürfen wird aber nicht als Front verstanden, nicht als hier gut, da schlecht. Überhaupt folgt Das Ende der Sterne keinem geradlinigen Pfad Richtung Lösung. Vielmehr begleitet er das Mäandern der Figuren in diverse Sackgassen. Während Higs Weg u.a. in eine sensationell irrwitzige Horrorvision führt, in der unsere Gegenwart als makabre, untote Twilight Zone am Leben erhalten wird, kommt Regisseur Ridley Scott sichtlich zu sich, wenn er mit Bangley ordentlich vom Leder ziehen kann, weil nur noch Waffengewalt das nackte Überleben sichert: Treibt der Film mal nicht ungerichtet durch die Postapokalypse, dann ist er nachdrücklich inszeniertes Actionkino. Bangleys Kampf gegen die Hundertschaft einer der Stämme ist atemberaubend. Große Teile davon sehen wir durch sein Nachtsichtgerät; das Blut spritzt psychedelisch grün über die Leinwand.

Die größte Stärke von Das Ende der Sterne aber ist, dass er sich nicht als Diskussionsplattform oder bedeutender sozialpolitischer Stichwortgeber versteht, sondern als persönlicher Genrefilm. Die emotionale Hauptader in der Weite und Verrohung einer zusammengebrochenen Welt ist ein suizidaler junger Mann, der auf seine wenigen Mitmenschen wie ein hoffnungsvoller, mitfühlender Sympath wirkt, der jedoch mit nachlassendem Lebensmut durch das Fegefeuer brutaler Gewalteruptionen muss, um wieder einen Sinn zu finden. Einen Sinn, der nicht nur befreit, sondern auch einen neuen Lebensentwurf bedeutet. Jacob Elordi füllt diese Schuhe punktgenau aus. Er sieht zwar jung und wie aus Stein gemeißelt aus, seine Augen und sein Mund sprechen aber eine andere Sprache.

So gibt sich der Film einerseits laut und deutlich als vieldeutiger, blutiger postapokalyptischer Western. Aber unter dieser Oberfläche steckt im besten Sinne ein ruhiges Stück Amerikana, das in den Weiten einer neuen Welt seine simple Utopie sucht, in der das Schönste ein gemeinschaftlicher Tanz vor der Scheune zu Banjo und Geige ist. Unter all dem Offensichtlichen findet sich vor allem eine introvertierte, zaghafte Romanze, bei der sich die größte Intensität in kleinen Gesten wie einem nächlichen Anschmiegen findet.

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