Morgen vor langer Zeit – Kritik

Locarno Film Festival 2026: Geschichte als geschichtet begreifen. Luise Donschens Morgen vor langer Zeit überspannt in den Geschichten dreier Frauen 500 Jahre deutsche Geschichte und ist doch wie aus einem Guss.

Die sogenannte Wiedervereinigung Deutschlands ist 36 Jahre her, der Bauernkrieg ein halbes Jahrtausend. Eine entscheidende Schlacht verloren die Aufständischen um den Theologen Thomas Müntzer am 15. Mai 1525 im thüringischen Bad Frankenhausen, am Südhang des Kyffhäusers. Nicht nur martialische Ortsbezeichnungen wie „Blutrinne“ und „Schlachtberg“ haben die Kämpfe bis heute in die Landschaft eingetragen; in einer Rotunde auf dem Schlachtberg ist außerdem das Bauernkriegspanorama des Leipziger Künstlers Werner Tübke ausgestellt, eine großdimensionierte Darstellung der Schlacht auf 14 x 123 Metern.

Eines der größten Panoramen der Welt (1722 m2) am Fuße des kleinsten Mittelgebirges Europas (70 km2), fertiggestellt 1987, offiziell eingeweiht am 14. September des Thomas-Müntzer-Jahres 1989, wenige Monate vor dem Fall der Mauer. Das antifeudale Aufbegehren der Bauern interessierte die DDR-Führung als Sprosse auf der Leiter des historischen Materialismus. In seinem Gemälde, das mit „Frühbürgerliche Revolution in Deutschland“ betitelt ist, hat Tübke den Bauernkrieg aus seiner realsozialistischen DDR-Gegenwart heraus imaginiert – vielleicht bereits in der Vorahnung, dass dieser Gegenwart keine lange Zukunft mehr beschieden sein würde.

Ein Pfund für drei Pfennige

Soweit die historischen Eckdaten von Luise Donschens ebendort angesiedeltem Spielfilmdebüt Morgen vor langer Zeit. Donschen trägt Daten und Fakten, der Filmtitel lässt es vermuten, nicht brav auf einen linearen Zeitstrahl ein, sondern skizziert um sie herum eine elliptisch geschichtete Erzählung, in der sich Orte und Figuren, Pflanzen und Steine den erzählten Raum über die Zeiten hinweg teilen dürfen.

Wenn Donschen auf eine gescheiterte blutige und eine geglückte friedliche Revolution zurückblickt, dann aus einer Position, die nach den Spuren des Gestern (und des Vorgestern) im Heute sucht und eher in den Mikrogeschichten als den großen Zusammenhängen fündig wird. Die großen Zusammenhänge haben als starre Größe Eingang in die Schulbücher der Wende- und Nachwendekindeskinder gefunden, für die das alles lange zurückliegt. Sogar im Matheunterricht wird der Bauernkrieg als Stoff geschätzt: Der Strohschneider bekommt täglich 15 Pfennige Lohn, das Pfund Rindfleisch kostet drei Pfennige. Wie viel Pfund Rindfleisch kann sich der Strohschneider pro Tag kaufen?

Die Parole, die ins Schlafzimmer dringt

Eine Frage, die der Film beantwortet, und zwar mathematisch korrekt. Andere Antworten muss er verweigern, weil er schon die Fragen nicht gradheraus stellt, jedenfalls werden einem die Debattenbrocken aus den Talkshows und Feuilletons (Wendeverlierer, Rechtsruck, „Ostdeutschland“) nicht in jeder Einstellung ins Gesicht gepfeffert. Was nicht heißt, dass sie zwischen den Einstellungen nicht rumliegen, nur ist Morgen vor langer Zeit alles andere als ein Thesenfilm über deutsch-deutsche Geschichte. Donschen arbeitet subtil, aber politisch präzise. Um den Auftakt der Baseballschlägerjahre und den Zuwachs rassistischer Gewalt in den 1990er-Jahren anzudeuten, genügt es, die Parole „Deutschland den Deutschen, Ausländer raus“ nachts durch frisch geputzte Doppelfenster ins Schlafzimmer dringen zu lassen. Die Präsenz von Krieg und Aufrüstung nach der „Zeitenwende“ scheint in der Nebenfigur eines jungen Bundeswehruniformierten auf, der anderen Nebenfiguren, prononciert nebenbei und gar nicht mal unsympathisch, von den Vorzügen seiner Berufswahl berichtet.

Morgen vor langer Zeit verwebt die Geschichten dreier Frauen. Grace (Pola Friedrichs), etwa zehnjährig, ist noch am ehesten der Zukunft zugewandt, löst in den 2020er-Jahren Mathematikaufgaben und Zauberwürfel. Jelena (Manuela Biedermann/Nele Christoph) taucht zunächst als Besucherin des Bauernkriegspanoramas auf und sich später traumweise ins Jahr 1990 zurück, als sie ihre Heimat nach der Entlassung aus der Filmfabrik Richtung Westen verließ. Zurück bleibt die ebenfalls entlassene und etwas ältere Patty (Gerti Drassl), die für den Rest des Films – Gegenwartsklammer hin oder her, ob noch im Traum oder nicht – das stille Kraftzentrum des Films bildet.

Rückzug in blühende Landschaften

Die Synopsis weist Patty als fünfzigjährig aus, das würde bedeuten: Kriegskind, aufgewachsen im „neuen Deutschland“, das Ende der DDR auch das Ende ihres bisherigen Lebensentwurfs. Ohne Job und Perspektive streift sie durch die Straßen, lernt einen jüngeren Mann (Clemens Bobke) kennen, der sie quasi aus dem Sperrmüll fischt und mit dem sich wortlos ein wenig Zärtlichkeit leben lässt. Aber auf lange Sicht will Patty ihr Leben neu aufstellen. Die neue Warenwelt verspricht eine Zukunft (der SUPERFIX, ein toller Schwamm, hält 8-10 Jahre!), an der sie nicht teilhaben mag. Stattdessen sammelt sie alte, kaputte Dinge, nicht Flohmarkt-DDR-Memorabilia per se, aber doch Gegenstände mit einem Zeitkern. Ein sanftes Auflehnen gegen den Wandel, den die Wiedervereinigung bringen soll: Das Geld verliert seinen Wert, aber die Münzen fühlen sich an wie immer. Gegenstände werden überflüssig, vom Neuen überholt, aber sie sind immer noch da.

Irgendwann sind es allerdings so viele, dass sie ihr den Zugang zur eigenen Wohnung versperren. Patty sieht nur eine Lösung: Rückzug in die blühenden Landschaften des Kyffhäusers. „So ‘ne kleine Frau / Und so ‘ne große Lust“, schmettert es von der Kassette, bevor Patty und mit ihr der Film für geraume Zeit in der Natur verschwinden. Die Lust sieht man Patty beileibe nicht an; Drassl gelingt in ihrer Mimik eine seltsame Mischung, eine Art eindrucksvolle Ausdruckslosigkeit. Sie schaut immer ungefähr gleich drein, aber nur ungefähr, und das ist entscheidend. Sie changiert zwischen zärtlicher Liebhaberin, kindlicher Offenheit und aus der Zeit gefallenem historischen Platzhaltersubjekt, aber auch die zunehmend verwildernde Eremitin, die sie für einen guten Teil des Films stumm verkörpert, nimmt man ihr sowas von ab.

Hier wuchs einiges zusammen

Durch die langjährige Zusammenarbeit der Beteiligten (Kamera: Helena Wittmann, Sound: Nika Son) ist Morgen vor langer Zeit, wie bei Filmen aus dem Hause Fünferfilm üblich, ästhetisch aus einem Guss. Ob es zusammengehörte oder nicht, hier wuchs einiges zusammen. Das beginnt beim Schauspiel und hört beim programmatischen Geschichtskonzept, nämlich Geschichte nicht nur als geschichtet zu begreifen, sondern auch filmisch begreifbar zu machen, nicht auf. Auf der Tonspur werden die Revolutionen der Vergangenheit beschworen. Gleichzeitig folgt die Kamera dem Flug eines Vogels, streift das Kyffhäuser-Denkmal am Horizont, landet schließlich auf einem Feld mit vertrockneten Sonnenblumen und hat zwischendurch vielleicht nicht 500 Jahre, aber doch ein ordentliches Pfund deutsche Geschichte vermessen.

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